Panorama

Waffendebatte flammt neu auf Sechsjährige beigesetzt

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"Betet für Newtown" steht auf einem von Stofftieren umgebenen Schild nahe des Friedhofs der Stadt.

(Foto: AP)

Noch hat US-Präsident Obama keine konkreten Vorschläge, wie die Waffengesetze des Landes verschärft werden könnten. Andere Politiker reagieren schneller - selbst wenn sie Mitglied der Waffenlobby sind. Derweil werden die ersten Opfer des Amoklaufs an einer Grundschule beigesetzt. Trittbrettfahrer sorgen für Aufregung.

In der Debatte um eine Verschärfung des Waffenrechts nach dem Amoklauf von Newtown hat US-Präsident Barack Obama noch keine genauen Vorschläge. Obamas Sprecher Jay Carney sagte, noch gebe es "keine spezifische Agenda" zu verkünden. Der Präsident werde sich "in den kommenden Wochen" konkreter zu dem Thema äußern. Grundsätzlich unterstütze Obama aber eine Neuauflage des 2004 ausgelaufenen Verbots von halbautomatischen Waffen wie Sturmgewehren, sagte Carney.

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Vor dem Hauptsitz der US-Waffenlobby NRA protestieren Menschen für eine stärkere Waffenkontrolle.

(Foto: dpa)

Derweil wurden in der Stadt die ersten beiden Opfer des Amoklaufs beigesetzt. Die beiden Jungen waren sechs Jahre alt. Bei einer Trauerfeier am Sonntagabend hatte Obama zuvor ein Ende "dieser Tragödien" gefordert: "Tun wir genug, um unsere Kinder zu schützen? Ich habe darüber in den vergangenen Tagen nachgedacht und wenn wir ehrlich sind mit uns selbst, ist die Antwort: nein", sagte er. Obama forderte Konsequenzen, ohne direkt eine Gesetzesänderung vorzuschlagen.

Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein aus Kalifornien kündigte unterdessen eine Gesetzesinitiative zur Verschärfung des Waffenrechts an. Sie kündigte an, am 3. Januar, dem ersten Tag der neuen Legislaturperiode, ein neues Waffengesetz in den Kongress einzubringen. Dieses soll Sturmgewehre und Magazine mit mehr als zehn Patronen verbieten. Sie äußerte sich zuversichtlich, dass Obama diesen Vorstoß unterstützen werde.

Der demokratische Senator von West-Virginia, Joe Manchin, der in der Waffenindustrie viel Geld verdient hat, rief den US-Kongress und die Waffenlobby zur Diskussion über eine Änderung der Waffengesetze auf. Manchin, der selbst Jäger ist und der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) angehört, sagte MSNBC, dass der freie Zugang zu Sturmgewehren nicht sinnvoll sei. Die NRA müsse bei der Reform der Waffengesetze kooperieren.

Waffendichte weltweit

Waffen im Privatbesitz pro 100 Einwohner:

  1. USA: 88,8 (270 Millionen)
  2. Jemen: 54,8 (11,5 Millionen)
  3. Schweiz: 45,7 (3,4 Millionen)
  4. Finnland: 45,3 (2,4 Millionen)
  5. Serbien: 37,8 (3,1 Millionen)
  6. Zypern: 36,4 (0,3 Millionen)
  7. Saudi- Arabien: 35,0 (6 Millionen)
  8. Irak: 34,2 (9,8 Millionen)
  9. Uruguay: 31,8 (1,1 Millionen)
  10. Schweden: 31,6 (2,8 Millionen)

Deutschland landet mit 30,3 Waffen pro 100 Einwohner (25 Millionen) auf Rang 15.

Quelle: Small Arms Survey 2007

Nach ähnlichen Amokläufen in den vergangenen Jahren hatte es wiederholt Debatten über eine Verschärfung des Waffenrechts gegeben. Das Recht der Bürger auf Waffenbesitz stand dabei nicht zur Disposition. Doch wurde wiederholt ein Verbot großkalibriger Gewehre und bestimmter Schnellfeuerwaffen erwogen. Diese Vorschläge scheiterten jedoch bislang am Widerstand der mächtigen Waffenlobby. Ein unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton 1994 in Kraft getretenes Verbot einer Reihe halbautomatischer Waffen, darunter von Sturmgewehren, war im Jahr 2004 unter seinem republikanischen Nachfolger George W. Bush ausgelaufen.

Erste Kinder beigesetzt

Auf den Internetseiten des Weißen Hauses unterschrieben seit Freitag mehr als 145.000 Menschen eine Petition für ein strengeres Waffenrecht. Der parteilose Senator Joseph Lieberman, der im Januar seine Karriere im Kongress beendet, mahnte im Nachrichtensender CNN, den Moment für schärfere Gesetze nicht verstreichen zu lassen.

Die Bewohner von Newtown im US-Bundesstaat Connecticut nahmen derweil von den  ersten der 20 getöteten Kinder Abschied. Zwei sechsjährige Jungen, Noah Pozner und Jack Pinto, sollten in Newtown und in der Nachbarstadt Fairfield beerdigt werden. Zahlreiche Menschen bezeugten den Angehörigen ihr Beileid, viele von ihnen in Begleitung ihrer Kinder. Am Dienstag sollten zwei sechsjährige Mädchen zur letzten Ruhe gebettet werden. Bei dem Massaker starben zwölf Mädchen und acht Jungen, fünf Lehrerinnen und eine Schulpsychologin. Die Kinder waren zwischen sechs und sieben Jahre alt.

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An der Sandy Hook Grundschule in Newtown gedenken die Menschen der ermordeten Kinder und Erwachsenen.

(Foto: dpa)

Alle Schulen der Stadt blieben geschlossen. Sie sollten am Dienstag wieder öffnen, mit Ausnahme der betroffenen Sandy-Hook-Grundschule. Diese bleibt nach Polizeiangaben wegen der laufenden Untersuchungen bis auf weiteres geschlossen. Diese könnten noch Monate andauern, hieß es. Die Polizei sei zudem weiter damit beschäftigt, Zeugen zu verhören. "Es gibt viele, viele Zeugen und wir werden nicht aufhören, bis wir jeden einzelnen davon befragt haben", sagte Polizeisprecher Paul Vance. Kinder würden nur im Beisein speziell ausgebildeter Experten und ihrer Eltern vernommen.

Trittbrettfahrer schrecken Behörden auf

Derweil sorgten Trittbrettfahrer für Verunsicherung: In der 30 Kilometer von Newtown entfernten Stadt Ridgefield wurden nach Behördenangaben sämtliche Schulen wegen einer "verdächtigen Person" vorübergehend abgeriegelt. Vorsorglich wurden auch die Schulen im nahen Redding geschlossen. Nach einiger Zeit gab die Polizei Entwarnung, weil bei Durchsuchungen keine "gefährliche Aktivität" entdeckt worden sei. In Los Angeles wurde am Sonntag ein Mann festgenommen, der bei Facebook gedroht hatte, mehrere Grundschulen anzugreifen. Die Polizei habe im Haus des Mannes mehrere Waffen gefunden, berichtete der Sender NBC4.

Der 20-jährige Amokläufer Adam Lanza hatte am Freitag 20 sechs- und siebenjährige Schüler der Sandy-Hook-Grundschule sowie sechs Erwachsene getötet. Zwei Erwachsene wurden verletzt. Zuvor erschoss er zuhause seine Mutter. Nach dem Blutbad nahm er sich das Leben. Unter den Opfern war auch die Rektorin der Schule, Dawn Hochsprung, die Lanza noch zu beruhigen versucht hatte. Ihr Ehemann George sagte im Sender CNN, er sei zunächst wütend gewesen, dass sich seine Frau selbst in Gefahr gebracht habe. Inzwischen sei er "nur sehr traurig".

Nach jüngsten Ermittlungsergebnissen verübte Attentäter Lanza seine Taten hauptsächlich mit einem Sturmgewehr vom Typ Bushmaster. Er habe "viele, viele Schüsse, hunderte" abgefeuert, sagte Polizeisprecher Paul Vance. Dabei ging Lanza äußerst brutal vor: Ersten Erkenntnissen der Gerichtsmediziner zufolge feuerte Lanza bis zu elf Schüsse auf einzelne Opfer ab. Allein auf die sieben Todesopfer, die er selbst untersucht habe, sei "drei bis elf Mal" geschossen worden, sagte der Gerichtsmediziner Wayne Carver sichtlich erschüttert bei einer Pressekonferenz. Auch die Mutter des Amokläufers war nach einem Bericht der "New York Times" eine Waffennärrin. "Sie liebte Waffen", schrieb die Zeitung. Sie habe ihren Sohn mit auf den Schießstand genommen.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/rts/dpa