Panorama

Stromausfall in BerlinWarum man Stromleitungen so schwer schützen kann

07.01.2026, 16:22 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
00:00 / 08:17
Ein-Polizeibeamter-steht-an-der-Brandstelle-am-Teltowkanal-Nach-dem-Brand-einer-Kabelbruecke-ist-im-Suedwesten-Berlins-fuer-50-000-Haushalte-und-2-000-Gewerbebetriebe-der-Strom-ausgefallen
Nach dem Brand einer Kabelbrücke war im Südwesten Berlins für rund 50.000 Haushalte und 2000 Gewerbebetriebe tagelang der Strom ausgefallen. (Foto: picture alliance/dpa)

Ein Stromausfall nach einem linksextremistischen Anschlag legt Berlins Südwesten tagelang lahm. Das zeigt, wie verwundbar das Stromnetz ist. Wichtige Knotenpunkte würden in der Hauptstadt nicht ausreichend gesichert, meint ein Experte.

Dunkel und eisig bei Schnee und Minusgraden hat für rund 100.000 Berlinerinnen und Berliner das neue Jahr begonnen. Am 3. Januar fällt im Südwesten Berlins der Strom aus. Menschen aus 45.000 Haushalten in den Ortsteilen Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde müssen tagelang im dunklen und kalten Wohnzimmer sitzen - oder flüchten in Notunterkünfte, zu Freunden oder zu Verwandten oder kommen in Hotels unter. Krankenhäuser arbeiten mit Notstrom, Kitas und Schulen sind zu.

Einen Tag später ist klar: Linksextremisten sind für den Stromausfall verantwortlich. Sie haben Kabel an einer Kabelbrücke über den Berliner Teltowkanal angezündet. Fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel sind zerstört worden. Einen alternativen Versorgungsweg für das Gebiet gab es nicht.

Inzwischen sind die Kabel wieder repariert, die Stromversorgung im Südwesten der Stadt ist angelaufen - fünf Tage lang waren die Betroffenen ohne Strom. Und das in der deutschen Hauptstadt. Wie kann das sein? "Ich frage mich, ob wir in so einer großen Stadt nicht besser darauf vorbereitet sein können", kritisiert Sängerin Sarah Connor, die während des Stromausfalls von ihrer Villa im Grunewald in ein Hotel umgezogen war.

Giffey: Angezündete Kabel waren abgesichert

Warum werden wichtige Stromkabel nicht besser geschützt? Warum hat es keine Ersatzleitung oder andere Stromquellen für die betroffenen Stadtteile gegeben?

Klar und logisch ist: Unter der Erde sind Kabel sicherer. 99 Prozent der 35.000 Kilometer Stromkabel und -leitungen in Berlin verlaufen schon unterirdisch. Nur ein kleiner Teil hängt noch an Strommasten. Das soll sich ändern, kündigt Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey an. Sie sagt aber auch: "Es wird immer auch Leitungen geben, die oberirdisch laufen. Der Klassiker sind die Flussüberführungen. Eine Kabelbrücke, die von einem Kraftwerk die Hochspannungskabel über einen Kanal führt, wird auch künftig so sein müssen." Die angezündeten Kabel in der Kabelbrücke hätten aber eine "starke Sicherung" gehabt.

In Berlin gebe es mehrere solcher Kabelbrücken, sagt die Senatorin. Dort seien unterschiedlich intensive Sicherheitsmaßnahmen mit der Polizei abgestimmt - wie Zäune oder Mauern. Die Maßnahmen würden "standortbezogen" verstärkt.

Resilienzkonzept beschlossen

Der Energie-Experte Kai Strunz von der Technischen Universität Berlin ist davon nicht überzeugt. Ja, das Berliner Stromnetz sei insgesamt sehr zuverlässig, hat er der taz gesagt. Aber es sei nicht widerstandsfähig genug. Einige Anlagen seien weniger gut geschützt. Das konnte man bereits beim Brandanschlag im vergangenen September in Berlin-Adlershof im Südosten der Stadt sehen: Vor drei Monaten waren rund 50.000 Berlinerinnen und Berliner betroffen. Erst nach etwa 60 Stunden hatten wieder alle Haushalte und Gewerbe Strom.

Als Reaktion darauf hat der Berliner Senat Mitte Dezember ein Resilienzkonzept für das Berliner Stromnetz beschlossen. Darin steht unter anderem, dass Ersatzkabel Gebiete versorgen sollen, wenn dort der Strom ausfällt. Doch der Fall Adlershof zeigt: Auch das bietet keinen hundertprozentigen Schutz. Damals hatten die Extremisten zwei Hochspannungsleitungen an zwei Strommasten zerstört und damit auch die Ersatzleitung.

Dafür gibt es keine ultimative Lösung, hat Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner im ZDF-"Morgenmagazin" gesagt. "Soll ich an jede Stelle einen Polizeibeamten stellen? Wir müssen schauen, wie wir die Sicherheit hier hochfahren, wie wir über Videoschutzmaßnahmen, andere Programme, Sicherheitsdienste nachdenken", sagte der CDU-Politiker.

Kabelbrücke war nicht videoüberwacht

Videoüberwachung hält auch die Gewerkschaft der Polizei Berlin für sinnvoll. Die könne Alarm schlagen, wenn sich jemand einem Strommast nähert, sagt Sprecher Benjamin Jendro. Kameras könnten auch bei der Strafverfolgung helfen, meint GdP-Landeschef Stephan Weh.

Tatsächlich sei die betroffene Kabelbrücke nicht per Kamera überwacht worden, macht Giffey deutlich. Drei Viertel der oberirdischen Leitungen, "die besonders kritisch sind" würden bereits per Video überwacht - auf Grundstücken der landeseigenen Stromnetz Berlin GmbH. "Das andere Viertel, was nicht videoüberwacht ist, ist auf öffentlichem Straßenland, so wie es hier auch bei der Brücke der Fall war."

Ein Problem allerdings bleibt: Potenzielle Anschlagsziele in der Infrastruktur sind im Internet leicht zu finden und können ausgespäht werden. Strom- und Gasnetzbetreiber müssen ihre Planungsdaten und Trassen veröffentlichen. Jeder kann also leicht sehen, wo welche Leitung liegt. Schwer zu glauben, dass eine Kamera maskierte Extremisten, die im Schutz der Dunkelheit agieren, wirklich abschrecken kann.

Transparenz im Netz "begünstigt Anschläge"

Deshalb fordern der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), die Transparenzpflichten für kritische Infrastrukturen zu verändern.

Auch Berlins Innensenatorin Iris Spranger glaubt, dass Bund und Länder diese Regeln anpassen sollten. "Ich bin absolut dagegen, dass wir diese Transparenz weiterhin im Netz haben. Diese gesetzlichen Bedingungen müssen verändert werden, weil sie solche Anschläge begünstigen." Berlin werde mit der Bundesregierung im Nachgang dazu sprechen.

Die digitale Transparenz ist aber nicht der einzige Weg, kritische Infrastruktur auszuspähen - das könne man auch abseits des Internets ermitteln, meint Manuel Atug von der AG Kritis bei ntv. "Täter haben nun mal auch zwei Augen und ein Gehirn, können durch die Landschaft gehen und sehen, wo Stromtrassen, Strom- und Mobilfunkmasten sind und wo Schienenstrecken verlaufen." Die Informationen verschleiern zu wollen, hält er für eine populistische Idee.

Wichtiger sei Resilienz, meint der Cybersicherheits-Experte: "Dass man schnell Ersatzstrom für die Haushalte bereitstellen kann und Mobilfunk schnell wieder betriebsfähig bekommt. Das sind Maßnahmen der Wiederherstellung im Notfall." Berlin habe beim Notfallmanagement versagt, sagt Atug: Es sei kein Plan vorbereitet worden, kein "vernünftiges Krisen-, Katastrophenschutz- und Managementkonzept".

Kritis-Dachgesetz "lückenhaft"

Der Bundestag berät momentan über den besseren Schutz von kritischer Infrastruktur - das Kritis-Dachgesetz. Dazu gehören neben Energie- und Wasserversorgung zum Beispiel auch die Ernährungswirtschaft und das Gesundheitswesen. Die Reform könnte eine Gelegenheit sein, die aktuellen Transparenzpflichten neu zu regeln.

IT-Sicherheitsexperte Atug glaubt aber nicht daran, dass die neuen Vorgaben zukünftige Stromausfälle verhindern können. Das hat er bereits im September nach dem Stromausfall in Berlin-Adlershof im "Wieder was gelernt"-Podcast gesagt. An diese müssten sich nur die großen Betreiber kritischer Infrastrukturen halten. Daher decke das "lückenhafte" Gesetz große Teile der Bundesverwaltung, der Landesverwaltung und der Kommunen nicht ab.

Komplexe Anlagen wie Stromnetze zu 100 Prozent zu schützen, ist unmöglich. Aber die Städte und Kommunen könnten besser vorbeugen. Energie-Experte Kai Strunz schlägt dafür Inselnetze vor, also lokal abgegrenzte Stromnetze, die bei einem Ausfall einspringen können. Das Gute ist: Diese Lösung passt zum Energiesystem der Zukunft.

Der "Wieder was gelernt"-Podcast

Dieser Text ist eigentlich ein Podcast: "Wieder was gelernt" ist der ntv-Podcast für Neugierige mit Geschichten, die uns schlauer machen.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

Sie haben eine Frage? Schreiben Sie eine E-Mail an podcasts@ntv.de

Quelle: ntv.de

Gewerkschaft der PolizeiStromnetzeGesetzSicherheitspolitikEnergieversorgungFranziska GiffeyVideoüberwachungKai WegnerSicherheitStromversorgungEnergiepolitikEnergieunternehmenEnergieversorgerBDI