Panorama

Deutschland geteiltes Bildungsland Wo die Sitzenbleiber wohnen

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In Bayern sind die meisten Sitzenbleiber-Hochburgen.

(Foto: imago stock&people)

Mangelhaft, Blauer Brief, Ehrenrunde: Knapp zwei Prozent aller Schüler wiederholen eine Klasse. Doch wo sind Deutschlands Sitzenbleiber-Hochburgen? Das Ergebnis verblüfft - aber nur auf den ersten Blick.

Sommer, Sonne, ausschlafen - damit ist jetzt erstmal Schluss. Nach den langen Ferien sind die mehr als acht Millionen Schüler an ihre Schulbänke zurückgekehrt. Doch nicht für jeden startete das neue Schuljahr erfreulich. Schließlich gibt es auch in diesem Jahr in Deutschland wieder Tausende Sitzenbleiber.

Dabei ist Sitzenbleiben längst nicht mehr nur eine Frage des fehlenden Wissens und Könnens. Vielmehr entscheiden auch der Wohnort und die Schulart über das Wohl und Wehe der Schüler, wie eine aktuelle Schulstudie belegt. Demnach unterscheiden sich die Quoten für die ermittelten "Ehrenrunden" deutschlandweit erheblich. So blieben in den untersuchten bayerischen Städten teilweise viermal mehr Schüler sitzen als etwa in Aalen, Flensburg oder Konstanz.

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(Foto: Sitzenbleiberstudie / billiger.de)

Deutschlands Sitzenbleiber-Atlas, den ein Studien-Team des Verbraucherportals billiger de. jetzt veröffentlichte, zeigt deutlich: Coburger Schüler bleiben am häufigsten sitzen. Mit 38 Klassenwiederholungen je 1000 Schüler sichert sich die Stadt in Oberfranken den unrühmlichen ersten Platz. Knapp gefolgt von Fürth und Hof mit 37 Sitzenbleibern je 1000 Schüler. Insgesamt betrachtet dominiert Bayern die Top 15 der Sitzenbleiber-Hochburgen. Zehn der 15 Städte kommen aus dem Freistaat. Als erste nicht-bayerische Stadt hat es das hessische Hanau auf den fünften Platz des Sitzenbleiber-Rankings geschafft. Dort drehten 35 Wiederholer je 1000 Schüler eine Ehrenrunde.

Wo die Streber wohnen

Klassenprimus der Studie ist Aalen in Baden-Württemberg. Dort blieb im Schuljahr 2014/15 über die vier untersuchten Schularten hinweg kaum jemand sitzen. Auf 1000 Schüler kommen in Aalen gerade einmal 9 Sitzenbleiber. Damit erreichte in der Stadt nur etwa jeder Hundertste das Klassenziel nicht. Auch das schleswig-holsteinische Flensburg oder das baden-württembergische Konstanz am Bodensee verzeichnen eine vorbildlich niedrige Sitzenbleiber-Quote von unter einem Prozent.

Ebenso gut sieht es im Osten der Republik aus: Jena und Suhl in Thüringen gehören zu den 15 besten Städte mit den wenigsten Sitzenbleibern. Auch Paderborn (NRW) hat mit einer Abweichung von 39 Prozent unter dem Studien-Schnitt absoluten Vorbildcharakter unter den sogenannten Streber-Städten.

In Berlin müssen Schüler nicht bangen

Zur Studie

Untersucht wurde das Schuljahr 2014/15 und zwar in den 122 größten und wichtigsten Städten, die in der Regel über 100.000 Einwohner haben. Für die Untersuchung wurden zahlreiche Quellen herangezogen, darunter die Kultusministerien und deren Schul- und Kommunalbehörden sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Zudem wurde auch bei einigen Schulen direkt angefragt. Auf diese Weise kamen mehr als 2100 Datensätze zusammen, mit denen Deutschlands erstes umfangreiches Sitzenbleiber-Ranking gebildet werden konnte. Untersucht wurden Grund-, Haupt-, Real- und Gesamt- bzw. Gemeinschaftsschulen sowie Gymnasien.

Ebenfalls zu den Top-Städten gehört - überraschenderweise – Berlin. Zwar hatte die Bundeshauptstadt im 2014/15 mit 4182 berücksichtigten Schülern die höchste Anzahl an Sitzenbleibern in ganz Deutschland, diese verteilen sich jedoch auf 317.022 Schüler. Demnach kommt Berlin auf eine erstaunlich niedrige Sitzenbleiber-Quote von gerade einmal 1,32 Prozent. Würde man jedoch den ermittelten bundesweiten Studien-Schnitt von 1,97 Prozent als Grundlage für Berlin nehmen, käme die Hauptstadt rein theoretisch auf rund 6245 Sitzenbleiber.

Der Grund für die starke Normabweichung liegt vor allem in Berlins lockerer Schul- und Versetzungspolitik. Ein Sitzenbleiben an Sekundarschulen ist dort nämlich gar nicht mehr möglich. Diese seit 2010 existierende Schulform vereint Haupt-, Real- und Gesamtschule. Lediglich an Gymnasien müssen die Schüler in der Hauptstadt noch um ihre Nichtversetzung fürchten.

Realschüler bleiben am meisten sitzen

Nach Schultypen gerankt ergibt der Sitzenbleiber-Atlas folgendes Bild: Besonders häufig verfehlen die Realschüler das Klassenziel am Schuljahresende. Im Schnitt blieben 49 von 1.000 Schülern in dieser Schulkategorie sitzen. Knapp dahinter reihen sich die Hauptschulen mit einer Sitzenbleiber-Quote von durchschnittlich 4,3 Prozent ein. Etwas erfreulicher sind die Zahlen für Gymnasialschüler. Auf der Penne blieben entsprechend dieser Studie im Schnitt 2,4 Prozent aller Schüler sitzen. Besser sind da nur noch die Gesamtschulen oder Grundschulen. Allerdings stehen gerade Gesamtschulen im Ruf, ein Sammelbecken unterschiedlichster pädagogischer Schulkonzepte zu sein. Mehr als in anderen Schularten ist Sitzenbleiben einfach nicht vorgesehen.

Die wenigsten Schüler bleiben aber in der Grundschule sitzen. Die Studie zählte hier nur 6 je 1.000 Schüler, die nicht in die nächsthöhere Klasse vorrückten.

Jeder Sitzenbleiber kostet Geld

Sitzenbleiben ist nicht nur für die Betroffenen äußerst ärgerlich. Blickt man nämlich auf die jährlich verursachten Kosten, wird die Nichtversetzung auch für den Steuerzahler zum monetären Trauerspiel. So rechnete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Bericht zur Pisa-Studie bereits 2013 vor, dass jede Klassenwiederholung im Jahr mit stolzen 34.000 Euro zu Buche schlage.

Grundlage hierfür sind allerdings nicht nur die tatsächlichen Kosten für ein zusätzliches Schuljahr, sondern auch künftige Steuereinbußen, die durch den verspäteten Arbeitsmarkteintritt des Sitzenbleibers entstehen. Trotzdem: Nimmt man die von der OECD errechnete Zahl als Berechnungsbasis für die 52.982 Nichtversetzten in den 122 bedeutendsten Städten Deutschlands, kommt die jährliche Ehrenrunde dem deutschen Steuerzahler mit satten 1,8 Milliarden Euro teuer zu stehen.

Hamburg und Berlin schaffen Sitzenbleiben ab

Nicht nur in Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen nicht mehr vorgesehen, immer mehr Bundesländer schränken das Sitzenbleiben deutlich ein. So ist in Hamburg ein Durchfallen kaum noch möglich. Lediglich in Ausnahmefällen darf in der Hansestadt mit dem Einverständnis der Schulbehörde eine Klassenstufe wiederholt werden. Auch in Baden-Württemberg ist an der seit 2012 neu eingeführten Gemeinschaftsschule die Nichtversetzung tabu. In Schleswig-Holstein kann ein Schüler nur noch in der sechsten oder neunten Klasse sitzenbleiben. Ein ähnliches Modell verfolgen Thüringen und Brandenburg.

Andere Bundesländer wiederum sehen das Sitzenbleiben als ein gezielt gewolltes pädagogisches Instrument. Insbesondere in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern müssen Schüler bei schlechten Leistungen weiterhin mit einer Nichtversetzung rechnen. Kein Wunder also, dass Bayern Sitzenbleiber-Hochburg ist.

Quelle: ntv.de, dsi

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