Politik
Die Genossen unterstützen "den Martin".
Die Genossen unterstützen "den Martin".(Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/)
Sonntag, 25. Juni 2017

SPD macht sich Mut: Attacke-Schulz, die Erste

Von Christian Rothenberg und Lisa Schwesig, Dortmund

Eigentlich soll es ums Programm gehen, aber diskutiert wird wenig beim SPD-Parteitag. Die Veranstaltung hat einen anderen Zweck. Die Partei und Kanzlerkandidat Schulz versuchen, sich gegenseitig wieder aufzubauen. Reicht das?

Neuneinhalb Minuten - so lange schallen Applaus und "Martin, Martin"-Rufe durch die Dortmunder Westfalenhalle. Ab und an, als der Lärmpegel zu ermüden scheint, winkt Martin Schulz noch einmal in die Menge. Einmal hilft Musik als applausverlängernde Maßnahme. 570 Sekunden - eine Partei, die ihren Kanzlerkandidaten so lange feiert, kann eine Wahl und sich selbst doch noch gar nicht abgeschrieben haben. Das ist die Botschaft, die die SPD an diesem Sonntag gern an die ganze Republik senden will. Seht her: Da geht noch was!

Dabei beginnt der Parteitag chaotisch. Um 10 Uhr, als es eigentlich losgehen soll, warten noch Hunderte Teilnehmer vor der Halle. Wollte man der SPD Böses, man könnte es als Vorgeschmack auf eine von ihr geführte Bundesregierung auslegen. Aber viele nehmen es gelassen. "Die Menschen stehen Schlange für Martin Schulz", sagt ein SPD-Delegierter. In der Westfalenhalle überbrückt eine Bigband die Wartezeit. Das erste Lied "Stand by me" hat durchaus selbstreferentielle Züge für die SPD, die nach dem Schulz-Hype bei den Meinungsforschern wieder unter die 25-Prozent-Marke gefallen ist.

Der Altkanzler heizt den Genossen ein

Dafür ist die Stimmung in Dortmund erstaunlich gut. "Wenn man nicht gewinnen will, braucht man nicht antreten", sagt Frank Müller, Delegierter aus Essen. Die Techniker setzen die Hallendecke in warme Rottöne. Auf der Tribüne hängen Banner mit den Worten "Gerechtigkeit, Zukunft. Europa". Mit einer Stunde Verspätung startet der Parteitag. Kanzlerkandidat Schulz zieht zu dem Coldplay-Song "Viva la vida" in die Halle ein. Der Applaus fällt nicht übermäßig euphorisch aus. Auf große Show, das hatte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil vorher betont, verzichtet man bewusst. Aber es kommt rasch Stimmung auf. Parteivize Manuela Schwesig eröffnet den Parteitag. Ihr Satz "Wir wollen stärkste Kraft werden und wollen, dass Martin Schulz der nächste sozialdemokratische Kanzler wird" erstickt im Jubel. Die Wahl sei völlig offen, sagt sie. Wieder wird es laut - genau diese Sätze wollen hier alle hören und glauben.

Als zweites tritt Gerhard Schröder an das Mikrofon. Der Altkanzler zitiert Zeitungsartikel, die ihn vor der Bundestagswahl 2005 schon abgeschrieben hatten. "Heute lese ich das sehr ähnlich", sagt Schröder. Er habe den Abstand um mehr als 20 Prozent verkürzen können."Was damals ging, das geht auch heute noch", motiviert Schröder. Sein Auftritt ist eine zwiespältige Sache. Teile der SPD hadern bis heute mit seiner Agendapolitik, geben ihm die Schuld an der Krise der Partei. Schröder übernimmt die Rolle des Parteipsychologen. "Nur wer dieses Amt unbedingt will, wird es auch bekommen." Auf dem Weg dürfe es keine Selbstzweifel geben, "nicht beim Kandidaten, aber auch nicht bei euch", raunt der typische Schröder-Sound durch die Halle. Eine Prise Amerika-Kritik, Lob für Andrea Nahles ("Ich hatte nicht immer erwartet, dass du das so doll machen würdest") und etwas Demut ("Ich weiß, dass ich es euch nicht immer leicht gemacht habe") - das kommt an.

Gänsehaut und Tränen

Dann ist Schulz an der Reihe. Wieder schallt Coldplay aus den Boxen. Er will anfangen, aber die Genossen lassen ihn nicht. Mutmachklatschen für "den Martin", wie ihn alle nennen. Schulz steigt etwas ungewöhnlich ein, mit "einer Geschichte" über die asymmetrische Demobilisierung, der Wahlkampftaktik von CDU und CSU. Angela Merkel und die Union hätten keine Konzepte für die Zukunft, verweigerten sich der Debatte und dem Wahlkampf. Dies sei, schimpft Schulz, "ein Anschlag auf die Demokratie". Eine krasse Wortwahl, die später jedoch von vielen SPDlern gelobt wird. "Endlich" greife Schulz die Kanzlerin frontal an. So aggressiv müsse er jetzt bis zum Wahlabend weitermachen. Nach dem giftigen Einstieg präsentiert Schulz seine Agenda, für jeden ist etwas dabei. Er beklagt mangelnden Respekt vor der Lebensleistung, wettert gegen Profitmaximierung, Waffenverkäufe, Le Pen, Erdogan und die AfD. Jubel bricht aus, nachdem Schulz verkündet, er werde einen Koalitionsvertrag nur unterschreiben, wenn dort die Ehe für alle festgeschrieben ist.

80 Minuten dauert die Rede, die kämpferisch ausfällt, im letzten Drittel aus Sicht vieler Zuhörer etwas lang wird. Dennoch gibt es viel Lob für Schulz. Alexa Bell aus Solingen sagt: "Ich hatte ein Gänsehautgefühl und in einigen Momenten auch Tränen in den Augen." Sven Wingerter aus Hessen sagt: "Schulz kann die SPD dorthin bringen, wo Jeremy Corbyn die Labour-Partei hingebracht hat." Nach der Schulz-Rede verlassen viele die Halle, auf einen Plausch und eine Currywurst. Aber die Zeit drängt. Im Eiltempo kämpfen sich die Delegierten durch die Änderungsanträge für das Wahlprogramm. Zeit für Debatten ist nicht. Die größten Streitthemen waren entweder schon vorher (Vermögenssteuer) oder auf dem Parteitag (Ehe für alle) abgeräumt worden. Eine der wenigen Überraschungen: Gegen die Empfehlung der Parteispitze erhält im letzten Moment noch ein Antrag gegen Abschiebungen nach Afghanistan eine Mehrheit. Nur mit einer Enthaltung verabschiedet die SPD ihr Regierungsprogramm.

Die Partei steht hinter ihrem Kandidaten

Ob das reicht? Auf die schlechten Umfragen angesprochen, geben sich viele Genossen entspannt. Die meisten sind überzeugt, dass die Werte wieder steigen, weil die Partei nun Inhalte geliefert habe und der Kanzlerkandidat nun schärfer angreife. Einige sind der Ansicht, Schulz sei psychologisch im Vorteil. Weil niemand mehr mit ihm rechne, könnte er nur gewinnen. Anzeichen von Panik gibt es nicht. Das liegt wohl nicht nur daran, dass die Partei Kummer inzwischen gewohnt ist. Im Gegensatz zu 2013 hat sie diesmal einen Kandidaten, der zum Programm passt und hinter dem sich die SPD vollständig versammelt. Die Voraussetzungen und die Stimmung sind weit besser als vor vier Jahren.

Als Schulz und seine Vorstandskollegen sich um kurz vor 16 Uhr an den Händen halten und die SPD-Hymne "Wenn wir schreiten Seit’ an Seit" singen, ist die Halle schon halb leer. Die Delegierten und Besucher sind längst unterwegs zu ihren Zügen. Die neuneinhalb Minuten waren wichtig - sowohl für Schulz als auch für die Partei. Aber die schwierige Aufgabe liegt noch vor ihnen, und es bleiben nur noch dreizehn Wochen Zeit.

Quelle: n-tv.de

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