Politik

Das ist neu, das ist nicht gut Diese Merkel wollte niemand erleben (müssen)

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel schon das eine oder andere Mal zum Instrument des eindringlichen Appells gegriffen. Ihr Auftritt vor dem Bundestag ist dennoch ein Novum, so drastisch geraten Tonfall und Aussage. Das ist alarmierend.

Wenn das hier Ihr erster Text zur heutigen Merkel-Rede ist und Sie lesefaul sind, gibt es zwei gute Nachrichten vorweg: Erstens wird der Kommentar nicht lang. Zweitens genügt es, über diesen Text hinaus ein paar Bilder vom Auftritt der Kanzlerin in der Generaldebatte des Bundestags zu suchen. Merkel gestikuliert wild. Merkel presst ihre Hände zu Fäusten. Merkel schiebt Kopf und Schultern weit nach vorn, um noch näher ans imaginäre Publikum an den Bildschirmen da draußen zu rücken. Merkel spricht erkennbar laut. Diese so ganz anderen Eindrücke einer Rede der Kanzlerin reichen eigentlich schon, um zu erkennen: Die Lage ist ernst.

Angela Merkels Rede, die sich noch um andere wichtige Themen drehte wie die Systemkonkurrenz zu China, den Brexit oder den blockierten EU-Haushalt, war zwar auch sonst interessant. Ihre wichtigsten Sätze zur Corona-Lage der Nation aber hatten es in sich. Deutschland sei momentan "in der vielleicht entscheidenden Phase der Pandemiebekämpfung". Mit Blick auf gesellige Treffen am Glühweinstand sagte die Bundeskanzlerin, "es tut mir wirklich von Herzen leid, aber wenn wir dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen von 590 Menschen am Tag haben, dann ist das nicht akzeptabel aus meiner Sicht".

Drohszenario und Schuldzuschreibung

Sie erinnerte an die Menschen, die in diesen Stunden um ihr Leben kämpfen sowie an deren Ärzte und Pfleger. "Ich sage Ihnen ganz offen, das kommt mir in diesen Tagen manchmal etwas zu kurz, was sich da abspielt, was da geleistet wird." Merkel appellierte eindringlich "an jeden hier, wirklich vorsichtig zu sein" beim weihnachtlichen Familienfest. "Wenn wir jetzt zu Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben."

Unmissverständlich forderte die Kanzlerin deshalb die Länderchefs auf, noch vor Weihnachten dafür zu sorgen, dass Kontakte nochmals reduziert werden. Zudem sollten Schulen bis zum 10. Januar geschlossen bleiben, genauso wie die Hotels über Weihnachten. Andernfalls drohe erneut ein exponentielles Wachstum der Ansteckungszahlen. Im Klartext: Kontrollverlust. Das ist nicht nur deutlich, sondern auch ein Zuschreiben von Verantwortung für den Fall, dass dennoch keine neuen Beschlüsse gefasst werden. Wer jetzt noch immer kein Einsehen zeigt, ob als Einzelperson oder Ministerpräsident, riskiert viele Tote, lautet die Botschaft.

Das ist nicht Merkels Art

Und auch die Volksvertreter, die sich mit der Wissenschaft schwertun, bekommen Merkels Entschlossenheit an diesem Tag zu spüren. Den Zwischenrufern aus der AfD-Fraktion, die Merkel so gerne wegen ihrer DDR-Vergangenheit zu diskreditieren versuchen, erklärte die promovierte Physikerin im Vorbeigehen, warum sie sich als junge Frau für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden hatte: "Weil ich ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft nicht, die Lichtgeschwindigkeit nicht und auch andere Fakten nicht."

Dass Merkel einen für sie so untypischen Auftritt hinlegt - dramatische Gestik, drastische Wortwahl, ungeschminkte Forderungen -, kann man als notwendig bejubeln. Man kann diese Rede auch für übertrieben halten und wie FDP-Chef Christian Lindner an der Sinnhaftigkeit eines allgemeinen Lockdowns anstelle gezielterer Maßnahmen zweifeln. Man sollte sogar fragen, warum es Merkel gegen Ende ihrer Regierungszeit offenkundig schwerfällt, die Ministerpräsidenten auf eine nachvollziehbare und einheitliche Linie festzulegen.

Aber eines lässt sich nicht abstreiten: Einen solchen Auftritt hat es in Merkels inzwischen 15-jähriger Kanzlerschaft noch nie gegeben. Denn es ist nicht ihre Art der politischen Kommunikation. Dass sie es dennoch getan hat, zeigt, an welch dramatischem Scheidepunkt der Pandemie Deutschland sich zwei Wochen vor Weihnachten befindet. Das zu ignorieren, ist keine Option.

Quelle: ntv.de