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Flüchtlinge, Freizeit, Freunde So ticken unsere Kinder

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Die 4. World Vision Kinderstudie gibt Kindern von sechs bis elf Jahren eine Stimme und macht deutlich: Kinder sind Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelten.

World Vision

Was machen sie in ihrer Freizeit? Wie verstehen sie sich mit ihren Eltern, Freunden und Schulkameraden? Welche Wünsche, Ängste und Hoffnungen haben unsere Kinder? Und was denken sie eigentlich über Flüchtlinge?

Die meisten Kinder in Deutschland fühlen sich wohl und sind zufrieden. Das ist die gute Nachricht, aber nur eines der Ergebnisse der aktuellen World Vision Kinderstudie. Bemerkenswert ist die hohe Empathie der Kinder mit geflüchteten Menschen und ihre Bereitschaft zum Teilen. Auf der anderen Seite hat schon jedes fünfte Kind Erfahrungen mit Armut gemacht und bleibt deshalb im Alltag an vielen Stellen ausgeschlossen. Noch immer zieht sich die "Herkunftsschicht" wie ein roter Faden durch die Lebenssituation der Kinder und die damit verbundenen Teilhabechancen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Familie

Kinder wachsen in vielfältigen Familienformen auf. Die große Mehrheit (70 Prozent) der Sechs- bis Elfjährigen lebt mit beiden leiblichen und miteinander verheirateten Elternteilen zusammen. Mit einem alleinerziehenden Elternteil wachsen knapp 20 Prozent auf, die restlichen Kinder wohnen mit unverheirateten Eltern oder in Patchwork-Familien. Jedes dritte Kind von erwerbstätigen Alleinerziehenden klagt über zu wenig Zeit mit den Eltern. Auch die meisten dazugehörigen alleinerziehenden Elternteile berichten, dass Familie und Beruf nur schwer unter einen Hut zu bringen sind. Sind die Eltern zusammen und beide in Vollzeit beschäftigt, empfinden nur acht Prozent der befragten Kinder Defizite bei der Zuneigung.

Schule

Kaum überraschend dürfte die Tatsache sein, dass Kinder mit steigendem Alter die Lust an der Schule verlieren. Von den Sechs- und Siebenjährigen sagen immerhin 61 Prozent, dass ihnen der Unterricht sehr gut gefällt. Unter den Elfjährigen sehen das nur noch 33 Prozent so. Ähnlich ist es bei der Zufriedenheit mit den Lehrern. Sie sinkt hier mit steigendem Alter von 64 auf 37 Prozent. Deutlich stabiler bleibt der Anteil derjenigen, die sich mit den Mitschülern sehr wohl fühlen. Mädchen denken eher von sich, eine "sehr gute" oder "gute" Schülerin zu sein als dies die Jungen in Bezug auf ihre Person tun. Drei Prozent der Kinder haben "sehr oft" und 15 Prozent öfter Kopf- oder Bauchschmerzen. Je älter die Kinder sind, desto häufiger empfinden sie diese Stress-Symptome. Mädchen sind etwas häufiger betroffen als die Jungen.

Ob ein Kind das Abitur anstrebt, hängt am stärksten von seiner sozialen Herkunft ab - und zwar unabhängig davon, wie es seine eigenen schulischen Leistungen einschätzt. "Kein anderer Faktor prägt Kinder so nachhaltig und umfassend negativ wie Armut im Elternhaus. Hier versagt die Politik bislang auf ganzer Linie", kritisiert Gudrun Schattschneider.

Freizeit und Freunde

Freunde treffen, Sport machen und YouTube oder Fernsehen schauen: Das sind die häufigsten drei Freizeitbeschäftigungen von Sechs- bis Elfjährigen. Die Anzahl der Kinder, die sich mit Freunden treffen, ist in den vergangenen zehn Jahren allerdings um zwölf Prozent gefallen. Dass diese Entwicklung auf eine zunehmende Mediennutzung zurückgeht, bestätigt die Studie jedoch nicht. Weder das Spielen mit digitalen Medien noch der Fernsehkonsum sind bei der Zielgruppe in dieser Zeit angestiegen. Auch das Bücherlesen ist leicht zurückgegangen. Mädchen gehören mit 20 Prozent deutlich häufiger zu den Leseratten. Eine zunehmende "Terminkindheit", in der die Kinder ständig verplant sind und von einem Kurs zur nächsten Aktivität hetzen müssen, ist den Studioautoren zufolge aber nicht zu beobachten.

Freundschaften sind für das Wohlbefinden von Kindern ein wichtiger Faktor, viele Freunde zu haben, steht für viele Kinder für ein gutes Leben. Je älter die Kinder, desto mehr Freunde haben sie: 26 Prozent er Sechs- bis Siebenjährigen, 33 Prozent der Acht- bis Neunjährigen und knapp die Hälfte der Zehn- bis Elfjährigen sagen, dass sie zehn oder mehr Freunde haben. In den alten Bundesländern sprechen die Kinder häufiger von einem großen Freundeskreis als in den neuen Bundesländern. Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei der Frage nach den "richtig guten" Freunden.

Handy und Internet

Inzwischen hat fast jedes zweite Kind zwischen sechs und elf Jahren ein eigenes Handy, meistens handelt es sich dabei um ein Smartphone. Von den Zehn- bis Elfjährigen sind sogar über 80 Prozent Besitzer eines Handys. Stärker noch als der Besitz eines Handys ist bei den Kindern in den letzten Jahren die Nutzung des Internets angestiegen: 38 Prozent der Kinder sind regelmäßig online - ein deutlicher Anstieg. Vor vier Jahren waren es noch 18 Prozent. Knapp jedes zweite Kind, das online geht, schaut "sehr oft" YouTube oder Filme. Andere nutzen vor allem WhatsApp oder Snapchat oder spielen Computerspiele.

Das Kommunizieren mit Freunden im Internet verdrängt aber keineswegs persönliche Freundschaften, fanden die Studienmacher heraus. Von den Zehn- bis Elfjährigen (die das Internet besonders intensiv nutzen) scheinen diejenigen mit besonders häufigen Online-Kontakten zu Gleichaltrigen ihre Freundschaften sowohl im Netz als auch im realen Leben zu führen.

Ängste

Zunehmend Angst haben Kinder vor: Terroranschlägen, dass ein Krieg ausbricht und vor Umweltverschmutzung. Allerdings räumen die Forscher ein, dass die Befragung kurz nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz stattgefunden hat, die Antworten also dadurch beeinflusst wurden.

Knapp die Hälfte hat außerdem Angst vor schlechten Schulnoten. Dass ihre Eltern arbeitslos werden, befürchten allerdings weniger Kinder als noch bei der vorherigen Befragung im Jahr 2013. Kinder der unteren Schicht haben generell vermehrt mit Ängsten zu kämpfen, inbesondere individuelle Ängste sind ein Thema. So sagen Kinder der unteren Schicht überdurchschnittlich oft, dass sie "sehr oft" und "manchmal" Angst vor schlechten Schulnoten haben, Angst davor, bedroht oder geschlagen zu werden, Angst vor Ausgrenzung durch andere Kinder und Angst vor der Arbeitslosigkeit der Eltern haben.

Armut

Wenn man nur wenig Geld zur Verfügung hat, dann ist das für Kinder ein doofes Gefühl, über das sie mit Freunden oder Schulkameraden nicht gern reden. Jedes fünfte Kind erlebt sich beziehungsweise seine Familie als arm. Die Begleiteffekte sind demnach "lang und deprimierend". Stufen sich Kinder im Grundschulalter als arm ein, beklagen sie zu wenig Zuwendung durch ihre Eltern. Sie haben deutlich weniger Vertrauen in die eigenen schulischen Leistungen. Sie betreiben deutlich häufiger exzessiven Medienkonsum, haben weniger Freunde, sind seltener in Vereinen aktiv, können seltener Freunde mit nach Hause nehmen und ihr Zugang zu Spielplätzen und zur Natur ist schlechter.

Mobbing

Fast jedes fünfte Kind gibt an, dass sie "ab und zu" gemobbt oder ausgegrenzt werden. Dass sie "oft" von Ausgrenzung betroffen sind, geben über alle Altersgruppen hinweg nicht mehr als zwei Prozent der Kinder an. Je niedriger die Herkunftsschicht, desto stärker das Empfinden, im Alltag ausgegrenzt oder gemobbt zu werden. Meist findet Ausgrenzung in der Schule statt (16 Prozent), deutlich seltener im Freundeskreis (2 Prozent) oder anderswo.

Flüchtlinge

Ein großes Thema waren auch die Flüchtlinge. Vier von fünf Kindern sagten, dass sie den Unterschied zu den Kindern aus Flüchtlingsfamilien gar nicht so groß finden, wenn man sich erstmal kennengelernt hat. Als größte Barriere, um miteinander besser in Kontakt zu kommen, erkannten die Kinder fehlende Deutschkenntnisse der Neuangekommenen. Ebenfalls vier von fünf Kinder sagen, dass ihnen die geflüchteten Kinder leid tun. Im Westen der Republik gehören bei 20 Prozent aller Sechs- bis Elfjährigen geflüchtete Kinder zum eigenen Freundeskreis, im Osten nur bei zehn Prozent.

Jedes vierte Kinder in den westlichen Bundesländern hat aber auch Bedenken, wenn immer mehr Ausländer nach Deutschland ziehen. In den östlichen Bundesländern äußerte sogar fast jedes zweite Kind diese Sorgen. Dabei spiegelten sich "bereits belegte Ost-West-Unterschiede aus der Erwachsenenwelt", schreiben die Studienautoren, und warnen: "Hier zeigt sich, wie früh eine fremdenfeindliche Atmosphäre auf die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft abfärbt." Auch der "sozioökonomische Status" der Eltern spiele eine Rolle beim Blick auf Geflüchtete: "Kinder aus der unteren Mittelschicht sind häufiger skeptisch als ihre Altersgenossen."

Für die 4. World Vision Kinderstudie wurde eine deutschlandweit repräsentative Befragung von 2.550 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren durchgeführt. Die ausführliche Studie können Sie hier lesen.

Quelle: n-tv.de

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