Panorama

Macht, Folter, Tod So gingen die Täter von Höxter vor

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Was hinter den Mauern des Hauses in Höxter-Bossenborn vorging, ahnte niemand.

(Foto: dpa)

Auch für die erfahrenen Ermittler der Mordkommission sind die Vernehmungen von Angelika W. nicht leicht. Seit die 47-Jährige und ihr 46-jähriger Ex-Ehemann am vergangenen Freitag festgenommen wurden, kommen immer neue Details über die Taten der beiden ans Licht. Der Leiter der Mordkommission "Bosseborn", Ralf Östermann, spricht von "Abgründen", die sich vor den Ermittlern auftaten. Und längst sind noch nicht alle Fragen beantwortet.

Wieviele Opfer gibt es?
Bisher sind zwei Todesopfer des Paares sicher, die 41-jährige Susanne F. und die 33-jährige Annika W. Über den Tod von Susanne F. wurden die Behörden überhaupt auf Angelika und Wilfried W. aufmerksam. Sie war die schwerverletzte Frau, die das Paar noch versucht hatte, zurück in ihre Wohnung zu schaffen. In der Pressekonferenz sagte Östermann, dass Susanne F. in ihrer eigenen Wohnung sterben sollte. Das Täterpaar war sich also offenbar im Klaren über den Zustand seines Opfers. Nur weil das Auto der Täter kaputt ging, landete Susanne F. überhaupt in einem Krankenhaus, in dem den Ärzten die schweren Verletzungen auffielen. So viel Glück hatte Annika W. nicht. Sie starb bereits 2014 an den Folgen der schweren Misshandlungen.

Warum wurde Annika W. nicht vermisst?
Annika W. wurde offiziell auf dem Hof in Höxter angemeldet, nachdem sie Wilfried W. 2013 geheiratet hatte und zu ihm gezogen war. 2014 meldete W. sie wieder ab, mit der Begründung, sie sei in die Niederlande gezogen. Tatsächlich war Annika W. tot, ihre Leiche froren die Täter zunächst in der Tiefkühltruhe ein. Später zerstückelten sie den Leichnam und verbrannten die Teile nach und nach im Kamin des Hauses. Die Asche verteilten sie in der Umgebung. Sichtlich bewegt berichtete Östermann, Annika W.s Mutter habe erst durch ihn vom Tod der Tochter erfahren. Offenbar hatten die Täter von Annika W.s Handy aus immer mal wieder beruhigende Textnachrichten verschickt, die die Familie glauben ließen, der Frau gehe es gut.

Was ist über das Täterpaar inzwischen bekannt?
Wilfried W. war bereits 1995 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, weil er seine damalige erste Ehefrau massiv misshandelt hatte. Die Strafe verbüßte er fast komplett. Nach Aussagen der Ermittler waren Wilfried und Angelika W. seit 1999 ununterbrochen zusammen. Von 1999 bis 2013 waren die beiden miteinander verheiratet. Angelika W. zufolge wurde auch sie immer wieder "massiv misshandelt". In ihrer Vernehmung sagte sie aus, sie sei ihm "hörig" gewesen. Beide lebten von Hartz IV. Das Haus in Höxter-Bosseborn hatten sie gemietet, die Miete zahlten sie bar. Zu den Nachbarn gab es kaum Verbindungen.

Wie lernten die Täter ihre Opfer kennen?
Das Paar lockte die Frauen mit bundesweit und in Tschechien geschalteten Anzeigen auf seinen Hof. Glaubte man den Annoncetexten suchte Wilfried W. eine "feste Partnerin mit Sinn für das Landleben". "Romantisch, familiär, fürsorglich, bescheiden, geduldig, zärtlich" – zwischen Mitte 20 und Mitte 50, so sollte die künftige Frau sein. Eine Frau, die Anfang 2013 auf diese Anzeige geantwortet hatte, berichtete, W. sei zunächst nett und sympathisch gewesen und habe sie unbedingt treffen wollen. Als sie zögerte, habe er ihr Nacktfotos geschickt. Schließlich habe Angelika W. bei ihr angerufen, sie im Namen des "Bruders" bedrängt und später auch beschimpft. Die Frau fuhr nicht nach Höxter, das rettete ihr möglicherweise das Leben.

Was tat das Paar seinen Opfern an?
Wenn es dem Paar gelang, ein Opfer zu sich zu locken, gingen sie offenbar eine Dreiecksbeziehung ein. Inwieweit dies zu Beginn der Beziehung auf Freiwilligkeit beruhte, können die Ermittler noch nicht sagen. Die Opfer lebten mit dem Paar "im Prinzip" gemeinsam im Haus, sagen die Ermittler. Es habe keinen separaten Raum gegeben. Wenn die Frauen aber "aufsässig" geworden seien, seien sie etwa an Heizkörper oder in der Badewanne gefesselt worden - oft die ganze Nacht. Den Opfern seien büschelweise Haare ausgerissen worden. Das sei wohl der Grund, weshalb sie kahlgeschoren worden seien. Die Frauen seien mit den beiden Beschuldigten auch in Höxter unterwegs gewesen. Warum sie bei diesen Gelegenheiten nicht flohen, ist noch nicht geklärt.

Was ist das Motiv der Täter?
Bisher sehen die Ermittler das Motiv eher "im Bereich der Machtausübung" als im sexuellen Bereich. Es gebe "Anhaltspunkte für sadistische Züge". Sowohl Angelika W. als auch Wilfried W. sollen psychiatrisch begutachtet werden. Anhaltspunkte für eine verminderte Intelligenz bei den beiden Beschuldigten haben die Ermittler nach eigenen Angaben nicht. Die beiden seien im Gegenteil "recht planvoll" vorgegangen.

Spricht auch Wilfried W. mit den Ermittlern?
Ja, aber er bestreitet alle Vorwürfe. Ihm zufolge war seine Ex-Frau die Haupttäterin. Die Ermittler vermuten, dass es andersherum war und glauben den Schilderungen von Angelika W. Allerdings sind sie nicht sicher, ob sie schon "alles gesagt hat, was sie weiß".

Gibt es noch mehr Opfer?
Es gibt mehrere Hinweise auf weitere misshandelte Frauen. So werde derzeit eine Frau im Großraum Berlin vernommen. Sie hatte sich selbst bei den Ermittlern gemeldet, nachdem sie das Haus in Höxter in den Medien wiedererkannte hatte. Konkrete Hinweise, dass eine dritte Frau in dem Haus in Höxter gestorben ist, gibt es nach Angaben von Mordkommission und Staatsanwaltschaft nicht. Noch seien aber möglicherweise nicht alle Geschädigten bekannt. Die Polizei bat deshalb mögliche weitere Opfer sich zu melden.

Quelle: ntv.de

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