Panorama

Interview mit Hendrik Streeck "Wir sind zu schnell in den Lockdown gegangen"

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Virologe Hendrik Streeck glaubt nicht an eine zweite Welle. Großveranstaltungen sollten nach seiner Auffassung dennoch weiter pausieren - anders als der Schulunterricht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Von Anfang an war der Bonner Virologe Hendrik Streeck auf der Seite derjenigen, die vor allzu großer Panik angesichts der Corona-Pandemie warnten. "Das Virus nicht dramatisieren, ja, aber auch nicht bagatellisieren", so fasst er seine Auffassung zusammen. Heute, über vier Monate nach den ersten Fällen in Deutschland, fühlt er sich bestätigt und erklärt im Interview, warum er nicht nur Masken und Massentests ablehnt, sondern auch die Geschwindigkeit des Lockdowns.

Herr Streeck, wie war das vergangene halbe Jahr für Sie?

Hendrik Streeck: Turbulent. Vor einem halben Jahr hatte ich meine Stelle hier in Bonn gerade erst angetreten und kannte noch nicht einmal alle Kollegen. Dann ging es in die Vollen.

Wann haben Sie das erste Mal von Covid-19 gehört und ahnten, dass da was Großes kommt?

Das war genau in der Zeit des Wechsels. Ich erinnere mich an eine Sitzung mit der Diagnostik, an einem Dienstag. Wir haben überlegt, ob wir wegen der Fälle in China einen Test aufsetzen. Wir haben uns zunächst dagegen entschieden. Am selben Abend hörte ich, dass es den ersten Fall in den USA gibt und habe mit meiner Stellvertreterin besprochen, dass wir doch testen sollten. Wenn das Virus in den USA angekommen ist, war klar, es wird ein Thema für die ganze Welt.

Sie sind früh dadurch aufgefallen, dass Sie deutlich weniger drastisch vor der Pandemie gewarnt haben als andere. Fühlen Sie sich durch die Entwicklung bestätigt?

Ein Stück weit durchaus. Meine Position war immer, dass das Virus nicht bagatellisiert werden sollte, aber auch nicht dramatisiert werden darf. Anfangs waren sich auch fast alle Virologen mehr oder weniger einig. Die Einschätzungen änderten sich dann mit den Bildern aus Bergamo und aus den USA, wo wir schwere Verläufe und auch viele Todesfälle sahen. Wir haben außerdem gelernt, dass das Virus in seltenen Fällen auch Organe und den Herzmuskel angreifen und in Nervenzellen gehen kann. Derzeit allerdings nähern wir uns wieder der Einschätzung aus der Anfangszeit an.

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Die Risikobewertung sinkt so stark? Wieso?

Wir sehen sehr, sehr viele asymptomatische Fälle, also Infektionen ohne Folgen. Das lässt uns die Gefährlichkeit des Virus zunehmend besser einschätzen. Ich glaube auch weiterhin nicht, dass wir am Ende des Jahres in Deutschland mehr Todesfälle als in anderen Jahren gehabt haben werden.

Mit Ihrer Haltung wurden Sie auch kritisiert. Wie fühlte sich das an?

Es gab eine Phase, in der ich eine starke Dissonanz gespürt habe in der Frage, wie ich die Gefahr einschätzte, und wie die Medien und aber auch Kollegen sie darstellten. Das war ein bisschen wie ein Aspergersyndrom-Gefühl, dass man eine andere Welt wahrnimmt als die anderen um einen herum. Was übersehen wurde, war, dass ich immer beide Seiten genannt habe: Das Virus nicht dramatisieren, ja, aber auch nicht bagatellisieren. Nur warnen und mahnen kann man ja sehr leicht: Im Zweifel ist man als Mahner gesellschaftlich besser aufgehoben. Wenn man jedoch die realistische Einschätzung mit einbezieht, wird es kompliziert. Es entsprach aber auch meiner Empfehlung, zumindest die ersten Einschränkungen einzuleiten und Großveranstaltungen zu untersagen. Danach nahm das Infektionsgeschehen bereits ab. Die weiteren Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen hätte ich dann vom tatsächlichen Verlauf abhängig gemacht, auch um zu sehen, wie die einzelnen Beschränkungen wirken und ob zusätzliche Schritte wirklich nötig sind. Dafür sind wir aber zu schnell in den Lockdown gegangen, weil die Sorge überwog, dass die Intensivbetten womöglich nicht reichen und auch ein gewisser Druck in der Öffentlichkeit bestand.

Auch Ihre Heinsberg-Studie wurde kritisiert, beziehungsweise die Art der Vorstellung.

Ein Vorgang, den ich als geradezu grotesk empfand. Wir hatten das erste Mal weltweit Daten, wo wir in einem Superspreading-Event die Dunkelziffer identifiziert hatten und auch sagen konnten, wie viele Menschen asymptomatisch infiziert waren. Wir hatten das erste Mal Daten für Deutschland. Und dann wird man kritisiert, aber nicht wegen der Daten, sondern wegen des Drumherums und für einen angeblichen Fehler, den wir nachweislich gar nicht gemacht haben. Und dann wurde auch noch gesagt, die Daten seien nicht so relevant, weil sie ja das Bauchgefühl bestätigen würden. Wie kann man denn als Forscher, der ernst genommen werden möchte, mit dem Bauchgefühl argumentieren, wenn es um valide Daten geht? Zu meiner Überraschung sind auch und gerade Wissenschaftsjournalisten darauf angesprungen, von der "Tagesschau" über die "Zeit" bis zur "Süddeutschen Zeitung".

Wie erklären Sie sich das?

Ich weiß nicht, woran es lag. Es war eine unglückliche Gemengelage zwischen Politik, journalistischen Fehden und Angst. Leider ist dabei vielen entgangen, dass aus der Heinsberg-Studie schon vor Wochen ablesbar war, welche entscheidende Rolle Superspreading spielt. Das wurde erst letzte Woche zum Thema; man hätte es eher diskutieren können.

Deutschland hat erstmals einen Lockdown erlebt. Glauben Sie, es wird bald wieder einen geben, wo man jetzt geübt ist?

Ich nehme nicht an, dass wir wieder einen großen Anstieg der Covid-19-Infektionen sehen. Wenn doch, wird man sich sicherlich hüten, wieder derart starke Maßnahmen zu ergreifen wie im Frühjahr.

Also keine zweite Welle?

Es wird immer wieder Ausbrüche geben. Bisher verlaufen sie eher harmlos. Das braucht natürlich eine koordinierte und kontinuierliche Überwachung.

Braucht man denn noch eine App?

Bisschen spät, würde ich sagen. Zumal man nicht weiß, ob sie überhaupt etwas dazu beitragen kann, in Deutschland eine Pandemie zu kontrollieren.

Und der Sinn der Maskenpflicht?

Die Frage ist sehr berechtigt. Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.

Welche Schutzmaßnahmen halten Sie denn noch für geboten?

Wer sich krank fühlt, sollte weiterhin zu Hause bleiben. Soziale Distanz in Innenräumen macht ebenfalls Sinn. Großveranstaltungen sollten tendenziell unterbunden bleiben.

Schulen und Kitas?

Kinder sind nicht die großen Virenschleudern. Virologisch ist dazu alles gesagt. Die Entscheidung muss nun politisch getroffen werden. Lehrer jedenfalls haben kein höheres Infektionsrisiko als andere Berufsgruppen, die in vergleichbarer Weise mit Menschen arbeiten wie zum Beispiel Krankenschwestern oder Verkäufer. Virologisch sehe ich hier keinen Hinderungsgrund.

Gibt es neue Erkenntnisse zur Immunität?

Es scheint eine Immunität zumindest über die Zeit zu geben, die wir das Virus schon kennen. Verschiedene Studien und Literaturauswertungen zu anderen Coronaviren legen einen Zeitraum von insgesamt ein bis zwei Jahren nahe. Danach wird man sich wohl wieder anstecken können, allerdings wäre zu erwarten, dass der Verlauf dann milder ist.

Sie haben jahrelang in den USA gearbeitet und geforscht. Wie schätzen Sie die Lage dort ein?

Nicht anders als im Rest der Welt. Der Höhepunkt ist überschritten, die Infektionszahlen werden jetzt weiter sinken. So schnell hoch ging es dort ja unter anderem deshalb, weil Amerikaner mit Husten und Schnupfen weiter arbeiten gehen. Es gibt dort nicht diese Form der Krankmeldung wie in Deutschland. Zugleich waren die Tests sehr viel teurer. Die Durchseuchung ist daher wesentlich höher als in Deutschland.

Das heißt, es sind dort Menschen an einer Corona-Infektion gestorben, die gegebenenfalls zeitversetzt auch bei uns sterben werden?

Das wäre möglich, oder eben an einem anderen Virus oder Bakterium. Eine Sommergrippe kann schon reichen. Das Durchschnittsalter der Toten ist mit 81 Jahren sehr hoch. Es bewegt sich eher oberhalb der durchschnittlichen Lebenserwartung. Fast immer handelte es sich um Patienten mit Vorerkrankungen, teilweise mehrfachen. Junge Tote erfahren viel Aufmerksamkeit - sie sind aber die absolute Ausnahme.

Was halten Sie von dem Gerücht, dass das Virus absichtlich erstellt worden ist?

Ich hielte das für extrem unwahrscheinlich. Die Gensequenzen, auf die bei diesen Überlegungen abgehoben wird, wären auch nicht wirklich logisch platziert, falls sie künstlich erstellt worden wären.

Wie beurteilen Sie die Folgen der Pandemie für das deutsche Gesundheitssystem?

Was gelaufen ist, war zumindest extrem teuer. Die Krankenhäuser wurden nicht belegt, aber das Personal war trotzdem da. Wirtschaftlich ist das wahrscheinlich sehr schwierig. Hinzu kommt, dass die Tests teuer sind, und jemand muss sie bezahlen. Je nach Labor kommen im besten Fall 59 Euro pro Test auf das Gesundheitssystem zu - bei 400.000 Stück pro Woche bedeutet es eine Stange Geld. Wenn dann noch systematisch gescreent werden soll, wird es noch mehr. Wenn wir nur 1 positives Ergebnis auf 100 Tests sehen, fragt sich ja, ob das noch lohnt. Vielleicht wäre es sinnvoller, nur Fälle mit Symptomen zu testen. Die Fallzahlen gehen ja kontinuierlich zurück.

Steigt derzeit vielleicht etwas, und zwar die Attraktivität Ihres Berufsfelds, wo Virologen so präsent sind im Moment?

Das würde ich mir wünschen. Auch hier in Bonn suchen wir einen Assistenzarzt, auch Studenten, die den Beruf des Virologen später ergreifen wollen, wären uns willkommen. Es gibt nur wenige, die Facharzt für Virologie sind oder es werden wollen. So attraktiv scheint der Beruf nicht zu sein.

Warum sind Sie es geworden?

Ich bin da reingerutscht. Zunächst habe ich etwas ganz anderes studiert. Später hatte ich an Dermatologie gedacht. In Berlin habe ich dann als Medizinstudent HIV-Patienten Blut abgenommen. Das wollten viele nicht, mich hat es nicht gestört. So fing das an.

Prof. Hendrik Streeck (42) leitet das Institut für Virologie der Universität Bonn. Nach seiner Promotion arbeitete er neun Jahre lang in den USA, unter anderem an der Harvard Medical School und in der HIV-Forschung. Nach Deutschland zurück kam er 2015 mit Unterstützung eines Programms, das deutsche Top-Forscher wieder an heimische Universitäten holen sollte. Streeck wurde Professor für medizinische Biologie an der Universität Essen und gründete das Institut für HIV-Forschung. Vor gut einem halben Jahr wechselte er nach Bonn als Nachfolger von Prof. Christian Drosten, der an die Berliner Charité gegangen war.

Mit Prof. Hendrik Streeck sprach Burkhard Ewert. Das Interview erschien erstmalig am 10. Juni in der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Quelle: ntv.de