Politik

Kritik an NRW-Krisenmanagement Der Lockdown kommt "viel zu spät"

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Mobile Testteams sind im Kreis Gütersloh unterwegs, um Angestellte der Firma Tönnies in ihrer Quarantäne aufzusuchen und Angehörige zu testen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch hat der Tönnies-Lockdown nur zwei Landkreise erwischt. Doch der Ausbruch mit 1500 Infizierten ist eine Gefahr für ganz Deutschland, sagt der Gesundheitsforscher Ansgar Gerhardus von der Universität Bremen im Interview mit ntv.de. Die Maßnahmen seien richtig, aber jeder Tag Verzögerung sei fatal.

ntv.de: Zwei deutsche Landkreise sind seit gestern wieder im Lockdown - allerdings weniger streng als beim bundesweiten im Frühjahr. Eine gute Entscheidung?

Ansgar Gerhardus: Was seit gestern passiert, das ist aus meiner Sicht richtig. Es kommt nur viel zu spät.

Die Ergebnisse der Tests bei der Tönnies-Belegschaft lagen erst am Wochenende vor.

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Ansgar Gerhardus ist Professor für Versorgungsforschung an der Universität Bremen, außerdem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Public Health und hat das "Kompetenznetz Public Health zu COVID-19" mitgegründet.

Ja, aber man kann Teil-Ergebnisse doch problemlos hochrechnen. Wenn 1000 Mitarbeiter bereits getestet sind, und ein bestimmter Prozentsatz davon positiv, dann rechne ich hoch, wie viele bei 7000 Mitarbeitern positiv sein werden. Im Ergebnis sind es nun 1500 Fälle bei Tönnies. Wenn ich dabei von exponentiellem Wachstum ausgehe, dann ist eine Woche Verzug eine sehr lange Zeit. Jeder Tag Verzögerung ist dann fatal. Man hat Tönnies viel zu lange machen lassen. Das war ein Fehler.

Welchen Preis wird das Land denn für diesen Fehler zahlen?

Das wird stark davon abhängen, was die Tests außerhalb des Unternehmens Tönnies zeigen, diese Ergebnisse müssen wir abwarten. Bisher sind ja 24 derartige Fälle bekannt. Mir wäre es am liebsten, man würde jetzt zwei Strategien kombinieren: Es sollten sich alle mit Risikokontakt testen lassen, also wer mit einem Tönnies-Mitarbeiter am Wochenende gegrillt hat, als Beispiel. Zum anderen sollten wissenschaftlich begründete Stichproben genommen werden. So kann man gut abschätzen, wie hoch die Infiziertenzahl tatsächlich ist. Es ist auf jeden Fall klug, dass der Landkreis allen Bürgern kostenlose Tests anbietet.

Und wenn dann die Ergebnisse vorliegen?

Für Politiker wird es jetzt sehr schwer, solche Entscheidungen zu treffen. Wenn am Freitag die Zahl der Infizierten im Kreis Gütersloh sehr hoch ist, dann kann vielleicht erstmal keiner in Urlaub fahren. Sind die Zahlen niedrig, dann könnten Ferienreisen vertretbar sein. Es würde sehr schwierig, die Bürger zu überzeugen, ihre Urlaube wieder abzusagen. Andererseits bergen aus meiner Sicht solche Reisen eine große Gefahr, dass sich das Virus weit verbreitet. Bayern, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen haben die Einreise schon eingeschränkt. Das ist sehr hart gegenüber den Menschen, aber aus meiner Sicht nachvollziehbar.

Sie sehen im Infektionsherd Tönnies also eine Gefahr für ganz Deutschland?

Das Potential ist auf jeden Fall da. Von dort ausgehend könnte sich die Epidemie bundesweit wieder drastisch ausbreiten. Man muss da jetzt sehr entschlossen entgegenwirken.

Bei der Strategie, das Virus in Hotspots lokal zu bekämpfen, wird es immer das Problem geben, dass wenige Menschen leiden müssen, während alle anderen drumherum weiter ihre Freiheit genießen. Kann das funktionieren?

Ich denke schon. Zunächst mal ist der Lockdown in Gütersloh ja ein anderer als der, der vor sechs Wochen galt. Und für diesen Moment ist das gut. Aus dem Bauch heraus würde man vielleicht sagen, die Maßnahmen sollten noch strenger sein. Aber es hat sich gezeigt, dass im Buchladen oder im Baumarkt die Ansteckungsgefahr sehr niedrig ist, wenn die Menschen achtsam sind. Darum sollten wir keine Regeln vorschreiben, deren Effekt nur schwach ist. Was im Moment in Gütersloh gemacht wird, ist in Ordnung.

Auch der Appell, den Kreis nicht zu verlassen? Statt eines Verbots?

Mit seiner langen Stellungnahme wollte der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Bürgern ja gestern vermitteln: Vor sechs Wochen war alles verboten, jetzt gibt es wieder Möglichkeiten. Dafür jedoch lege die Landesregierung ein Stück der Verantwortung in die Hände der Bürger, das war in etwa seine Botschaft. Ich persönlich denke, dass die meisten Menschen bereit sind, diese Verantwortung auch zu übernehmen, wenn sie das Gefühl haben, fair behandelt zu werden.

Was bedeutet fair an dieser Stelle?

Das Wichtigste ist, sorgsam zu erklären, was passiert und warum so entschieden wird. Die Faustregel "50 Fälle auf 100.000 Einwohner in einer Woche bedeuten Einschränkungen" ist in Ordnung. Aber man sollte sich nicht stumpf daran halten, sondern immer den Kontext mitbetrachten. Kommen die 50 Fälle durch einen einzelnen Ausbruch zustande, ein konzentriertes Geschehen, dann kann ich den Wert auch höher ansiedeln. Bei diffusem Geschen, wenn sich das Virus weit ausbreitet, muss sehr wahrscheinlich schon bei einer geringeren Zahl reagiert werden.

Das kann natürlich gerade unfair wirken, wenn mal 50 Fälle entscheiden und mal nicht.

Das muss sehr viel besser kommuniziert werden. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass dieser Wert beliebig ist. Die Regeln müssen klar gefasst sein. Als der erste Landkreis über die 50 Fälle-Grenze kam, hat die dortige Landrätin sofort gesagt: Bei uns gilt das nicht. Das mag ja sogar richtig sein, aber es muss viel besser erklärt werden. Und klar sein muss auch, dass nicht die Bürger das Problem ausbaden und der Verursacher davon kommt. Nach solch einem Ausbruch wie bei Tönnies kann es nicht weitergehen wie bisher.

Gilt das auch für andere Hotspots?

Die Ursachen für einen Ausbruch können ganz vielfältig sein - auch die Temperatur und Enge bei der Arbeit kann eine Rolle spielen. Systematisch ist das Problem aber dort, wo Mitarbeiter stark abhängig sind. Deutschlandweit gab es mehrere Covid-Ausbrüche in Logistikzentren - 37 Fälle bei DHL in Bremen, 53 Infizierte bei Amazon in Winsen, 80 Ansteckungen bei DPD in Heinsberg - das spricht dafür, dass Kranke aus Sorge um ihren Arbeitsplatz weiter zur Arbeit erscheinen. Für diese Menschen muss man die Bedingungen verbessern. Dasselbe gilt auch für Flüchtlinge, die in Massenunterkünften unmöglich den nötigen Abstand einhalten können. Solche Unterkünfte sollten jetzt aufgelöst werden, bevor dort Covid-19 ausbricht.

Mit Ansgar Gerhardus sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de