Politik

Komplizierter Getreide-Transit Im Schwarzen Meer droht Seeminen-Slalomfahrt

Das Minensuchgeschwader der Deutschen Marine bei einer Seeminensprengung in der Ostsee. Die Minen im Schwarzen Meer sollen aus Zeitgründen vorerst nicht entschärft werden.

Das Minensuchgeschwader der Deutschen Marine bei einer Seeminensprengung in der Ostsee. Die Minen im Schwarzen Meer sollen aus Zeitgründen vorerst nicht entschärft werden.

(Foto: picture alliance / photothek)

Das Getreideabkommen lässt darauf hoffen, dass über 20 Millionen Tonnen Getreide bald die ukrainischen Häfen verlassen. Doch der Schiffstransit ist hochgefährlich, denn eine Räumung der Seeminen hätte "zu viel Zeit in Anspruch genommen". Die Frachter erwartet deshalb eine riskante Slalomfahrt.

Schätzungsweise mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide warten in der Ukraine darauf, verschifft zu werden. Seit Freitag voriger Woche ist die Hoffnung groß, dass das Getreide aus der Kornkammer Europas endlich hinaus in die Welt transportiert werden kann. In Istanbul unterzeichneten Vertreter Russlands und der Ukraine unter Vermittlung der Türkei und der UN ein Abkommen, das den sicheren Transport des Korns während des Kriegs garantieren soll.

Doch nur einen Tag später erschütterte ein russischer Raketenangriff den Hafen der Schwarzmeerstadt Odessa. Kalibr-Marschflugkörper haben laut des russischen Verteidigungsministeriums ein Schiffsreparaturwerk getroffen. Darin seien "Harpoon"-Anti-Schiffsraketen aus den USA gelagert worden, außerdem habe sich ein ukrainisches Kriegsschiff in dem Dock befunden.

Zwei russische Raketen seien abgefangen worden, zwei weitere seien im Hafen eingeschlagen, teilte die Ukraine mit. Zum Zeitpunkt der Attacke lagerte dort demnach auch Getreide, die Vorräte waren von dem Beschuss jedoch offenbar nicht betroffen.

Es deutet derzeit also alles darauf hin, dass das Getreideabkommen trotz des neuerlichen russischen Angriffs in Kraft treten wird. An den Häfen in Odessa, Tschornomorsk und Juschne seien die Vorbereitungen für die Wiederaufnahme der Transporte weiter in vollem Gange, teilte die für die Seehäfen zuständige ukrainische Behörde mit. Und auch Russland hält an dem Vorhaben fest.

Ukrainische Lotsen sollen an Minen vorbeinavigieren

Der Plan sieht vor, die Getreideschiffe wie an einer Perlenkette entlang durch das Schwarze Meer zu schicken. Ein Leitschiff soll die Schiffskarawane anführen. Reedereien, die Schiffe in diese Karawane entsenden wollen, müssen diese anmelden. In Istanbul soll ein Koordinationszentrum für die Durchfahrt der Schiffe installiert werden. Vertreter aus der Türkei, der Ukraine, Russland und den Vereinten Nationen sollen die Fahrt durch das Schwarze Meer koordinieren und sichern.

In der Nähe der Küste sollen ukrainische Lotsen die Schiffe an den hochgefährlichen Seeminen vorbeisteuern, eskortiert von ukrainischen Kriegsschiffen. Es ist der riskanteste Teil des Transits. Außer den Kriegsparteien weiß niemand, wie viele Seeminen im Schwarzen Meer lauern.

Sicher ist, dass die Ukrainer kurz nach Kriegsbeginn ihre Häfen und Küstenbereiche vermint haben, um sich vor Angriffen der Russen vom Schwarzen Meer aus zu schützen. "Dabei geht es um sogenannte Ankertauminen. Das sind Minen, die kurz vor den Häfen oder Küstenlinien in flacheren Gewässern ausgelegt werden. Sie dienen im Wesentlichen dazu, eine amphibische Landung zu verhindern", hatte Militärexperte Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zuletzt im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" erklärt.

"Können einige Hundert Minen sein"

Ankertauminen sind mit einem Seil an einem Anker befestigt. Kurz unter der Wasseroberfläche lauern die Metallkugeln. Wenn ein Schiff die Mine berührt, explodiert sie und lässt das Schiff in den meisten Fällen untergehen. Wie viele dieser Sprengkörper im Schwarzen Meer liegen, ist unklar. "Das können schon einige Hundert Minen sein, wenn man eine Küstenlinie vermint", macht Richter deutlich. Wer die Minen platziert hat, ist auch Spekulation. Beide Kriegsparteien nutzen etliche Minen aus alten Sowjetbeständen, das macht eine Identifikation schwierig. Zumal den Russen bei der Krim-Annektion 2014 auch ukrainische Minen in die Hände gefallen sind.

Militärstrategisch ist das Verminen von Häfen und Küstenlinien nicht ungewöhnlich, sagt Wolfgang Richter. Seeminen seien ein effektives Mittel, um den Kriegsgegner daran zu hindern, vom Meer aus Küstenstädte anzugreifen. "Mit den Minen stoppt man den Feind, man zwingt ihn zu Minenräumungsaktionen. Während dieser Zeit kann man die feindlichen Schiffe von der Küste aus beschießen", erklärt Richter.

Russland hatte im Zuge des Getreidedeals darauf gedrängt, dass die Ukraine alle Minen entfernt. Kiew allerdings befürchtete, dass der von der Ukraine kontrollierte Teil der Schwarzmeerküste dann zum Einfallstor für Moskaus Truppen werden könnte. Darauf hatte Wolfgang Richter bereits vor zwei Wochen im Podcast aufmerksam gemacht: "Die Korridore für die Schiffe müssen so klein sein, dass für Russland keine amphibischen Landungen möglich sind."

Die Ukraine wird deshalb höchstens so viele Minen entfernen, wie nötig. Von einer großflächigen Minenräumung im Schwarzen Meer ist im Istanbuler Vertrag auch gar keine Rede. Laut UN-Vertretern hätte das "zu viel Zeit in Anspruch genommen." Sollte das doch noch nötig werden, soll ein Drittland der Ukraine helfen. So steht es im Abkommen.

Ältere Minen? "Müsste man explodieren lassen"

Vor allem Minen älterer Bauart können laut Wolfgang Richter bei der Entschärfung Probleme machen. Diese müssten mithilfe spezieller Minenräumer zur Explosion gebracht werden. "Letztlich gibt es Minen, die auf Magnetfelder reagieren, die dann schwierig zu beseitigen sind. Theoretisch müsste man die explodieren lassen." Neuere Modelle mit einem elektronischen Zünder könnten dagegen "auch aus der Ferne entschärft werden", so der Experte. Richter hält es grundsätzlich zwar für möglich, dass "eine gut ausgebildete Minenräumertruppe innerhalb weniger Tage einen Korridor freiräumen kann", doch die Pläne der Vertragsunterzeichner sind andere.

Mit einem schnellen Beginn des Schiffstransits ist aber ohnehin nicht zu rechnen. Die Vereinten Nationen sprechen eher von Wochen als von Tagen.

Und auch mit Beginn des Getreidetransits ist die Gefahr nicht gebannt. Ankertauminen können sich im schlechtesten Fall losreißen und dann ziellos durch das Schwarze Meer treiben. Die Türkei hat an der Einfahrt vom Schwarzen Meer in den Bosporus Ende März bereits zwei treibende Seeminen entdeckt und gesprengt. Die Herkunft der Minen ist nach wie vor unklar.

Und die Slalomfahrt durch das verminte Schwarze Meer ist nicht das einzige Risiko für die Getreideschiffe. Russlands Raketenangriff nur einen Tag nach Unterzeichnung des Abkommens verdeutlicht, dass von einem de-facto-Waffenstillstand in und um Odessa keine Rede sein kann.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 25. Juli 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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