Panorama

Kampf gegen Pädo-Kriminelle Missbrauchsbilder machen die Seele krank

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Die Täter verteilen ihr Material über ein breites Netzwerk.

(Foto: picture alliance/dpa)

Terabyte voller Dateien mit Kinderpornos. Die Polizisten der Ermittlungsgruppe "Berg" müssen sich alle verstörenden Bilder anschauen, um Täter zu identfizieren und Kinder aus aktuellen Missbrauchssituationen zu retten. Es ist eine überaus belastende Arbeit - und die Aufgabe wird immer größer.

Mit entschlossenen Schritten durchquert Michael Esser den grauen Konferenzraum, lässt sich auf einen Stuhl fallen und blickt in die Gesichter seiner Kollegen - sie alle gehören zur Führungsriege der "BAO Berg", der größten Ermittlungsgruppe in der Geschichte der Bundesrepublik. Alles, was in den nächsten Minuten an dem Tisch besprochen wird, ist streng vertraulich. Michael Esser hört seinen Kollegen aufmerksam zu, der 52-jährige Kriminaldirektor leitet die Ermittlungen. 94 Tatverdächtige und 48 Opfer, das ist bislang die erschütternde Bilanz seines Teams. Im Oktober 2019 ist die Sondereinheit gegründet worden, um den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach zu zerschlagen.

In seiner über 30 Jahre langen Karriere bei der Polizei hatte es Michael Esser vor allem mit Terrorbekämpfung zu tun. Der 52 Jahre alte Rheinländer leitet den Staatsschutz des Polizeipräsidiums Nordrhein-Westfallen. Einer seiner bekanntesten Fälle ist die Geiselnahme mit einem Brandbombenanschlag im Oktober 2018 am Hauptbahnhof in Köln.

Als Leiter der "BAO Berg" kämpft Esser nun gegen eine andere Form des Terrors – seine Gegner sind nun Pädokriminelle, die die Möglichkeiten des Internets skrupellos ausschöpfen. Als ginge es um banale Treffen in der Kneipe unter alten Freunden - so verabredeten sich Familienväter in Chats offenbar zum gemeinsamen sexuellen Missbrauch ihrer Kinder.

Harmlose Familienväter, idyllische Häuser

In den Chats sollen hunderte Teilnehmer gewesen sein, mehrere Terabyte Daten sind bei Verdächtigen beschlagnahmt worden und müssen nun von den Ermittlern gesichtet und ausgewertet werden. Ein Albtraum. "Es ist eine belastende Situation. Zu wissen, es gibt Kinder, die in Gefahr sind, die wir aber noch nicht identifiziert bekommen. Da setzen wir dann immer alles dran", erklärt Esser. Für ihn und sein Team hat die Rettung der Kinder oberste Priorität. Zwischen extremistischen Terror und Kindesmissbrauch erkennt Esser daher Parallelen: "Köpfungsvideos machen die Seele krank. Ich glaube, Kindesmissbrauch macht auch die Seele krank, wenn man sich die anschauen muss."

Die Zahl der Tatverdächtigen und der Opfer steigt, laut Esser, nahezu täglich. Der Ermittler ist selbst Familienvater. In den vergangenen Monaten hat sein Team bei vielen fremden Familien angeklopft, scheinbar idyllische Häuser auf verräterische Spuren durchsucht, auf den ersten Blick geordnete Leben auf den Kopf gestellt. "Wenn wir dahinkommen, dann passiert da etwas. In den meisten Fällen haben die Mütter der geschädigten Kinder keine Ahnung, dass ihre Lebenspartner oder Ehemänner die Kinder missbrauchen. Wenn wir erst mal den Täter aus der Familie herausreißen, wird er mit uns zur Wache genommen. Die übrigen Familienangehörigen werden aber auch aus der Wohnung herausgeholt. Wir müssen Häuser teilweise komplett leerräumen, um auch sicherzustellen, dass wir alle Datenträger finden."

Scheinbar harmlose Familienväter kommen dann in Verhörräume, Ehefrauen sind entsetzt – und die Kinder, die Opfer des sexuellen Missbrauchs waren, sie scheinen zum Teil in einem Gefühlschaos zu sein. "In dieser Situation werden die Kinder von ihrem Vater getrennt und für mich war sehr beeindruckend, als ein Kind dann nach dem zweiten Tag fragte: Wo ist der Papa, wo ist der Papa? Das Erschreckende daran: Die Kinder wissen gar nicht, was ihnen passiert ist, was ihnen widerfahren ist, sie sehen es als normal an, diese Missbrauchshandlungen durchstehen zu müssen."

Angehörige reagieren ganz unterschiedlich

Bislang konnten 49 Missbrauchsopfer identifiziert werden. Es sind Kinder, die zwischen drei Monaten und 15 Jahren alt sind. "Erst mal zeigen die Angehörigen blankes Entsetzen, weil sie das vorher nicht geahnt haben. In der Folge realisieren sie dann die Taten. Spätestens auch dann, wenn die Kinder erklären, was ihnen widerfahren ist und wenn sie von uns die Bilder gezeigt kriegen, dann ist die Reaktion unterschiedlich. Manche unterstützen weiter den Ehemann, manche lassen sich scheiden oder trennen sich."

Auch die Ermittler stoßen an ihre Grenzen. Jeden Tag schauen sie die kinderpornografischen Bilder und Videos an. Dabei suchen sie wichtige Hinweise im Bildraum, die Aufschluss zur Identität von Opfer und Täter geben. Der Blick für das Detail ist entscheidend, während zugleich grausige Handlungen über den Bildschirm flimmern. Um sich zu schützen, treffen die Ermittler bei Ihrer Arbeit wichtige Schutzmaßnahmen. Welche, das weiß Ruth Emmerich, sie arbeitet seit einem Jahr bei der Kölner Polizei als psychosoziale Fachkraft, betreut die Ermittler der "BAO Berg". Sie erklärt, dass manche Ermittler den Ton bei den Videos ausdrehen würden oder sich rein auf schnitttechnische Elemente konzentrieren. Zugleich stehen die Ermittler aber auch wegen des großen öffentlichen Interesses unter Druck, erklärt Emmerich.

Zu den absoluten Spitzenzeiten arbeiteten 350 Polizistinnen und Polizisten bei der "BAO Berg", gerade sind es bis zu 140 Beamte. Die Arbeit ist für manche Ermittler eine enorme seelische Belastung, ihnen stehen deshalb Betreuer zur Seite, mit ihnen können sie Strategien entwickeln, um im Arbeitsalltag besser zurechtzukommen und auch in der Freizeit wieder abschalten zu können. Jeder Beamte sei aber freiwillig im Team, betont Esser. Wird die Arbeit für einen Ermittler zu belastend, sei es auch möglich, wieder in einen anderen Bereich bei der Polizei zu wechseln. Für viele Beamte kommt Aufgeben dennoch nicht infrage, sie sichten weiter das Material, um die Opfer zu befreien und die Täter ihrer Strafe zuzuführen. Esser geht davon aus, dass seine Arbeit noch lange nicht beendet sein wird. "Wir sind definitiv nur an der Spitze des Eisberges tätig. Je mehr wir suchen, desto mehr werden wir auch finden, davon müssen wir ausgehen".

Quelle: ntv.de