Politik

Corona: Lockdown oder lockern Deutschland ohne Plan - wie geht es jetzt weiter?

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Modellprojekt Tübingen: Mit einem Tagesticket dank negativem Testergebnis ist einiges wieder möglich.

(Foto: imago images/Wilhelm Mierendorf)

Großbritannien lockert. Polen und Schweden ziehen an. Was macht Deutschland? Nach der gescheiterten Bund-Länder-Runde gibt es keinen Plan mehr, um den rasanten Anstieg der Inzidenz zu stoppen. Das kann brandgefährlich werden.

Eine vermurkste Bund-Länder-Runde am Montag, eine Kehrtwende samt Entschuldigung am Mittwoch, mehr als 22.000 Corona-Neuinfektionen am Donnerstag. Die vielfach kritisierte "Osterruhe" bleibt Deutschland erspart, doch ist eine entscheidende Frage nun völlig offen: Wenn nicht diese Strategie, welche denn stattdessen? Wie soll es in Deutschland weitergehen?

Eine neuerliche Schalte zwischen der Kanzlerin und den Länderchefs ist derzeit erst für Mitte April geplant. Bis dahin also soll es keine gemeinsame Kraftanstrengung auf Bundesebene geben, um B.1.1.7, der inzwischen vorherrschenden Corona-Mutante, die Stirn zu bieten. Sondern: Jeder kämpft für sich und sucht nach dem eigenen Weg.

Das Land Niedersachsen - derzeit mit einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von glatten 100 - kündigt am heutigen Donnerstag an, auch Ausgangssperren ins Repertoire aufzunehmen. In Landkreisen und großen Städten, in denen die Inzidenz über 100 steigt, soll es künftig möglich sein, eine Ausgangssperre zu verhängen. Ab Inzidenz 150 soll sie nachts verpflichtend werden. Letzteres würde derzeit nur den Landkreis Cloppenburg betreffen mit einer Inzidenz von 225.

Frühes Handeln - hat gut geklappt

Nachbar Hamburg zog schon vor fünf Tagen die Corona-Notbremse. Es folgt damit streng dem Bund-Länder-Beschluss von Anfang März: Bei Inzidenzen über 100 an drei aufeinander folgenden Tagen werden die bereits gewährten Lockerungen zurückgenommen. "Wir haben es mit einer sehr ansteckenden Virusvariante zu tun", sagte der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher. Mit frühem Handeln habe man sehr gute Erfahrungen gemacht. Im Laufe des Tages lag Hamburgs Inzidenzwert wieder auf 98. Doch die Maßnahmen bleiben erst mal bestehen.

Ein völlig anderes Bild zeigt sich im Saarland, für das Ministerpräsident Tobias Hans umfassende Lockerungen nach Ostern angekündigt hat - flankiert von einem engmaschigen Testregime. Außengastronomie, Fitness-Studios und Kinos sollen dann wieder öffnen, auf den Straßen von Saarbrücken könnte man sich bald fühlen wie in Tel Aviv - Gruppen bis zu zehn Personen will die Landesregierung erlauben, "immer in Kombination mit Testungen", wie der Landeschef betont.

Die Lockerungen sind einerseits riskant, andererseits könnten sie bewirken, dass Testmöglichkeiten - immerhin neben Impfungen die zweite Säule der deutschen Anti-Corona-Strategie - auch tatsächlich genutzt werden. Bislang ist das gerade in ländlichen Regionen Deutschlands oft kaum der Fall, da für die Bürgerinnen und Bürger schlicht der Anreiz fehlt, sich der Testprozedur zu unterziehen. Wenn man ohnehin nichts vorhaben darf, warum?

Als eine Art Feldforschung lässt sich also das Modell Saarland verstehen, und tatsächlich kann das Bundesland mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 70 einen solchen Schritt derzeit am ehesten wagen. Nur Schleswig-Holstein liegt mit einem Inzidenzwert von knapp 60 noch darunter. Doch auch andere Regionen in Deutschland möchten allmählich lockern.

Öffnungsmodell bei Inzidenz 200?

Das kleine sächsische Augustusburg mit seinen 4500 Einwohnern plant vergleichbare Schritte wie das Saarland - nur mit einem dreimal höheren Inzidenzwert. Über 200 liegt er derzeit, dennoch kam das Go von der Landesregierung, ab dem 1. April die Lockerungen zu starten. Mit einem negativen Testergebnis darf man dann drei Tage lang am Modellversuch teilnehmende Geschäfte, Restaurants oder auch Sportvereine besuchen. Auch in anderen Bundesländern planen einzelne Kommunen Modellversuche mit Testregime und Öffnungen.

Die Strategien von Tübingen oder Rostock finden also Nachahmer in Deutschland, doch die Vorreiter sehen das zuweilen kritisch. Steffen Bockhahn, Senator für Gesundheit in der Hansestadt, hält das Risiko eines Lockerungskurses schlicht für zu groß, wenn die Inzidenz hoch ist. "Wenn man selbst über Öffnungen redet, fällt es einem schwer, anderen zu erklären, warum sie es nicht tun sollten. Aber ich würde bei einer 200er-Inzidenz nicht dazu tendieren, die Außengastronomie zu öffnen", sagt Bockhahn ntv.de.

Unverzichtbar für Lockerungen ist aus Sicht des Senators nicht nur ein gutes Test-Management, sondern auch konsequente Kontrolle - bei der Quarantäne, im Gewerbe, bezüglich der Maskenpflicht im öffentlichen Raum. "Wir sorgen dafür, dass es die Regeln nicht nur gibt", sagt Bockhahn, "sondern dass sie auch eingehalten werden".

Ihren eigenen Weg sucht nach der gescheiterten Runde am Montag offenbar die Bundeshauptstadt. Infektionszahlen steigen in den Bezirken stark an, die 100er-Welle hat Berlin bereits vor drei Tagen überschritten. Dennoch nimmt der Regierende Bürgermeister Michael Müller die Öffnungsschritte, die vor zwei Wochen umgesetzt wurden, vorerst nicht wieder zurück. Auch bei Schulen und Kitas gibt es keine Einschränkungen. Aus seiner Sicht ist es kein gangbarer Weg, "jetzt wieder alles zurückzudrehen, was wir uns in den letzten Tagen und Wochen an Möglichkeiten und Freiheiten erkämpft haben", sagt Müller. Durch Impfen und Testen müsse man nicht mehr nur mit Einschränkungen reagieren.

Die Daten, die das Berliner Gesundheitsamt Neukölln aus den positiven Testergebnissen generiert, sind jedoch alarmierend. Während der Fallanstieg bei Kita- und Schulkindern eher leicht ist, hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Neuköllnerinnen und Neuköllnern zwischen 30 und 39 Jahren innerhalb von einer Woche verdreifacht. "Das ist rasant und noch nicht das Ende der Fahnenstange", sagt Amtschef Nicolai Savaskan ntv.de. Er befürchtet eine hohe Dunkelziffer. Als kritisch für die Verbreitung des Virus sieht der Amtsleiter hauptsächlich das Arbeitsleben. "Es sind die unscheinbaren Orte - Pausenräume, Fahrgemeinschaften -, wo die Mutante sich ausbreitet."

Mit hohen Fallzahlen impfen - brandgefährlich

So bastelt sich nach dem gescheiterten Versuch, eine bundesweit gemeinsame Linie zu finden, derzeit jedes Bundesland eine eigene Corona-Strategie. Epidemiologe Timo Ulrichs sieht genau hier eine große Gefahr. "Ohne einen bundesweit einheitlichen Lockdown ist eine Trendumkehr nicht zu erreichen", sagt der Experte. Denn ohne strenge Maßnahmen im ganzen Land würden die Fallzahlen weiter ansteigen. Aus Ulrichs' Sicht eine brandgefährliche Entwicklung, gerade weil die Impfkampagne demnächst so deutlich an Fahrt aufnehmen soll. "Wenn man mit hohen Fallzahlen in die Massenimpfungen geht, bringt man das Virus stark unter Druck. Diesem Druck könnte es entweichen, indem es sich massenhaft verändert - sogenannte 'Escape'-, also Flucht-Mutationen bilden würde - besonders bei immungeschwächten Personen. Und eine oder sogar mehrere davon könnten gegenüber dem Impfstoff resistent sein."

Würde das passieren, dann würde auch noch das eine tatsächlich scharfe Schwert gegenüber dem Coronavirus - zumindest vorübergehend - stumpf werden. Denn auch wenn die Entwicklung eines neuen Impfstoffs nicht bei null beginnen müsste - eine resistente Mutante würde den Kampf gegen das Virus um Monate zurückwerfen. Und in der Zwischenzeit bliebe als letztes Mittel zum Schutz - wieder nur der verhasste Lockdown.

Quelle: ntv.de

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