Politik

Attentate, Flucht und Geiselnahme Chronologie der Terrortage in Frankreich

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Die Szene vor der "Charlie Hebdo"-Redaktion nach dem Anschlag. Zweieinhalb Tage brauchte die französische Polizei, um die Täter unschädlich zu machen.

(Foto: dpa)

Die französische Polizei hat die Geiselnahmen in Paris und in einem Vorort beendet. Damit gehen drei Tage des Schreckens zu Ende. Ein Überblick über die Ereignisse.

Mittwoch

Der Wahnsinn beginnt am Mittwoch, den 7. Januar, gegen 11.20 Uhr. Zwei Männer betreten einen graues, schmuckloses Gebäude in der Rue Nicolas Appert, Hausnummer 6. Sie sind vermummt, tragen kugelsichere Westen. "Ist hier Charlie Hebdo?", fragen sie und feuern zwei Schüsse ab. Nein, dort ist nicht Charlie Hebdo, nur das Archiv der Satirezeitschrift. Die beiden Männer bemerken ihren Fehler und gehen eine Tür weiter, zur Hausnummer 10 und erschießen einen Gebäudereiniger. Die Zeichnerin Corinne Rey, genannt "Coco", erscheint vor der Redaktion. Die Männer zwingen sie, ihnen zu zeigen, wo die Redaktion sitzt. Rey bringt sie zunächst in den dritten Stock, was eine Finte ist, muss sie dann aber in den zweiten Stock bringen. An der Panzertür weist kein Schild auf das Magazin hin, die mit einem Zahlenschloss gesichert ist.

Rey sieht sich gezwungen, den Code einzugeben. Die Vermummten stürmen das Büro, in dem gerade die wöchentliche Redaktionskonferenz stattfindet. Sie rufen zuerst den Namen des Chefredakteurs Stéfane Charbonnier und erschießen ihn. Ein Polizist ist zum Schutz Charbonniers angestellt, ist aber nicht schnell genug, das Feuer zu erwidern. Er stirbt im Kugelhagel zusammen mit sieben Journalisten und einem Gast. Rey versteckt sich hinter einem Schreibtisch und überlebt. Eine Mitarbeiterin wird bewusst am Leben gelassen, mit der Begründung, dass sie eine Frau ist. Mehrfach rufen die Täter "Allahu Akbar" – "Gott ist groß".

Angestellte im Nachbarbüro versuchen unterdessen, die Polizei zu rufen, doch mehrfach meldet sich niemand. Nachdem der Notruf dann doch eingegangen ist, dauert es 10 Minuten, bis die ersten Streifenpolizisten vor Ort sind. Einige von ihnen flüchten wieder, als sie erkennen, dass die Angreifer mit Kalaschnikows bewaffnet sind. Diese schießen auf der Straße herum, auch auf einen Streifenwagen, rufen weiter "Allahu Akbar" und "Wir haben den Propheten Mohammed gerächt". Vom Dach eines Nebengebäudes filmen Beobachter das Geschehen mit dem Handy.

Die Angreifer steigen in einen schwarzen Citroën C3 und fahren los. Nur wenige Blocks weiter treffen sie auf einen Polizisten und schießen auf ihn. Der Polizist geht zu Boden und bleibt wehrlos liegen. Daraufhin steigen die Terroristen aus dem Auto, einer brüllt den Verletzten an und erschießt ihn aus nächster Nähe. Die Szene wird gefilmt und später ins Internet gestellt.

Die Flucht geht weiter. Die Männer rammen mit ihrem Citroën einen anderen Wagen und lassen das Auto schließlich stehen – ein Personalausweis bleibt im Auto zurück. Sie überfallen einen anderen Autofahrer und stehlen seinen Wagen, einen grauen Renault Clio. Sie flüchten weiter nach Norden, raus aus Paris.

In Frankreich läuft eine Großfahndung an, die Bilder von Überwachungskameras an Mautstellen werden ausgewertet, aufgrund des Personalausweises kennt die Polizei die Identität der Täter. Auf der Flucht sind die Brüder Chérif und Said Kouachi, 32 und 34 Jahre alt. Ein 18 Jahre alter Mittäter stellt sich am Abend der Polizei – wie genau er an dem Attentat beteiligt war, ist unklar. Die Polizei sucht mit Razzien im Umfeld der Brüder nach Hinweisen auf weitere Mittäter. Die Verfolgung der Kouachis bleibt ergebnislos.

Donnerstag

Am Donnerstagmorgen erschießt ein Mann eine Polizistin in Montrouge, einem südlichen Stadtteil von Paris. Zunächst sieht es so aus, als ob die Tat in keiner Verbindung zum Anschlag auf "Charlie Hebdo" steht. Der Täter ist flüchtig.

Am Vormittag überfallen die Kouachi-Brüder laut Medienberichten eine Tankstelle, erbeuten Benzin und Lebensmittel. Die Fahndung bleibt weiter erfolglos, aber Erkenntnisse über die Täter werden bekannt: Im ersten Fluchtwagen hat die Polizei mehrere Molotow-Cocktails gefunden sowie zwei Dschihadisten-Fahnen. Augenzeugen berichten, dass die Männer nicht nur Kalaschnikows tragen, sondern auch eine größere Waffe dabei haben, eine Panzerfaust oder einen Raketenwerfer. Ein Sprecher der US-Regierung teilt mit, dass die Brüder seit Jahren als terrorverdächtig gelten und Said, der ältere, mehrere Monate in einem Trainingscamp der Terrororganisation Al Kaida im Jemen verbracht hat. Sein Bruder Chérif war Mitglied des "Buttes-Chaumont-Netzwerks", das Dschihadisten in den Irak schickt. 2005 wollte sich auch Chérif als Kämpfer einsetzen lassen, doch die Polizei hielt ihn auf. 2008 wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt, die Hälfte davon wurde zur Bewährung ausgesetzt. Im Gefängnis radikalisierte er sich weiter.

Freitag

Am Freitag liefern sich Polizei und Attentäter eine Verfolgungsjagd auf der Nationalstraße 2. Dabei fallen Schüsse. Die Kouachi-Brüder flüchten sich im Ort Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris in eine Druckerei und nehmen eine Geisel. Ein Handelsvertreter, der zufällig dort ist, wird aufgefordert, wieder zu gehen. Er schüttelt einem der Täter sogar die Hand, wie er später erzählt. Die Polizei umstellt das Gebäude und versucht, Kontakt zu den Geiselnehmern aufzunehmen, Gebäude in der Umgebung werden evakuiert.

Wenig später, gegen 13 Uhr, taucht der Mann auf, der am Vortag eine Polizistin erschossen hat. Er dringt mit zwei Gewehren in einen jüdischen Supermarkt im Osten von Paris ein und schießt um sich. Er tötet dabei mindestens zwei Menschen und nimmt mehr als ein Dutzend Geiseln. Begleitet wird er offenbar von seiner Lebensgefährtin Hayat Boumeddiene. Einige umliegende Gebäude werden geräumt, für andere eine Ausgangssperre verhängt. Nun nennt die Polizei auch den Name des Mannes. Er heißt Amedy Coulibaly und ist mit den anderen beiden Attentätern bekannt. Auch er ist ein polizeibekannter Islamist und saß schon wegen islamistischer Aktionen im Gefängnis. Coulibaly droht damit, seine Geiseln umzubringen, sollte die Polizei gegen die Kouachi-Brüder vorgehen.

Gegen 17 Uhr stürmen Spezialeinheiten der Polizei beide Geiselnahmen gleichzeitig. In beiden Fällen werden Blendgranaten geworfen. Explosionen sind zu hören, Blitze zu sehen. Dann erschießen die Polizisten alle drei Geiselnehmer. Die Geisel in Dammartin-en-Goële überlebt unversehrt. In Paris sterben vier Menschen, mindestens 10 überleben. Mit den befreiten Geiseln ist laut CNN allerdings auch Hayat Boumeddiene, die Komplizin des Geiselnehmers, aus dem Gebäude entkommen.

Quelle: n-tv.de