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Zum Tod von Fidel Castro Die letzte Ikone der Revolution tritt ab

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Was für ein Leben. Die Biografie Fidel Castros gehört zu den spektakulärsten der jüngeren Geschichte.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Socialismo o muerte, das war seine Losung: Fidel Castro führte Kuba in die Revolution. Seinen Todfeinden hat er Zeit seines Lebens erfolgreich getrotzt. Nun ist der "Máximo Líder" gestorben.

Fidel Castro war schon so gut wie tot, da lebte der Kommunismus noch. 1960 zum Beispiel: Zwei Killer im Auftrag der CIA träufeln Kubas "Máximo Líder" Gift ins Essen. Doch irgendwie überlebt Castro, so wie er all die anderen Mordanschläge überlebt hat. 600 sollen es im Laufe der Jahre gewesen sein, behauptet die kubanische Regierung. Egal, wie oft ihn andere tot sehen wollten oder gar tot glaubten: Castro überlebte. Nun ist er doch gestorben, der Unkaputtbare, offiziell im Alter von 90 Jahren. Die letzte große Ikone der Linken tritt ab.

Wer den real existierenden Kommunismus nicht selbst erlebt hat, kennt Castro nur noch als Maskottchen der Revolution. Als alten Mann im Jogginganzug, von dem sich seine Möchtegern-Nachfolger ein wenig Glanz ausliehen. So wie Hugo Chavez, der sich gern mit ihm vor die Kameras und in die selbe Traditionslinie stellte. In der linken Bewegung nicht nur Südamerikas hat Castro noch immer seine Anhänger, die ihn für ein Husarenstück verehren: Er hat das Gespenst des Kommunismus auf Kuba zum Leben erweckt, sich die Supermacht USA zum Todfeind gemacht – und überlebt.

"Die Geschichte wird mich freisprechen"

Geboren wurde Fidel Alejandro Castro Ruz am 13. August 1926 (Historiker vermuten: eher 1927) als Sohn eines reichen Zuckerbauern, der seine Geschäfte mit US-amerikanischen Firmen machte. Zu dieser Zeit gehörte praktisch die gesamte Insel den Amerikanern, die sich seit dem "Platt Amendment" von 1901 quasi als Schutzmacht verstanden. Statt dem Pfad, dem ihn sein Vater vorlebte, zu folgen, entschied sich Castro für eine juristische Ausbildung. Castros Denken als Student war geprägt vom antiamerikanischen kubanischen Nationalismus, gemischt mit einem starken Engagement für die Sache der armen Bevölkerung, die er auch später als Anwalt vertrat.

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Über Jahrzehnte hat Castro Kuba geprägt.

(Foto: REUTERS)

Anfang der 50er Jahre entschloss sich Castro zum bewaffneten Kampf gegen den Diktator Fulgencio Batista, ein Advokat der Großbauern und Industriellen. Der Angriff Castros und seiner Leute auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 schlug spektakulär fehl, aber er machte ihn berühmt - genau wie seine Schlussworte aus dem Gerichtsprozess: "Verurteilt mich, es macht nichts, die Geschichte wird mich freisprechen." Von den 15 Jahren Haft leistete Castro nur 22 Monate ab, wegen einer Amnestie zum Muttertag kam er im Mai 1955 frei.

Keine anderthalb Jahre später stach er mit 82 Getreuen des "Moviemento 26 de Julio" (M-26-7) auf der "Granma" von Mexiko aus in See, um in Kuba einen Volksaufstand gegen Batista auszulösen. Das Militär erwartete sie am Strand und tötete alle bis auf 15 Mann, die sich in die Berge der Sierra Maestra retten konnten. Castro war gescheitert und politisch tot. Schon wieder.

Todfeind der USA

Er gehörte aber, genau wie seine wichtigsten Mitstreiter, sein Bruder Raúl und der Argentinier Ernesto "Che" Guevara, zu jenen 15, die die Schlacht überlebten. In den Bergen organisierten sie einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen die Regierungstruppen und lokale Banden. Die Strahlkraft der "Barbudos", der "Bärtigen", wuchs. Im Herbst 1958 gingen sie in die Offensive, Ende 1959 stand das M-26-7 vor Santiago de Cuba. Und Batista? Flüchtete. Plötzlich hatte Castro gesiegt. Die Revolution hatte gesiegt.

Ihr Kern, schreibt der Historiker Michael Zeuske, war "Egalitarismus, populärer Nationalismus und … anarchistischer Unabhängigkeitswille". Zunächst begegnete der Westen dem neuen Machthaber in Kuba mit respektvollem Wohlwollen. "Mit zwölf Pistolen an die Macht" schrieb der "Spiegel" und hievte ein Bild Castros auf den Titel. Der damals 32-Jährige sicherte sich schnell das Oberkommando über das Militär und führte den inoffiziellen Titel des "Comandante en jefe". Einen "jungen Tiger … von augenscheinlich unermüdlicher Ausdauer" traf der deutsche Botschafter Henry Paul Jordan bei seiner ersten Begegnung mit Castro.

Der schenkt den Kleinbauern zuerst eine Landreform, was den Westen und vor allem Washington alarmiert. Spätestens mit der Enteignung US-amerikanischer Ölraffinerien Ende Juni 1960 kommt es zum Bruch. Je weiter Castros Kubas nach links rückte, desto näher kam es Moskau – und desto weiter entfernte es sich von den USA. Die beließen es nicht bei Mordanschlägen auf den Staatschef. 1961 unterstützten sie die Invasion in der Schweinebucht – der Putschversuch scheiterte, das Volk jubelte über den Sieg gegen die USA, Castro zerschlug die Opposition mit aller Härte. Von nun an war seine Herrschaft gefestigt und klar kommunistisch und antiamerikanisch ausgerichtet.

Die Hauptstadt der Weltrevolution

Der Karibikstaat geriet in dieser Zeit auf das Schlachtfeld des Kalten Krieges. Castro erlaubte seinen Verbündeten aus Moskau, Raketenstellungen auf Kuba aufzubauen. Als US-amerikanische Überwachungsflieger sie im Herbst 1962 entdeckten, forderte John F. Kennedy den Abzug der Raketen und verhängte eine Seeblockade, die auch sowjetische Militärschiffe behinderte. Die Welt stand kurz vor einem Atomkrieg der Supermächte.

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Fidel Castro mit seinem Bruder, Staatschef Raúl Castro, im Jahr 2011.

(Foto: REUTERS)

Castro war in der Kuba-Krise nur eine Schachfigur, was ihm sichtlich aufstieß. Als Nikita Chrustschow nachgab und die Raketen zurückzog, lästerte Castro, der Russe habe keine "Cojones". Es war auch dieser ungebeugte, wüste Gestus des Revolutionärs, der ihn zu einer Ikone der globalen Linken machte. Havanna wurde zwischen 1960 und 1968 zur "Hauptstadt der Weltrevolution" (Michael Zeuske).

Linke Intellektuelle bereisten Kuba und bewunderten die Erfolge der Revolution. Sichtbar waren und sind sie vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen: 1953 war fast ein Viertel aller Kubaner Analphabeten, 1999 nur noch 3 Prozent. Regelmäßig schickte Kuba seine gut ausgebildeten Mediziner in Krisengebiete – und tut das noch heute. Im Herbst 2014 flogen rund 500 Fachkräfte nach Sierra Leone, um dort gegen Ebola zu kämpfen.

Sozialismus oder Tod

Der Sowjetunion war Castro ein unbequemer Verbündeter, zumindest rhetorisch. Er schwang sich zum Führer der "Blockfreien"-Bewegung auf - und doch blieb Kuba von Moskaus Hilfe abhängig. Arm blieb das Land trotz der Unterstützung des Kremls.

In den 70er Jahren fingen ehemalige Weggefährten an, sich von Castro abzuwenden. Denn noch immer landeten Oppositionelle in Gefängnissen, manche wurden sogar zum Tode verurteilt. Der Verfall des Zuckerpreises ramponierte die Wirtschaft. Zehntausende flüchteten, vor allem in die USA, wo bis heute eine mächtige exilkubanische Lobby Castros Regime bekämpft.

Als nach dem Fall der Mauer der Ostblock kollabierte, schien auch das Ende von Castros Kuba gekommen. Er selbst agitierte scharf gegen die Perestrioka und gab im April 1989 die alte Losung aus: "Socialismo o muerte", Sozialismus oder Tod. Tatsächlich verlor die kubanische Wirtschaft nochmals dramatisch an Kraft - dank einiger Zugeständnisse wie der Zulassung des US-Dollars als Zahlungsmittel aber überlebte sie.

So auch Castro. Dem gealterten "Maxímo Líder"  machte allerdings seine Gesundheit zu schaffen. Eine Krebserkrankung 2006 ließ schon viele Medien über seinen Tod spekulieren. Voreilig, wie sich herausstellte. Trotz seiner Erholung übergab Castro 2008 die Regierungsgeschäfte seinem Bruder Raúl. Als Revolutionär im Ruhestand meldete er sich kaum noch zu Wort. Kurz vor seinem Tod erlebte er noch die historische Annäherung Kubas an die USA – nur eines hat er nicht mehr erlebt: das Ende seiner Revolution.

Quelle: n-tv.de

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