Panorama

Entscheidung in Pretoria Wird Pistorius freigesprochen?

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Pistorius hat Steenkamp durch die geschlossene Badezimmertür erschossen.

(Foto: dpa)

Oscar Pistorius ist nicht des Mordes oder des Totschlags schuldig. Das verkündet Richterin Thokozile Masipa am ersten Tag der Urteilsverkündung. Doch muss er nun für den Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp gar nicht büßen?

Möglicherweise hatte Oscar Pistorius vermutet, dass die Welt ihn an diesem Morgen kollektiv für den Mörder seiner Freundin Reeva Steenkamp hält. Doch am ersten Tag der Urteilsverkündung in Pretoria sorgte Richterin Thokozile Masipa unter den Zuschauern und Prozessbeobachtern für eine faustdicke Überraschung.

Nachdem sie sich mehrere Stunden lang akribisch durch Tatannahmen, Zeugenaussagen und Gutachten gearbeitet hatte, verkündete sie, dass sie Pistorius vom Hauptvorwurf des Mordes freispricht. Die Anklage habe nicht zweifelsfrei beweisen können, dass der 27-jährige ehemalige Sprintstar seine Freundin Reeva Steenkamp im Streit ermordet habe. Auch den Vorwurf des Totschlags wies die Richterin zurück. Pistorius habe ihrer Meinung nach die Möglichkeit nicht in Betracht gezogen, dass er "die Person hinter der Tür töten könnte".

Damit ist die Höchststrafe, die im Fall von Mord bei 25 Jahren gelegen hätte, ausgeschlossen. Die Erleichterung darüber war der Pistorius-Familie in der Pause nach dieser Erklärung anzusehen. Minutenlang standen seine Schwester Aimee und sein Bruder Carl bei Oscar Pistorius, der von heftigem Weinen geschüttelt auf der Anklagebank saß.

Gesetzesverstoß bleibt

Dass Pistorius nun möglicherweise gänzlich straffrei ausgehen könnte, halten dennoch nur die wenigsten für möglich. Die bisherigen Erklärungen der Richterin lassen erwarten, dass das Urteil auf fahrlässige Tötung hinauslaufen wird. Der Angeklagte habe "zu hastig und zu gewaltsam reagiert", sagte Masipa vor der Vertagung der Sitzung. Er hätte genügend Zeit zum Nachdenken gehabt und dann "vernünftig" reagieren können, sein Verhalten sei deshalb fahrlässig gewesen.

Schon zuvor hatte Masipa immer wieder betont, dass sie Pistorius zwar glaube, dass er sich von einem Einbrecher bedroht gefühlt habe, dies jedoch seine Handlungen in ihren Augen keineswegs rechtfertige. So stellte sie die Frage, warum Pistorius nicht das Sicherheitspersonal seiner Wohnanlage oder die Polizei gerufen habe. Auch habe er nicht versucht zu fliehen oder von seinem Balkon aus um Hilfe zu rufen. Das Argument, dass Pistorius wegen der hohen Kriminalitätsrate in Südafrika überreagierte, ließ Masipa nicht zu.

Auch andere Menschen schliefen nicht mit einer geladenen Waffe unter dem Kopfkissen. Sie sei nicht überzeugt, dass ein vernünftiger Mensch mit derselben Behinderung wie Pistorius in der gleichen Situation in jedem Fall vier Mal in den kleinen Toilettenraum geschossen hätte. Selbst wenn sie seine Kindheit in der Obhut einer ängstlichen Mutter in ihre Überlegungen einbeziehe, bleibe die Tatsache, dass Pistorius gegen das Gesetz verstoßen habe, als er auf die Badezimmertür geschossen habe, hinter der sich in der Tatnacht seine Freundin aufhielt.

Echte Reue?

Masipa nahm Pistorius offenbar übel, dass er in seinem Prozess ein "armseliger Zeuge" war. Er habe sich häufig widersprochen und die Fassung verloren. "Er hörte nicht zu", sei ausgewichen und habe sich mehr Sorgen um die Konsequenzen gemacht, die seine Antworten haben könnten. Gerade diese Widersprüche könnten im weiteren Verlauf der Urteilsverkündung spannend werden.

Pistorius hatte unter anderem ausgesagt, wenn er den Menschen in der Toilette hätte töten wollen, hätte er höher geschossen. Das vertrage sich nicht mit seiner Behauptung, er habe unabsichtlich geschossen, so Masipa. "Diese Unstimmigkeit hat sich auf meine Urteilsfindung ausgewirkt." Masipa hat schon in früheren Urteilen bewiesen, dass sie durchaus hart urteilen kann. "Er konnte richtig von falsch unterscheiden, als er schoss. Er hat eine bewusste Entscheidung getroffen, er wusste, wo seine Waffe war und wo sich das Badezimmer befand." Was dies am Ende für das Urteil und das Strafmaß bedeutet, wissen derzeit nur Masipa und ihre beiden Beisitzer.

Für fahrlässige Tötung wäre noch einmal alles möglich, eine mehrjährige Haftstrafe, gemeinnützige Arbeit, eine Bewährungsstrafe oder auch ein Freispruch. Das Strafmaß wird die Richterin erst mehrere Wochen nach ihrem Urteil bekannt geben. Sie hat bei der Strafe großen Ermessensspielraum.

Doch auch wenn sich Masipa nicht der Meinung der Staatsanwaltschaft anschließen konnte, dass Pistorius Steenkamp vorsätzlich tötete, so steht doch Steenkamps Tod am Ende jenes verhängnisvollen Valentinstages. Diese Tatsache muss und wird ihren Niederschlag in Masipas Urteil finden, sind sich Prozessbeobachter einig. Zumal Pistorius schon früher durch einen eher leichtfertigen Umgang mit Waffen aufgefallen war.

Quelle: ntv.de

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