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Gutachter liefert Psychogramm Silvio S. bestreitet pädophile Neigungen

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Silvio S. verweigert im Prozess die Aussage.

(Foto: dpa)

Er hat Angst vor Menschen und Sehnsucht nach deren Nähe, so beschreibt ein Gutachter Silvio S.. Elias und Mohamed will S. aus Einsamkeit mitgenommen haben, denn pädophil sei er nicht.

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S. hat der forensisch-psychiatrische Gutachter Matthias Lammel seine Erkenntnisse erläutert. Lammel hatte an zwei Tagen je vier Stunden mit S. gesprochen. In diesen Gesprächen habe S. pädophile Neigungen abgestritten. "Er hat ein sexuelles Interesse an Kindern negiert. Das habe er nie gehabt. Er habe sich auch nie Kindersendungen angesehen", gab der psychiatrische Gutachter beim Landgericht Potsdam aus einem Gespräch in der Untersuchungshaft wieder.

Seine Wohnung habe er einfach eingerichtet mit Fernsehen und Computer, aber ohne Internet, habe S. berichtet. Mit einem Kumpel habe er Ballerspiele gespielt oder DVDs ausgeliehen. Er habe auch Pornofilme über einen Versand bestellt, die habe er nicht versteckt und viel angesehen. An Schwulen- und Kinderpornos habe er kein Interesse gehabt. Den Garten, in dem er später Elias vergrub, habe er sich zugelegt, weil er "etwas Eigenes" haben, "nicht ständig kontrolliert" werden wollte.

S. berichtete dem Gutachter, er traue sich nicht, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Er hätte gern einen echten Freund, habe auch Sehnsucht nach Frau und Kindern. Aber habe er es nicht geschafft, auf andere zuzugehen, weder auf Frauen noch auf Männer. Aus Angst vor Ablehnung hatte er noch eigenen Angaben noch nie Sex. Er habe gesagt, er hätte gern eine Freundin gehabt, erinnerte sich der Gutachter. "Aber wie man das zustande bringt, sei ihm schleierhaft. Außerdem hatte er zu viel Angst."

Außenseiter, aber nicht krank

Silvio S. sei nicht vorbestraft, nie in einer psychiatrischen Klinik untergebracht gewesen, auch eine Intelligenzminderung konnte der Gutachter nicht feststellen. Ebenso keinen Alkohol- oder Drogenmissbrauch, keine seelische Störung, keine Beeinträchtigung der Einsichtsfähigkeit. Der Angeklagte habe zwei Kochlehren abgebrochen und schließlich Fliesenleger gelernt. Seine Kindheit habe S. ihm gegenüber als normal beschrieben, die Eltern hätten eine gute Ehe geführt. Sich selbst beschrieb S. demnach als schüchtern, als ausgegrenzt, aber nicht geächtet. "Ich war Außenseiter, wurde dämlich angemacht, ich stinke, sei dumm und hässlich." Seine Lieblingsfächer in der Schule seien Zeichnen, Musik und Sport gewesen. Bei Diktaten und im Lesen sei er eher schlecht gewesen, aber nie sitzengeblieben.

S. habe von sich selbst immer wieder schlecht gesprochen, er sei ein schwacher Mensch, ohne Durchsetzungsvermögen. Er sei auch nie wütend gewesen, "höchstens auf mich selbst". Dumm sei er, könne nichts gut. Den sechsjährigen Elias und den vierjährigen Mohamed habe er aus Einsamkeit mitgenommen. Zur Anklage, er habe die Jungen entführt und umgebracht, habe sich S. auf Anraten seiner Verteidiger nicht geäußert. Zu dem Leben, was er nach Verbüßung einer möglichen Strafe führen wolle, habe S. gesagt, er wolle ein lebenswertes Leben mit Geld, einer Frau, einem Haus und einem Auto.

Lammel fasste seine Erkenntnisse über S. so zusammen: Der Angeklagte sei ein Mensch mit sehr ausgeprägtem geringem Selbstwertgefühl, der schon dem Blickkontakt ausweicht und auch sonst starke Rückzugstendenzen zeige. Der Gutachter vermutet eine Kontaktstörung, S. wirke schizoid, ängstlich und vermeidend, agiere sehr misstrauisch, habe nicht besonders viel soziale Kompetenz.

Silvio S. soll beide Jungen im vergangenen Jahr entführt und umgebracht haben. Ein Video zeigt den Missbrauch an Mohamed. Ob Elias missbraucht wurde, ist nicht ganz sicher - der Gerichtsmediziner ist aber davon überzeugt. Die Staatsanwaltschaft forderte indes in ihrem Plädoyer die Höchtstrafe. Ankläger Peter Petersen beantragte beim Landgericht Potsdam lebenslange Haft, Sicherungsverwahrung und das Feststellen von besonderer Schwere der Schuld. Dies würde eine spätere Freilassung des 33-Jährigen stark erschweren.

Ein Urteil wird für Dienstag nächster Woche erwartet.

Quelle: n-tv.de, sba

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