Panorama

"Es schien alles so einfach" MH370-Angehörige teilt ihren Schmerz

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"Ich fühle noch immer seine Anwesenheit": Sarah Bajc, inmitten von Umzugskartons in ihrer Pekinger Wohnung. Mit ihrem Lebensgefährten wollte sie nach Kuala Lumpur ziehen. Seit dem 8. März gilt Philip Wood als verschollen.

(Foto: cnn.com)

Die Behörden geben die Hoffnung auf Überlebende auf, doch das Schicksal der Menschen an Bord von Flug MH370 ist noch immer ungeklärt. In aller Öffentlichkeit stellt sich eine verzweifelte Angehörige eines vermissten US-Passagiers dem Grauen.

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Das Schweigen der Motoren: Die widrige Wetterlage im Suchgebiet hält die Seefernaufklärer der internationalen Suchmission am Boden.

(Foto: imago/Xinhua)

Volle 16 lange Tage lieh Sarah Hamil Bajc der Hoffnung ihr Gesicht: In einer mutigen, fast verzweifelten Art der Traumatheraphie stellte sich die Lehrerin den Ängsten um ihren Freund und Lebenspartner Philip Wood, der sich an Bord jenes Linienflugs der Malaysia Airlines Flug MH370 von Kuala Lumpur nach Peking befunden haben muss.

Woods Name steht auf der offiziellen Passagierliste. Seit dem Abflug am 7. März gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Als Sarah die Nachricht erreichte, dass der Kontakt zu dem Flugzeug abgebrochen ist, sah sich die engagierte Amerikanerin unvermittelt mit einem Albtraum konfrontiert. Plötzlich stand sie mitten im Zentrum des Wirbels, inmitten der bislang größten und rätselhaftesten Tragödie der Luftfahrtgeschichte

Spurlos verschwand ihr Lebensgefährte Philip, ein 51-jähriger gebürtiger Texaner, mit einer kompletten Boeing 777-200 und 238 weiteren Menschen an Bord aus ihrem Leben. Kein Notruf, kein Wort des Abschieds, keine letzte SMS.

Seit dem 8. März gilt Philip offiziell als vermisst. Er ist einer von drei US-Staatsangehörigen an Bord der unter mysteriösen Umständen verschwundenen Passagiermaschine - und damit Zielobjekt einer multinationalen Suchaktion mit teils wirren, teils höchst fragwürdigen diplomatischen, politischen und geheimdienstlichen Verwicklungen.

Kennengelernt hatten sich Philip und Sarah in einer Bar namens "Nashville" in Peking. Sarah arbeitete dort als Lehrerin an einer Internationalen Schule, Philip als leitender Angestellter bei IBM China. Kurz darauf zogen sie zusammen und planten eine gemeinsame Zukunft, einen beruflichen und persönlichen Neuanfang. Der Umzug nach Kuala Lumpur stand kurz bevor. Die Arbeitsverträge waren bereits unterschrieben, die "perfekte" Wohnung gefunden.

Ein letzter Rückflug nach Peking

"Alles kam wie von selbst zusammen", erinnerte sich Sarah in einem der vielen Interviews, die sie in den vergangenen zwei Wochen gegeben hat. "Es schien alles so einfach." In jener Nacht, in der Philip sich beeilen musste, um seinen Linienflug nach Peking zu bekommen, war Sarah damit beschäftigt, ihre Sachen in Umzugskartons zu verpacken.

Die Horrornachricht vom Verschwinden der Maschine stürzte Sarah in eine Phase mit "wenig Schlaf und klarem Schmerz", wie die "Washington Post" ihr auf einen Schlag komplett umgekrempeltes Leben beschrieb. Seit dem 8. März gibt es ein Davor und Danach. Traumaexperten wissen: Schock und Verzweiflung können sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrufen wie etwa Wut, Unverständnis, Zweifel oder auch blinde Schuldzuweisungen oder gar - wie in Peking geschehen - aggressive Ausbrüche. Sarah hat ihren eigenen Weg gefunden. Sie sucht den Kontakt zur Öffentlichkeit.

Die Suche nach MH370

Die Suche nach Beweisen für einen Absturz der Boeing 777-200 der Malaysia Airlines im Süden des Indischen Ozean wurden aufgrund des schlechten Wetters zunächst unterbrochen. Im Suchgebiet herrschen derzeit nach Angaben australischer Behörden Windgeschwindigkeiten mit Böen von bis zu 80 Stundenkilometern. Starker Regen und tief hängende Wolken behinderten die Sicht.

Flug MH370 mit insgesamt 239 Insassen an Bord war am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking aus bislang ungeklärten Gründen von den Radarschirmen verschwunden. Nach Angaben der malaysischen Regierung stürzte die Maschine in einem abgelegenen Gebiet rund 2500 Kilometer vor der westaustralischen Stadt Perth ins Meer.

In ihren Interviews wiederholt sie ihre Kernsätze. Man dürfe die Hoffnung nicht zu früh aufgeben. Sie fordert verstärkte Suchanstrengungen. Sie will keine Möglichkeit unversucht lassen. Sie kann nicht anders.

Mit eigens eingerichteten Seiten bei Twitter und Facebook hält Sarah Kontakt zu Reportern, Betroffenen und wildfremden Menschen, die in zahlreichen Kommentaren ihr Mitgefühl ausdrücken. Sie appellierte auch an etwaige Entführer, die Passagiere des Flugzeugs freizulassen. Sie hätten doch schon weltweite Aufmerksamkeit erreicht, sagte sie unter Tränen bei CNN. Sie habe dieses deutliche Bauchgefühl, dass Philip noch lebe und auf seine Rettung warte.

Diese Hoffnung dürfte der Premierminister von Malaysia nun zerschlagen haben. Gestützt auf eine angeblich neue Analyse von Satellitendaten verkündet er am Montag, dass die Behörden von einem Absturz über dem offenen Meer ausgehen. Das britische Unternehmen Inmarsat und die für Flugunfälle zuständigen Behörde in Großbritannien seien zu der Erkenntnis gekommen, dass sich Flug MH370 weit hinaus über den südlichen Indischen Ozean bewegt haben muss. Die letzte mögliche Position liege mitten auf hoher See, fernab jedweder Landemöglichkeit. Damit besteht nach Ansicht der Behörden keine Aussicht auf Überlebende.

Noch immer kein Beweis

Es ist ein schwerer Schlag, eine furchtbare Feststellung - für alle Angehörigen der Menschen an Bord von Flug MH370. Allerdings ist es bislang nur eine Stellungnahme, die ausschließlich auf Indizien beruht. Einen handfesten Beweis, etwa in Form eines Trümmerteils, das der vermissten Boeing zweifelsfrei zugeordnet werden kann, steht noch immer aus. Wirklich aufgeben können die Angehörigen erst, wenn das Wrack tatsächlich gefunden wird.

Auch Sarah will nun zunächst versuchen, der schmerzhaften Aussicht auf einen endgültigen Verlust ins Auge zu sehen. Den Behörden in Malaysia macht sie keine Vorwürfe. Immerhin kann sie zusammen mit Philips Familie nun damit anfangen, den Tod ihres Lebensgefährten zu betrauern.

"Ich fühle noch immer seine Anwesenheit", schrieb sie in einer ersten Reaktion. "Es kann nicht wahr sein, es ist so surreal. Aber vielleicht ist es schon die ganze Zeit nur seine Seele."

Quelle: ntv.de