Politik

Gefahren der Digitalisierung Der Teufel heißt Zuckerberg

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Mark Zuckerberg, Gründer und Co-Chef von Facebook.

(Foto: imago images / photothek)

Eindringliche Warnungen vor "Plattformökonomie" und "Künstlicher Intelligenz" - und danach minutenlanger Beifall. Das ist selten, wenn sich Menschen treffen, die das Netz verstehen und damit Erfolg haben. Doch die Skepsis in diesen Kreisen nimmt zu. Steht die Demokratie auf dem Spiel?

Die neuen Zwanziger haben gerade erst begonnen, da fühlt es sich schon an, als wären wir mittendrin: in einer neuen gefährlichen Ära. Laut und deutlich erklingen die Warnungen vor einem Jahrzehnt, das für die kleine Elite von Facebook, Google oder Amazon zum Tanz auf dem Datenvulkan werden könnte - während Milliarden von Nutzern eine böse Abrechnung dafür droht, dass in den Jahrzehnten zuvor alle Lebensbereiche radikal digitalisiert und ökonomisiert worden sind.

Besonderer Anlass zur Sorge besteht dann, wenn sich auf einmal Menschen skeptisch äußern, die eigentlich zu den Profiteuren der Entwicklung zählen und die aufgrund ihrer Kenntnis und Erfahrung wissen, wovon sie reden - Experten und Insider also. Alarmierend ist außerdem, wenn ihnen niemand grundsätzlich widerspricht - wie etwa auf der internationalen Konferenz "DigitalLifeDesign" (#DLD20), die Anfang der Woche in München zu Ende ging.

Bei der hochkarätig besetzten Veranstaltung wurde in diesem Jahr erstaunlich kritisch und politisch diskutiert - über die Geister, die mit den Algorithmen, den Datenbergen und den sozialen Medien gerufen worden sind und die langsam sogar beginnen selbstständig zu denken - Stichwort: "Künstliche Intelligenz".

Im Mittelpunkt der Kritik steht eine kleine, aber gefährliche Gruppe von Menschen, die über die sogenannten "digitalen Plattformen" herrscht. Eine Gruppe, die sich blind und taub - und vielleicht wider besseren Wissens - auf perfide Weise doof zu stellen scheint. So beschäftigte die Konferenzteilnehmer die Frage, ob die großen digitalen Plattformen als Steigbügelhalter anti-demokratischer Kräfte wirken oder ob Facebook, Google und Co gar selbst eine dunkle, teuflische Macht bilden?

Weitgehende Einigkeit bestand darin, dass es einen Teufel gibt. Er trägt den süßen Namen "Zuckerberg" - die Rede ist von Mark Zuckerberg, der Gründer und Co-Chef von Facebook. Er ist die Personifizierung einer Gefahr, die von der Technologie vieler Plattformen ausgehen soll. Bekannt sind neben den ganz großen auch Airbnb, Paypal, Netflix oder Twitter, weltweit sind es rund 200 Unternehmen. "Sie arbeiten einzig und allein nach dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit", sagte der Investor und Autor Roger McNamee am Montag. "Die Demokratie ist hingegen von Natur aus unwirtschaftlich."

Warnung vor einem Endkampf

Nach den Vorstellungen von McNamee müssen sich demokratische Gesellschaften auf eine Art Endkampf einstellen. Diesen könne die Demokratie nur gewinnen, wenn bald entschieden gehandelt werde. Eine Zerschlagung einzelner Großkonzerne sollte genauso eine Option sein wie strengere Gesetze, vor allem nach dem Prinzip: Was offline gilt, muss auch online gelten.

Dabei geht es vor allem um zwei Problemfelder: Erstens den Missbrauch von persönlichen Daten. Und zweitens die Verbreitung von Falschmeldungen ("Fake News"), auch in bezahlten politischen Anzeigen. Auf diese Weise wurden in den vergangenen vier Jahren wichtige demokratische Wahlen beeinflusst. Wie die Enthüllungen rund um das Unternehmen "Cambridge Analytica" und der "Mueller-Report" gezeigt haben, stehen dabei die Wahlen in den USA und in Großbritannien (inklusive dem Brexit Referendum) oben auf der Liste der Manipulationsversuche.

Kritiker fordern daher strengere Regeln, entschlossenes politisches Handeln und ethische Standards, die Programmierer bislang nicht beachten mussten. Und vielleicht wäre es auch wichtig, dass Kenner wie McNamee, der als Investor vieler Technologiekonzerne reich geworden ist, selbst Politiker werden.

McNamee spricht offen über seinen Hintergrund. So bezeichnet er sich als "Mentor von Mark Zuckerberg". Dass er ihn mit Facebook Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zusammenbrachte, bereut er im Nachhinein. "Ich ahnte nicht, wie weit die beiden gehen würden", berichtet McNamee in seinem Bestseller "Zucked". Hier warnt er vor der Übermacht von Facebook, die insbesondere seit 2016 zugenommen habe. Mit seinen Algorithmen stelle der Konzern in der gesamten Welt eine fundamentale Bedrohung der Demokratie dar. Auch in München beschwört McNamee - und erntet dafür ungewöhnlich langen Beifall am Ende seiner Rede - eindringlich die Gefahren, die von Facebook ausgehen: "Ich habe mehrere Monate versucht Mark und Sheryl zu überzeugen, aber sie waren nicht interessiert."

Wie groß Zuckerbergs Anspruch und Machthunger ist, wusste auch Maria Ressa zu berichten. Die philippinische Journalistin, Medienunternehmerin und Aktivistin für Meinungsfreiheit wurde vom "Time Magazine" 2018 zur "Frau des Jahres" gekürt. In München erzählte sie: "Als ich Zuckerberg traf, hatte Facebook auf den Philippinen einen Marktanteil von 97 Prozent. Er schaute mich besorgt an, und ich hatte das Gefühl, er habe das Problem verstanden. Dann wollte er nur wissen: 'Wer hat die anderen 3 Prozent?'"

Facebook-Cheflobbyist bestätigt Bedenken

Zur Verteidigung von Zuckerberg trat in München ausgerechnet ein Mann auf, der bis 2015 Chef der britischen liberalen Partei war und stellvertretender Premierminister war. Er und seine politischen Vorstellungen wurden durch Wahlen beseitigt, die ohne Facebook vermutlich anders ausgegangen wären - genauso wie das Votum für den Brexit. Es ist deshalb ein bisschen unglaublich, dass Clegg heute als Cheflobbyist von Facebook sein Geld verdient.

Dass er in dieser Rolle für eine sehr eigenwillige Auslegung von Freiheit spricht, hielt ihm Britanny Kaiser, die Whistleblowerin aus der sehenswerten Dokumentation "The Great Hack" über den Fall "Cambridge Analytica", aus dem Podium entgegen: "Sie sagen, es sei Zensur, wenn sie politische Inhalte überprüfen - dabei wäre es eine sehr wichtige Aufgabe." Clegg räumte nicht nur ein, selbst schon von Facebooks Macht geschockt worden zu sein. Vor allem bestätigte er die geäußerten Bedenken, indem er betonte, dass der Konzern unbedingt noch besser werden müsse - "noch viel viel besser". Auch weit über die alte Kongresshalle von München hinaus lautete sein Appell: "Hackt uns bitte nicht in Stücke!" Die Zerschlagung von Facebook wird tatsächlich seit einiger Zeit diskutiert.

Eine eindringliche Stimme aus Europa kam in München unterdessen von der ehemaligen Europaabgeordneten Marietje Schaake, nun Professorin am Cyber Policy Center der kalifornischen Universität Stanford. Sie plädierte nicht nur für strengere Gesetze, denn Vertrauen in Plattformen wie Facebook alleine reiche nicht aus: "Ursprünglich dachten wir, soziale Medien würden der Demokratie dienen. Heute sehen wir, dass sie dadurch angreifbar geworden ist. Das bedeutet, dass die rein wirtschaftlich motivierten Technologien den Menschen, der Gesellschaft und der Demokratie schaden."

Als allergrößtes Problem, "das sämtliche Themen von heute massiv aufblasen wird", benannte Schaake die viel diskutierte "Künstliche Intelligenz", von internationalen Fachleuten kurz "AI" (kurz für: "artificial intelligence") genannt. Die heute bereits beschriebenen Bedrohungen würden "exponentiell" zunehmen, wenn sich die dominanten Algorithmen der Plattformen erst einmal selbst reproduzieren und je nach Bedarf ihrer Eigentümer verändern könnten.

Genau für dieses Teufelswerk scheint die Zeit nun reif zu sein.

Quelle: ntv.de