Panorama

Drosten sah es kommen Steigende Fallzahlen - Beginn der Delta-Welle?

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In Deutschland sind in den vergangenen Wochen viele Corona-Maßnahmen zurückgefahren worden.

(Foto: imago images/Arnulf Hettrich)

Es lässt sich nicht mehr leugnen: Die Zahl der Neuinfektionen steigt zuletzt wieder an. Auch andere Kennzahlen deuten darauf hin, dass die Zeit des Rückgangs vorbei ist. Dass es so kommen könnte, hatte Virologe Drosten schon vor Wochen vorhergesagt. Grund ist wohl die Delta-Variante.

Die jüngste Entwicklung bei den Neuinfektionen gibt Anlass zur Sorge: An vier der vergangenen fünf Tage lag die Zahl der neuen Corona-Fälle höher als in der Vorwoche. Auch die bundesweite Inzidenz steigt. Charité-Virologe Christian Drosten hatte bereits im Juni prophezeit, dass es so kommen könnte. Auf dem Online-Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin hatte er spekuliert: Wenn sich die ansteckendere Delta-Variante in Deutschland weiter ausbreite, dürften "Anfang Juli in Deutschland auch die Meldezahlen wieder hochgehen". Tritt genau dieser Fall nun ein?

Der Reihe nach. Das sind zunächst die Fakten: Zuletzt wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) mit 985 neuen Fällen rund 22 Prozent mehr gemeldet als eine Woche zuvor. Außer am Montag gab das RKI in den vergangenen fünf Tagen wieder steigende Fallzahlen bekannt. Auch die bundesweite Inzidenz zieht wieder leicht an und liegt zuletzt bei 5,2 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Ihren vorläufigen Tiefpunkt hatte sie am Samstag bei 4,9 erreicht.

Allerdings bewegt sich das Infektionsgeschehen immer noch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Die aktuelle Inzidenz ist nur ein Bruchteil der Spitzenwerte von knapp 170 Ende April oder fast 200 Ende Dezember. Auch die Zahl der täglichen Neuinfektionen erscheint angesichts einstiger Rekordwerte von mehr als 30.000 verschwindend gering. Doch aus wenig neuen Fällen können schnell viele werden. Stichwort: exponentielles Wachstum.

Delta breitet sich schnell aus

Kommen wir zum zweiten Aspekt von Drostens Prophezeiung: der Ausbreitung der Delta-Variante. Lag ihr Anteil in der letzten Maiwoche noch bei 4 Prozent, verdoppelte er sich seitdem von Woche zu Woche. Die neuesten Zahlen aus dem Varianten-Bericht des RKI bestätigen die Befürchtungen des Virologen. Demnach lag der Anteil der Delta-Variante bereits in der Woche zum 27. Juni bei 59 Prozent. Sie löst damit Alpha (ehemals B.1.1.7) als dominierende Variante in Deutschland ab. Der Anteil dürfte sich seitdem weiter erhöht haben.

Auch die Entwicklung bei der Ansteckungsrate, dem R-Wert, liefert Hinweise: Erstmals seit April liegt der R-Wert zuletzt wieder über der Schwelle von 1. Das ist kein gutes Zeichen. Denn bleibt er dauerhaft über 1, steigen die Fallzahlen. Nur Werte unter 1 lassen die Pandemie abflauen. Der jüngste Anstieg beim R-Wert könnte ebenfalls mit der Ausbreitung der Delta-Variante zusammenhängen, aber auch mit Lockerungen der Corona-Beschränkungen - oder mit einer Kombination aus beidem.

Auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek sagte am Dienstag im Podcast "Coronavirus-Update" (NDR-Info), sie nehme an, dass Delta bereits in bestimmten Gebieten, vielleicht sogar deutschlandweit vorherrschend sei. In Frankfurt habe es einen relativ großen Ausbruch gegeben. Dieser sei ähnlich verlaufen, wie es schon in Großbritannien beobachtet worden sei: "Es fing in der Schule an und hat sich dann weiter ausgebreitet." Im Mai hatte Delta in Großbritannien innerhalb weniger Wochen trotz fortgeschrittener Impfquoten deutlich die Vorherrschaft im Infektionsgeschehen übernommen. Die Inzidenz stieg wieder - von 20 auf zuletzt fast 300.

"Es sollte erstmal langsam hochgehen"

Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen überraschen die jüngsten Zahlen nicht. "Das ist aus meiner Sicht der erwartete Verlauf, sobald Delta überwiegt. Wir hatten jetzt extrem niedrige Zahlen, jetzt geht es etwas hinauf", folgerte er. "Da aber die Ferien beginnen, sollte es erstmal allenfalls langsam hochgehen." Wichtig sei jetzt auch, was in Krankenhäusern passiere, so Zeeb. In dem Punkt seien die Erfahrungen aus anderen Ländern bisher insofern positiv, "als dass es dort sehr überschaubare Anstiege und keine wesentlichen Probleme bisher gab".

In Deutschland liegen derzeit erstmals seit Oktober wieder weniger als 500 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Rund 300 davon müssen beatmet werden. Intensivmediziner Uwe Janssens sagte im Gespräch mit ntv, derzeit gebe es nur noch "Langlieger" mit Covid-19 auf den Intensivstationen und keine relevanten Zuwachsraten mehr. Dies sei Ergebnis von Maßnahmen wie der Bundesnotbremse sowie des bisher "eigentlich ja ganz gut gelaufenen" Impfprogramms. "Die Daten zeigen es eigentlich auch ganz eindeutig, dass dadurch schwere Verläufe (...) zu einem sehr, sehr hohen Prozentsatz verhindert werden."

Mit Sorge blickt Janssens jedoch in Richtung Herbst: "Wir werden im Herbst wieder eine veränderte Wetterlage haben, wir werden dann natürlich auch Übertragungen reinbekommen, wahrscheinlich aus den Urlaubsgebieten, das haben wir im letzten Jahr gesehen." Man solle daraus die Lehren ziehen und bei Reiserückkehrern alle nicht Geimpften testen, das Ganze aber auch überwachen, sodass "wir nicht wieder ungebremst in einen sehr trüben Herbst reinrutschen".

Gegen Delta animpfen

Wie sind die weiteren Aussichten? Die Politik setzt auf die Impfkampagne, um die Delta-Variante unter Kontrolle zu bekommen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hofft darauf, dass sich auch möglichst viele Kinder und Jugendliche impfen lassen. Es sei bereits klar, dass es in nicht geimpften Bevölkerungsgruppen ab Herbst viele Infektionen geben werde, sagte Spahn im "Morgenmagazin" der ARD. Eine hohe Impfquote sei daher "wichtig". Auch in Großbritannien hatte sich Delta vor allem in Impflücken ausgebreitet.

Das RKI geht davon aus, dass mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren vollständig geimpft sein müssten, um eine ausgeprägte vierte Welle im Herbst und Winter zu verhindern. Aktuell sind jedoch erst knapp 40 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft, was allerdings auch unter 12-Jährige mit einschließt. Gleichzeitig verlangsamt sich das Impftempo: Die tägliche Impfleistung liegt in der laufenden Woche deutlich unter dem Niveau der vergangenen Woche.

So geht Deutschland in einen ungewissen Spätsommer. Die meisten Bundesbürger scheinen sich jedoch bereits mit einer Rückkehr des Virus abgefunden zu haben. Dem ARD-Deutschlandtrend zufolge rechnen fast zwei Drittel der Befragten mit steigenden Infektionszahlen und einer vierten Welle. Die Freiheitsrechte, so fürchtet fast die Hälfte, dürften somit ebenfalls längerfristig eingeschränkt bleiben.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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