Politik

Lehren aus der Geschichte "Deutschland war immer eine Migrationsgesellschaft"

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Nach seiner Ankunft in München zeigt ein Flüchtling ein Bild von Angela Merkel. "Die Neuankommenden wollen sich in diesem Land zurechtfinden", sagt Sina Arnold.

(Foto: AP)

Die aktuelle Migration von Flüchtlingen ist nicht die erste Einwanderungswelle, die dieses Land erlebt. Was kann das heutige Deutschland aus seiner Migrationsgeschichte lernen? Und wie viele Einwanderer verkraftet eine Gesellschaft? Ein Interview mit Migrationsforscherin Sina Arnold.

n-tv.de: SPD-Chef Gabriel sagt, Deutschland würde mit 500.000 Flüchtlingen pro Jahr klarkommen. Gibt es Untersuchungen, wie viele Einwanderer eine Gesellschaft problemlos aufnehmen kann?

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Sina Arnold ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität.

(Foto: Ute Langkafel, MAIFOTO)

Sina Arnold: Das kommt sehr auf die historische Situation und die Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft an. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen in nur wenigen Jahren etwa 12 Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik. In den USA kamen während der großen Einwanderungswelle um die Wende zum 20. Jahrhundert etwa 600.000 Einwanderer pro Jahr an – und das über einen Zeitraum von 40 Jahren! In der Türkei leben zurzeit mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. In keiner dieser Situationen ging es "problemlos" vonstatten, aber bei ausreichendem politischem Willen ist dies natürlich zu bewältigen – insbesondere in einem wirtschaftlich starken Land wie Deutschland.

Was kann das heutige Deutschland aus seiner Migrationsgeschichte lernen, zum Beispiel aus der Zeit der sogenannten Gastarbeiter?

Eine wichtige Erkenntnis ist sicherlich die Tatsache, dass die "Gastarbeiter" blieben, sie holten ihre Familien nach und bauten sich hier ein Leben auf. Je früher dies von Politik und Gesellschaft anerkannt wird, desto früher kann eine nachhaltige Willkommenskultur etabliert werden – das wurde damals eindeutig versäumt. Das bedeutet die vereinfachte Möglichkeit zum Erlangen der Staatsbürgerschaft, Sprachförderung, wirkungsvolle Antidiskriminierungsmaßnahmen und so weiter.

Bei einem genaueren historischen Blick können wir auch lernen, dass Deutschland nicht erst eine Migrationsgesellschaft ist, seitdem dies in den letzten Jahren politisch anerkannt wurde, sondern es schon immer war: Die Auswanderung in die "neue Welt", die "Ruhrpolen", die Vertriebenen, die Gastarbeiter – schon lange gibt es Ein- und Auswanderung. Eine größere Gelassenheit täte der deutschen Gesellschaft aufgrund dieser Erfahrungen nicht schlecht.

Während der Jugoslawienkriege kamen ebenfalls hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland. Heute spricht man kaum noch über diese Menschen – sind die alle wieder zurückgegangen beziehungsweise geschickt worden?

Im Fall von Jugoslawien sind die Zahlen unpräzise, weil wir es hier mit der paradoxen Situation zu tun haben, dass die Staatsbürgerschaft vieler Geflüchteter bei Rückkehr nicht mehr existierte. Von den mehr als 350.000 Menschen, die aufgrund des Krieges in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen, ist der Großteil wieder zurückgekehrt – manche freiwillig, andere aufgrund von Regelungen wie des euphemistisch betitelten Rückübernahmeabkommens, welches der damalige Innenminister Otto Schily mit Albanien unterzeichnete. Viele Geflüchtete sind allerdings auch hier geblieben. Einer von ihnen, Saša Stanišić, erhielt letztes Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine andere, Lira Alushi, ist deutsche Fußballnationalspielerin.

Glauben Sie, dass die Mehrzahl der syrischen Kriegsflüchtlinge zurück nach Syrien gehen würde, wenn der Krieg dort aufhört?

Familie, Freunde und Hab und Gut zurückzulassen fällt nicht leicht, so dass man damit rechnen kann, dass, wenn die Gewalt in Syrien beendet ist, viele Personen wieder zurückkehren möchten. Ob dies möglich sein wird, hängt ganz von der politischen Entwicklung ab. Wir sollten uns auf jeden Fall darauf einstellen, dass viele auf lange Sicht oder auf Dauer hier bleiben müssen oder wollen – und dann sollten wir die Fehler aus der Zeit der Arbeitsmigration der 50er und 60er nicht wiederholen, sondern dafür sorgen, dass diese Menschen rasch ein selbstverständlicher Teil dieses Landes werden.

Die Bundesregierung rechnet mit 800.000 Flüchtlingen in diesem Jahr. Gab es seit den Wanderungsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg jemals eine Massenflucht in dieser Größenordnung?

Die Fluchtbewegungen der derzeitigen Zeit sind die derzeit größten seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber man sollte nicht vergessen, dass zumeist Nachbarstaaten die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Im Libanon, einem Land mit vier Millionen Einwandern, leben beispielsweise mehr als eine Million Flüchtlinge. Aber auch in Europa gab es nach 1945 immer wieder große Fluchtbewegungen: So kamen 1962/63 über eine Million Algerier nach Frankreich, und allein aus der DDR flüchteten zwischen 1950 und 1960 über zwei Millionen Menschen in die Bundesrepublik.

Halten Sie die Zahl von 800.000 für realistisch?

Sie ist zumindest nicht unrealistisch. Da die Prognosen mittlerweile nicht mehr nur auf den tatsächlich gestellten Asylanträgen beruhen, sondern auch auf den Zugangszahlen, sind sie unter Umständen etwas genauer als noch vor einiger Zeit. Wir konnten aber auch sehen, dass diese Zahlen in einem relativ kurzen Zeitraum nach oben korrigiert wurden, was Ausdruck der sich derzeit beständig rasant ändernden Ereignisse ist. Fluchtrouten können in kurzer Zeit versperrt oder erschwert werden, durch neue Zaunabschnitte oder Polizeigewalt. Und letzten Endes gibt es auch einen weiteren unberechenbaren Faktor: die Menschen auf der Flucht, die sich zusammentun, Strategien entwickeln oder auch schon mal Hunderte Kilometer Fußmarsch auf sich nehmen, um Lagern in Ungarn zu entfliehen.

Unter den Flüchtlingen sind vermutlich viele, die erst einmal die lateinische Schrift lernen müssen, Menschen, die aus einer wirklich sehr fremden Kultur kommen. Was muss passieren, damit die Integration gelingt?

Was die "Germany, Germany"-Rufe und die Fotos, die Geflüchtete von Angela Merkel mit sich tragen, klar machen, ist, dass die Neuankommenden in dieses Land wollen, sich hier zurechtfinden wollen. Vieles kann dazu beitragen, damit dies gelingt: die Wohnsituation muss schnell verbessert werden, also raus aus Sammelunterkünften und Zeltstädten, Zugang zum Arbeitsmarkt muss ermöglicht werden ebenso wie das Sprachenlernen. Integration wird auch gefördert, indem psychosoziale Versorgung und Rechtsberatung sichergestellt werden. Und außerdem braucht es sichere Aufenthaltsstatus, die die Angst vor Abschiebung nehmen. Nur mit dieser Form der Sicherheit lassen sich Menschen auch auf eine Gesellschaft ein und fühlen sich als Teil von ihr. Damit Integration gelingt, ist es schließlich auch notwendig, dass gegen die rassistischen Bewegungen vorgegangen wird. Es kann nicht sein, dass es No-Go-Areas und Zonen der Angst gibt, dass dieses Jahr durchschnittlich täglich ein Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft stattfand.

Mit Sina Arnold sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de