Politik
Ein Rebell verschanzt sich bei Kämpfen im Viertel Salaheddin in Aleppo.
Ein Rebell verschanzt sich bei Kämpfen im Viertel Salaheddin in Aleppo.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 05. August 2012

Berlin weiterhin gegen Militäreinsatz: Aleppo steht unter Artilleriebeschuss

Hier kommt der Autor hin

Erneut stehen Viertel der syrischen Metropole Aleppo unter starkem Artilleriebeschuss durch Regierungstruppen. Zudem kommt es zu Kämpfen zwischen Rebellen und Soldaten des Regimes. Verteidigungsminister de Maizière spricht sich derweil gegen einen Militäreinsatz aus. Auch nach dem Rücktritt des Sondergesandten Annan setzt er auf Diplomatie.

In der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo hat es nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London wieder heftige Gefechte gegeben. Die Armee von Präsident Baschar al-Assad beschoss demnach das Viertel Salaheddin mit Artillerie. Das Viertel wird nach eigenen Angaben zur Hälfte von bewaffneten Rebellen kontrolliert. Auch Flugzeuge und Hubschrauber waren laut Augenzeugen im Einsatz. Laut Beobachtungsstelle gab es außerdem Kämpfe zwischen Aufständischen und Soldaten in den Bezirken Al-Hamdanija, Al-Sukkari und Al-Ansari im Westen der 355 Kilometer nördlich von Damaskus gelegenen Stadt. Dabei kamen demnach zwei Rebellen ums Leben.

Bilderserie

Auch am Sitz eines TV-Senders kam es zu Gefechten. Die Rebellen hätten versucht, vom umkämpften Bezirk Salaheddine in die Nähe des Senders vorzurücken, hieß es. Ein Oppositioneller sagte, die Aufständischen seien von Assads Truppen gestoppt worden. Im syrischen Fernsehen wurde berichtet, eine große Zahl von "Terroristen" sei getötet oder verletzt worden. Das Fernsehen berichtete zudem von einem Massaker in Jalda, einem Stadtteil von Damaskus. 20 Menschen seien dabei getötet worden. Es war nicht möglich, den Bericht zu überprüfen. In der Hauptstadt Damaskus hat nach Angaben von Einwohnern bereits am Freitag eine Offensive der Regierung begonnen.

Am Samstag war Salaheddin den Angaben zufolge das Ziel der schwersten Angriffe der Regierungstruppen seit dem Beginn der Kämpfe am 20. Juli. Landesweit wurden demnach mindestens 205 Menschen getötet - 115 Zivilisten, 52 Soldaten und 38 Rebellen. Zu den Zivilisten zählt die Beobachtungsstelle auch bewaffnete Kämpfer gegen die syrische Regierung, die vorher keine Soldaten waren.

Die Regierungstruppen versuchen seit zwei Wochen vergeblich, die Rebellen aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt des Landes, zu verdrängen. Diese konnten das von ihnen kontrollierte Gebiet stattdessen sogar ausweiten. Nach Angaben eines Sicherheitsverantwortlichen steht die eigentliche Schlacht um Aleppo jedoch noch aus. 20.000 Soldaten hätten Stellung um die Stadt bezogen, weitere Verstärkung sei unterwegs.

Minister gegen Militäreinsatz

Verteidigungsminister Thomas de Maizière schließt derweil auch nach dem USA: Moskau verantwortlich ein militärisches Eingreifen in Syrien aus. "Das UN geben beschämendes Bild ab darf nicht automatisch zum Beginn des Militärischen führen", sagte de Maizière der "Welt am Sonntag". Annan hatte am Donnerstag sein Scheitern eingestanden, da es ihm nicht gelungen war, einen Waffenstillstand zwischen den Truppen Assads und den Aufständischen zu vermitteln.

Video

"Es ist zweifellos bitter und frustrierend, auf dieses Morden schauen zu müssen, ohne direkt etwas dagegen unternehmen zu können", erläuterte der Minister. Deutschland müsse weiter humanitär helfen und die demokratisch gesinnten Teile der Opposition logistisch unterstützen. "Aber mehr nicht", sagte de Maizière mit Verweis auf die Risiken eines solchen Einsatzes.

Unter dem Eindruck eskalierender Kämpfe bemühen sich unterdessen die USA um eine Abstimmung ihrer Politik mit der Türkei. Außenministerin Hillary Clinton werde am kommenden Samstag in Istanbul mit der Regierung über den Konflikt beraten, erklärte ihre Sprecherin während eines Besuchs der Ministerin im südafrikanischen Malawi. Die Türkei ist einer der schärfsten Kritiker der Regierung in Damaskus.

Nach fast 17 Monaten Krieg gegen das eigene Volk gerät die syrische Staatsführung auch wirtschaftlich in Bedrängnis. Wie russische Medien am Samstag berichteten, wurde das Regime in Moskau vorstellig, um vom Verbündeten Russland finanzielle Hilfe zu erbitten.

Schweiz will syrische Flüchtlinge aufnehmen

Bilderserie

Die Schweiz erwägt unterdessen als eines der ersten europäischen Länder die . Man prüfe Möglichkeiten zur Hilfe für eine begrenzte Zahl von Syrern, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Migration in Bern der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag". Der Präsident der Schweizer Polizeidirektoren, Hans-Jürg Käser, befürwortete entsprechende Hilfe für Syrer: "Sie sind in ihrem Heimatland an Leib und Leben bedroht", sagte er der Zeitung. Die Schweiz sollte "ein Kontingent an syrischen Flüchtlingen aufnehmen, das stünde unserer humanitären Tradition gut an".

Ein syrischer Flüchtlingsjunge nimmt in der türkischen Provinz Hatay an einer Beerdigung von syrischen Rebellen teil, die im Kampf starben.
Ein syrischer Flüchtlingsjunge nimmt in der türkischen Provinz Hatay an einer Beerdigung von syrischen Rebellen teil, die im Kampf starben.(Foto: REUTERS)

In Deutschland rief Grünen-Chefin Claudia Roth die Bundesregierung auf, "unbürokratisch" Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Nach Angaben humanitärer Organisationen wächst die Zahl der Flüchtlinge in Nachbarländern Syriens, wo bereits Zehntausende Menschen in Nothilfelagern versorgt werden, täglich um Hunderte. Innerhalb des Bürgerkriegslandes seien mehr als 1,5 Millionen auf der Flucht. Das Welternährungsprogramm (WFP) der UN schätzt, dass bis zu drei Millionen Syrer auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind.

Zudem wächst die Sorge um die christliche Minderheit in Syrien. "Die Christen sind in dem Bürgerkrieg zwischen alle Fronten geraten. Ihre Situation ist wirklich dramatisch" sagte Unions-Fraktionschef Volker Kauder der "Bild am Sonntag". "Wir prüfen derzeit, wie wir zumindest den Christen, die in die Nachbarländer geflüchtet sind, helfen können." Im überwiegend muslimischen Syrien machen die Christen etwa zehn Prozent der 22 Millionen Einwohner aus. Sie sind die älteste Bevölkerungsgruppe in dem Land. Unter Assads Regime haben sie Glaubensfreiheit genossen.

Videobotschaft von Geiselnehmern

Der Fernsehsender Al-Arabija strahlte indes ein Video mit in Syrien verschleppten iranischen Geiseln aus. Darin erklärt ein Vertreter der Geiselnehmer, unter den in ihrer Gewalt befindlichen 48 Menschen befänden sich auch Revolutionsgardisten. Die Revolutionsgarden sind eine Elitetruppe der iranischen Führung. Nach Darstellung der iranischen Führung handelt es sich bei den Verschleppten um muslimische Pilger, die sich aus religiösen Gründen nach Syrien begaben. Die Regierung in Teheran forderte die Türkei und Katar auf, sich für die Freilassung der in Syrien verschleppten Iraner einzusetzen. Die Türkei, Katar und Saudi-Arabien unterstützen allerdings die bewaffneten syrischen Rebellen.

Nach Berichten iranischer Medien entführten "bewaffnete terroristische Gruppen" die Iraner, die mit einem Bus zum Flughafen von Damaskus fuhren. Vor dem bewaffneten Konflikt in Syrien reisten jährlich etwa 700.000 Iraner in die syrische Hauptstadt, um dort eine den Schiiten heilige Stätte zu besuchen - das Grab von Sainab, der Tochter des Imams Ali. Die syrischen Rebellen, die gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad kämpfen, sind überwiegend sunnitischen Glaubens. Sie prangern Teherans Unterstützung für Assad an, der zur schiitisch-alawitischen Glaubensrichtung gehört.

Quelle: n-tv.de