Politik

Antonia Rados im Interview "Die Stimmung wird kippen"

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Trauer in Paris.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Sie kennt den Nahen Osten wie kaum ein zweiter Reporter. Seit Jahren berichtet Antonia Rados für RTL und n-tv über die Konflikte in der Region. Im Interview mit n-tv.de schätzt sie die Lage nach den Anschlägen von Paris ein und erklärt, was jetzt wichtig ist.

Wie glaubwürdig finden Sie das IS-Bekennerschreiben auf Facebook?

Antonia Rados: Wir haben natürlich keine hundertprozentige Sicherheit, aber es sieht danach aus, dass die Terrororganisation Islamischer Staat dahinter steckt. Aber inwieweit da jetzt ehemalige Kämpfer des Islamischen Staates nach Frankreich gekommen sind, also junge Franzosen, die als Heimkehrer diese Anschläge organisieren, und ob das tatsächlich direkt aus der Hochburg Rakka gesteuert worden ist, das wissen wir im Moment noch nicht.

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Antonia Rados berichtet für RTL und n-tv.

Hätte man die Anschläge verhindern können?

Terroranschläge kann man kaum verhindern. Es ist ihre Natur, dass sie überraschend kommen. Der Terror ändert ständig seine Strategie, einmal ist es eine Flugzeugentführung, dann ist es wieder ein Anschlag in Beirut, den wir vor einigen Tagen gehabt haben und der auch auf das Konto von IS geht, und jetzt sind es diese verheerenden Anschläge in Paris. Es konnte niemand voraussehen, in welcher Art diese Terroristen zuschlagen würden. Daher ist es beinahe unmöglich, so etwas zu verhindern.

Ist das eine neue Dimension? Müssen wir uns nun auf weitere Anschläge in Europa und in Deutschland einstellen?

Ob es weitere Anschläge gibt, das weiß ich nicht. Das weiß im Moment niemand. Es ist aber insofern eine neue Dimension, als es mehrere koordinierte Angriffe waren. Da muss man schon mehr als nur ein Heimkehrer aus dem Islamischen Staat sein. Es scheint wirklich so, dass das eine gut organisierte Terrorgruppe war. Die große Frage, die man sich stellen muss, ist: Wieso ist es den französischen Sicherheitsbehörden nicht gelungen, diese zu infiltrieren? Einer der Attentäter stand ja offenbar schon unter Beobachtung, wurde schon mehrmals verhaftet, war aber nie im Gefängnis. Insofern stellt sich die Frage: Hat die französische Polizei hier Fehler gemacht? In der Vergangenheit kam das immer wieder vor.

Was kann oder muss Deutschland jetzt tun?

Natürlich ist es so, dass die Bevölkerung in ganz Europa und auch in Deutschland in diesen Stunden vor allem mehr Sicherheit will. Sie möchte klare Ansagen haben, wie diese Sicherheit ein Minimum an Risiko bringen kann. Wir wissen aber genauso: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Politisch ausgenutzt wird dieser Anschlag sicher von rechtsradikalen und rechtsgerichteten Parteien. Wir werden das vielleicht vor allem in Frankreich sehen, mit einem Anstieg für Marine Le Pen bei den Regionalwahlen in drei Wochen. Wichtig ist es auch, nicht alle Flüchtlinge in einen Topf zu werfen und zu sagen: "Alle, die zu uns kommen, sind Terroristen." Das sind Debatten, die ein demokratischer Staat aushalten muss und insofern wird es wichtig sein, dass man darüber debattiert, aber keine voreiligen Schlüsse zieht über alle Flüchtlinge oder alle Muslime.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich IS-Kämpfer als Flüchtlinge getarnt nach Europa und vor allem Deutschland einschleichen?

Die Angst gibt es, aber zuerst müssen die Untersuchungsbehörden sicher sagen, dass, wie man hört, tatsächlich ein syrischer oder ein ägyptischer Pass in der Nähe von einem dieser Selbstmordattentäter am Stade de France gefunden worden ist. Wir sehen immer wieder, wie schwer es nach solchen Anschlägen ist, herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Daher Vorsicht vor voreiligen Schlüssen in den ersten Tagen.

Viele sind verunsichert. Wie sollte man als Bürger in Deutschland reagieren?

Die Franzosen haben uns das nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" im vergangenen Januar gezeigt. Sich nicht einschüchtern zu lassen, ist eines der wichtigsten Dinge. Weiterzuleben wie bisher, auch wenn es vielleicht dem ein oder anderen verständlicherweise sehr, sehr schwer fällt. Was die Terroristen erreichen wollen, ist die Waffe "Terror" und vor allem die Waffe "Angst" einzusetzen. Mit relativ geringem Aufwand, also mit Sprengstoffgürteln und mit Kalaschnikows, gelingt es immer wieder, eine ganze Bevölkerung, Millionen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Wichtigste in diesen Stunden und Tagen ist, dieser Angst nicht nachzugeben und den Sicherheitskräften zu vertrauen. Sonst haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Kann man den IS überhaupt anders bekämpfen als mit Gewalt?

Wir haben oft im Nahen Osten gesehen, dass Kriegführung gegen Terrorgruppen oder nach Terroranschlägen in Europa oder in Amerika nicht die Erfolge gebracht hat, die man eigentlich erwartet hatte. Der Afghanistan-Krieg ist inzwischen gescheitert. Der Irakkrieg in der Zwischenzeit ebenfalls, er hat mehr Übel als Gutes gebracht. Wir wissen auch alle: Eines der Probleme im Nahen Osten ist der Zerfall Syriens, der Bürgerkrieg, die Flüchtlingswelle. Eine politische Lösung wäre also im Moment wichtiger, als zusätzliche Kriege zu führen. Um aber eine Organisation zu bekämpfen, die keine Kriegspartei ist, sondern eine Terrororganisation, so grauenhaft die auch ist, der Islamische Staat hat nicht einmal ein einziges Flugzeug - muss man die richtigen Mittel finden, um diese Organisation zu bekämpfen.

Was glauben Sie, wie lange uns dieser Konflikt noch beschäftigt?

Solange der Nahe Osten im Zerfall ist, solange Millionen Jugendliche auf ein anderes, auf ein besseres Leben hoffen, solange Millionen Syrer keine Heimat haben und von einem Lager in das andere umziehen, solange wird uns dieser Konflikt erhalten bleiben. Der Nahe Osten ist im Zerfall, Zerfall bedeutet Chaos, Chaos bedeutet, dass sich überall Gruppen, Milizionäre um Al-Kaida oder IS festsetzen können, sogenannte sichere Orte haben, an denen sie Terroranschläge vorbereiten können. Wir wissen das aus der Geschichte: Stabilität ist wichtig, im Nahen Osten gibt es im Moment keine.

Sie sind gerade im n-tv Studio in Köln, leben aber in Paris. Mit welchen Gefühlen kehren Sie dorthin zurück?

Ich glaube, jeder in Paris hat gemischte Gefühle. Im Januar nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt hatte man eher das Gefühl, es geht trotzdem weiter, wir trotzen dem Terror. Das ist jetzt aber schon der zweite Anschlag. Die Stimmung wird sicherlich kippen. Das heißt, in Frankreich wird es sehr schwierig sein, diese nationale Einheit, die man nach "Charlie Hebdo" gepredigt hat, in Zukunft aufrechtzuerhalten. Es ist zu befürchten, dass Frankreich bald ein gespaltenes Land wird und Fragen aufkommen, wie man nun mit diesem Terror umgeht. Sollen wir eine harte Politik machen? Sollen wir mehr in den Vorstädten machen, wo der Terror auch immer wieder Anhänger findet? Was ist die Lösung für dieses Problem? Und nicht vergessen: Frankreich ist ein Land in der Krise. Nicht nur wegen der Terroranschläge, auch wirtschaftlich.

Mit Antonia Rados sprach Volker Petersen

Quelle: n-tv.de

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