Politik

Regierung mahnt Achtsamkeit an Deutschland in wichtiger Phase der Pandemie

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Die letzten spätsommerlichen Tage sind bald gezählt, die kalte, nasse und dunkle Jahreszeit steht bevor – erstmals seit Beginn der Pandemie.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Während Deutschland auf die kalte Jahreszeit zusteuert, nehmen die Corona-Fälle weiter zu. München erlässt wieder eine Kontaktsperre. Über neue Maßnahmen beraten bald auch die Kanzlerin und die Länderchefs.

Die Bundesregierung hat angesichts steigender Corona-Infektionszahlen zu "höchster Achtsamkeit" aufgerufen. "Es kommt aktuell vermehrt zu Ansteckungen und Übertragungen innerhalb Deutschlands", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Politik und Bürger hätten es nun in der Hand, "ob sich die Infektionszahlen wieder unkontrolliert ausbreiten". Deutschland sei "in einer Phase der Pandemie, in der sich entscheiden wird, wie wir in diese Winter- und Herbstmonate hineingehen". Zugleich gebe es in Nachbarländern teils noch ein deutlich höheres Infektionsgeschehen.

Seibert betonte nach Beratungen des Corona-Kabinetts der zuständigen Minister mit Kanzlerin Angela Merkel, dass neben dem Einhalten von Hygienevorgaben "große Vorsicht" bei weiteren Öffnungsschritten angebracht sei. Ziel bleibe es, Infektionsketten nachvollziehen und unterbrechen zu können. Dabei sei klar, dass dies ab einer gewissen Zahl täglicher Infektionen kaum noch oder nicht mehr zu leisten sei. Eine vorgesehene neu ausgerichtete Strategie für Corona-Tests im Herbst und Winter solle bis 15. Oktober umsetzungsbereit sein.

Kommende Woche will Merkel mit den Bundesländern wieder über Maßnahmen gegen die weiter steigenden Infektionszahlen beraten. Kanzleramtschef Helge Braun habe in seiner Besprechung mit den Chefs der Staatskanzleien eine Videokonferenz der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten für den 29. September angekündigt, hieß es. Hintergrund sei der besorgniserregende Umstand, dass mehrere große Städte den wichtigen Grenzwert von 50 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner in einer Woche überschritten hätten. Zudem komme es an mehreren Stellen in Deutschland zu einer diffusen Ausbreitung von Corona, ohne dass ein klarer Ausbruchsort erkennbar sei.

Fieberambulanzen und Schnelltests

Zur neuen Strategie sollen unter anderem Fieberambulanzen und Schnelltests in Pflegeeinrichtungen gehören. Gesundheitsminister Jens Spahn konkretisierte die Pläne nun: "Es geht darum, eine Infrastruktur zu haben, die sicherstellt, dass nicht im Wartezimmer sich die Menschen untereinander anstecken. Das macht Sinn für Corona und auch bei der Grippe und einer möglichen Grippewelle", sagte Spahn. Der CDU-Politiker sprach von "Schwerpunktsprechstunden", "Schwerpunktpraxen" und "regionalen Fieberambulanzen", an die sich Patienten mit entsprechenden Symptomen künftig wenden können sollen.

Der "Rheinischen Post" hatte Spahn zuvor gesagt, er setze darauf, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen solche "Fieberambulanzen" vor Ort anbieten würden. "Konzeptionell gibt es die schon - sie sollten im Herbst idealerweise flächendeckend zugänglich sein." Zudem sollen Schnelltests Bestandteil der neuen Teststrategie werden, weil sie mittlerweile auch qualitativ besser seien. Spahns Angaben zufolge könnten so beispielsweise Besucher von Pflegeheimen schnell getestet werden, um direkt ein Ergebnis zu erfahren.

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München führt wieder Kontaktsperre ein

Die Lage in München etwa gilt als besonders besorgniserregend, weil hier kein einzelner Ort, wie etwa eine Schule oder ein Fest, für den Anstieg verantwortlich gemacht wird, sondern die Infektionen in unterschiedlichen Gruppen auftreten. In München lag die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt bei 55,9 und damit deutlich über dem kritischen Wert 50. Es besteht die Sorge, dass die Infektionsketten nicht mehr nachvollzogen werden können und das Virus sich aus München auch landesweit verbreitet. Die bayerische Landeshauptstadt schränkt das öffentliche Leben deshalb wieder ein.

Ab Donnerstag dürfen sich in der Regel nur noch fünf Menschen treffen, private Feiern werden begrenzt, für einige öffentliche Plätze gilt eine Maskenpflicht, wie der Krisenstab der Stadt an diesem Montag beschloss. CSU-Chef Markus Söder will an allen bayerischen Corona-Hotspots die Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum - neben München wäre derzeit Würzburg betroffen. Am Dienstag soll das bayerische Kabinett über mögliche weitere Maßnahmen wie ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum oder kürzere Sperrzeiten beraten. Söder sagte, die größten Sorgen machten ihm im Moment aber die privaten Partys.

Auch in Berlin nehmen die Infektionszahlen zu. Besonders große Sorgen bereitet derzeit der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort lag die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt bei 48,7 und kratzt somit am kritischen Grenzwert von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. "Das Tempo der Neuinfektionen gewinnt an Fahrt", sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci dem "Tagesspiegel" zufolge. Sie sei besorgt, da es immer schwerer werde, die Kontaktketten nachzuverfolgen.

Quelle: ntv.de, hul/dpa/AFP/rts