Politik

Verbrechen gegen Menschlichkeit Amnesty: Syriens Regime entführt sein Volk

Samar al-Mir, Ehefrau des syrischen Aktivisten Fa’eq al-Mir, vermisst seit 2013 ihren Mann. Er verschwand in Damaskus.

Samar al-Mir, Ehefrau des syrischen Aktivisten Fa’eq al-Mir, vermisst seit 2013 ihren Mann. Er verschwand in Damaskus.

(Foto: © Amnesty International/ Mark Esplin)

Zehntausende Syrer sollen laut Amnesty International während der vergangenen vier Jahre gezielt verschleppt, in Gefängnissen gefoltert und ermordet worden sein. Und das Grauen ist mittlerweile ein lukratives Geschäft.

Oppositionelle, Ärzte, Studenten: Das syrische Regime hat Amnesty International zufolge in den vergangenen vier Jahren Zehntausende Menschen verschleppt. Seit 2011 habe das Syrische Netzwerk für Menschenrechte mindestens 65.000 verschwundene Menschen dokumentiert, davon 58.000 Zivilisten. Die Dunkelziffer könne aber noch wesentlich höher sein, da viele Opfer aus Angst, ihre Familie oder Verwandten zu gefährden, über die Entführungen schweigen.

"Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Teil einer sorgfältig geplanten Kampagne, die im Land Terror verbreiten und jeden Anflug von Widerspruch im Keim ersticken soll", sagt Philip Luther, der bei Amnesty für den Nahen Osten und Nordafrika zuständig ist. Unter den Entführten seien auch Journalisten, Menschenrechtler und humanitäre Helfer. "Die Entführten werden meist in überfüllten Zellen unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten", heißt es in einem knapp 70 Seiten langen Bericht, der jetzt in London veröffentlicht wurde. Demnach sterben viele der Opfer an den Folgen von Folter und Krankheit oder werden ohne Prozess hingerichtet.

Weil die Familien der Entführten oftmals sehr hohe Geldbeträge zahlen, um ihre Angehörigen zu finden, blühe mittlerweile ein regelrechter Schwarzmarkt. Mittelsmänner mit guten Kontakten zur Autorität kassieren demnach fünfstellige Summen für Informationen zum Verbleib der Vermissten. Amnesty zitiert einen Anwalt aus Damaskus, demzufolge die Bestechungsgelder ein "Goldesel" für die Regierung seien. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren seien die Entführungen gezielt genutzt worden, um Geld einzunehmen.

Folter, Vergewaltigung, Mord

375ba410056dde7145e8b76ff0b22b1a.jpg

Ranim Matuk berichtet von ihren Qualen.

(Foto: dpa)

Die Studentin Ranim Matuk wurde dem Bericht zufolge im Februar 2014 festgenommen und vier Monate lang festgehalten, zwei Monate lang wusste ihre Familie nicht, ob sie noch lebte. Ihr Vater war bereits im Oktober 2012 plötzlich verschwunden. Matuk berichtete von Schlägen, tödlicher Folter und Vergewaltigung im Gefängnis, wo sie mit neun anderen Frauen in einer zweimal zwei Meter großen Zelle voller Insekten gefangen gewesen sei. "Unsere Zelle hatte ein kleines Fenster und wir konnten Leichen in den Fluren und in den Bädern liegen sehen", berichtete sie. Es seien auch Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren unter den Toten gewesen.

Die Zahnärztin Rania al-Abbasi wurde laut Amnesty im März 2013 gemeinsam mit ihren sechs Kindern im Alter von zwei bis 14 Jahren verschleppt, seitdem ist die Familie spurlos verschwunden. Schätzungen zufolge sind aber 90 Prozent der verschleppten Männer - wie auch der Architekturstudent Islam Dabbas, der friedliche Proteste organisiert hatte. Er wurde im Juli 2011 festgenommen. Nach einem Jahr durfte seine Familie ihn besuchen. Doch seither antworteten die Behörden auf Nachfragen, sie hätten den jungen Mann nicht mehr in Gewahrsam und wüssten nicht, wo er sei.

Salam Othman, ein Menschenrechtsanwalt aus Aleppo, war 2011 verschleppt worden - und kam 2014 wieder frei. Er berichtete Amnesty, er sei im Saydnaya-Gefängnis mehrfach mit Instrumenten gefoltert worden, die "maximalen Schmerz an den ‚empfindlichsten Körperstellen‘ verursachen". "Ich war mit 30 anderen in einer Zelle. Die Menschen starben und wurden durch andere ersetzt", erzählte Othman. "Ich durfte meine Zelle drei Jahre lang nicht verlassen, nicht ein einziges Mal. Viele sind irgendwann hysterisch geworden oder haben den Verstand verloren." Jene, die freigelassen würden, seien laut Amnesty oftmals völlig traumatisiert.

Die Menschenrechtsorganisation fordert die Vereinten Nationen nun auf, diese Taten vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen und das syrische Regime mit Sanktionen unter Druck zu setzen. Eine wichtige Rolle könne dabei Russland spielen, da Syriens Machthaber Baschar al-Assad von der Unterstützung des Kreml abhängig sei.

Quelle: ntv.de, jug/dpa

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.