Panorama

Intensivmediziner Janssens "Wir gehen in einen wirklich guten Sommer"

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Im Sommer muss geklärt werden, wann es die dritte Spritze braucht, sagt Janssens im Gespräch mit ntv.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die dritte Welle ist gebrochen - die Corona-Zahlen fallen deutlich. Für Intensivmediziner Janssens ein Ergebnis des umsichtigen Verhaltens der Bürger und des Impfens. Doch noch immer sind viele Fragen offen - etwa nach dem Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Impfkampagne.

ntv: Herr Janssens, erstmals seit Herbst ist die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50. Auch auf den Intensivstationen werden die Covid-19-Patienten weniger. Sehen Sie jetzt auch das Ende der Pandemie in greifbarer Nähe?

Uwe Janssens: Das Ende der Pandemie sehen wir natürlich noch nicht, aber wir sehen einen für uns sehr erfreulichen Trend, der auch das Ergebnis der vergangenen Wochen ist: Es geht wirklich nach unten, und das sind gute Nachrichten. Wir müssen natürlich noch abwarten, ob wir wegen Pfingsten Nachmeldungen bekommen. Aber der Trend ist eindeutig positiv. Wir können sagen, wir gehen in einen wirklich guten Sommer und müssen uns nicht mehr so große Sorgen machen, dass das auf den Intensivstationen wieder bedrohlich werden könnte.

Wird es ein besserer Sommer als der vorhergehende?

Wir werden einen anderen Sommer haben: Ich glaube, die Menschen sind vorsichtiger geworden. Auf der anderen Seite gehen wir hoffentlich in einen schönen Sommer, weil zunehmend mehr Menschen geimpft sind. Dennoch werden wir auch die nächsten Wochen und Monate vorsichtig sein müssen. Bis die AHA- plus L-Regeln aufgehoben sind, bis wir uns ohne Masken wieder gegenübersitzen können, werden vielleicht noch Monate ins Land gehen. Und selbst dann wird man schauen müssen, wie man sehr vorsichtig von diesen ganz einfachen Regeln wieder Abstand nehmen kann. Alle Experten sagen, dass wir mit dem Virus leben müssen - vor allem, weil sich dauernd Mutationen entwickeln. Außerdem wissen wir immer noch nicht, wie lange uns Impfungen schützen. Wir werden in Kürze sicherlich dazu noch was hören, und das wird dann bedeuten, dass wir in den nächsten Monaten und Jahren immer wieder mit dem Thema Covid19-Impfung konfrontiert werden.

Die STIKO untersucht gerade, ob sie Impfungen für Kinder und Jugendliche empfehlen kann. Können Sie nachvollziehen, wenn die STIKO sagt: Möglicherweise sprechen wir keine Impfempfehlung aus, weil das Risiko höher ist als der Nutzen?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits melden Kinder und die Jugendlichen, die wirklich auch Leidtragende der vergangenen Monate gewesen sind und stark zurückgesteckt haben und immer dies noch müssen, auch einen Anspruch an, in die Impfstrategie einbezogen zu werden. Andererseits ist es gut, dass die STIKO sehr vorsichtig ist. Sie braucht gute Daten, um der Bevölkerung sagen zu können: Wir impfen!

Können Sie sich vorstellen, was das für die Herdenimmunität bedeuten würde, wenn wir die Kinder und Jugendlichen jetzt nicht impfen würden?

Es wird abschließend zu bewerten sein, welcher Bevölkerungsanteil geimpft werden muss, damit wir endlich in die berühmte Herdenimmunität kommen. Das kann ich nicht exakt beantworten. Ich sage, wir müssen sicherstellen, dass alle Menschen 50 plus geimpft sind und dann alle anderen, die darunter liegen - auch die Jugendlichen und Kinder, wenn es eine Zulassung gibt. Im Laufe des Sommers müssen wir dann die Frage beantworten, wann wir zur nächsten Spritze - der Booster-Impfung - greifen müssen, als Antwort auf die abklingende Schutzwirkung durch die Impfung.

Aber für die Intensivstation hätte es zunächst keine direkten Auswirkungen, wenn Impfungen für Kinder und Jugendliche nicht empfohlen würden?

Wir erheben im DIVI-Intensivregister mittlerweile auch das Alter der Patienten. Von den gemeldeten Intensivpatienten mit einem schweren Verlauf sind 0,4 Prozent jünger als 18 Jahre. Wir wissen, dass Kinder in sehr seltenen Fällen eine besondere Verlaufsform entwickeln können. Das sind sehr seltene Verläufe, die auch auf Autoimmunphänomenen beruhen. Es ist also nicht die Intensivmedizin, die von einer vorrangigen Impfung in diesem Altersbereich profitieren würde. Die Impffrage bei Kindern und Jugendlichen stellt sich vielmehr auch aus soziologischen Gründen: Den Kindern wieder Freiheiten zu geben, ist ein Aspekt, der sehr intensiv diskutiert werden muss. Dabei wird die STIKO eine sehr wichtige, aber auch regulierende und überwachende Rolle spielen.

Mit Uwe Janssens sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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