Politik

Neue Zweifel an Polizeiversion Ermittler sehen weiter Mordversuch in Leipzig

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Linksextreme griffen in der Silvesternacht Polizisten an. Die genauen Umstände sind aber noch unklar.

(Foto: dpa)

In Leipzig-Connewitz eskaliert an Silvester die Situation. Polizisten werden angegriffen, ein Beamter verletzt. Die Abläufe sind noch unklar, doch ein Video nährt neue Zweifel an der Darstellung der Polizei. Die Staatsanwaltschaft bleibt trotzdem beim Vorwurf des versuchten Mordes.

Die Staatsanwaltschaft Leipzig hält im Zusammenhang mit den Silvester-Ausschreitungen am Connewitzer Kreuz in Leipzig am Vorwurf des versuchten Mordes fest. "Wir sehen derzeit keine Veranlassung, davon abzurücken", sagte Behördensprecher Ricardo Schulz in Leipzig. Daran ändere auch ein Video aus der Silvesternacht nichts, das die "Zeit" jetzt veröffentlicht hat. In der 1 Minute und 18 Sekunden langen Aufzeichnung ist zu sehen, wie ein Polizist verletzt, beworfen und anschließend von seinen Kollegen weggeschleift wird. "Das massive Einwirken kann man nicht wegreden", sagte Schulz.

Wegen des Angriffs auf einen 38 Jahre alten Beamten wird wegen versuchten Mordes ermittelt. Der Mann war schwer am Ohr verletzt worden. Die Angreifer sind bislang nicht ermittelt. Das Video habe den Ermittlungsbehörden bislang nicht vorgelegen, sagte Schulz. Ein Zeugenaufruf des Landeskriminalamtes hatte keinen einzigen Hinweis erbracht. Nach der Veröffentlichung werde das Video jetzt aber "im Rahmen der Ermittlungen Berücksichtigung finden", so Schulz. "Wir werden das auswerten."

Unter Berufung auf das Video listete die "Zeit" weitere Zweifel an der ursprünglichen Darstellung der Polizei auf. So sei ein linksextremer Angriff auf einen Polizisten keineswegs - wie von der Polizei behauptet - orchestriert gewesen, berichtet das Blatt. "Wir gehen von einem geplanten und organisierten Angriff aus", hatte Leipzigs Polizeipräsident Torsten Schultze der Zeitung noch am 3. Januar gesagt. "Die Attacke mit dem Einkaufswagen kam in kürzester Zeit, von etwa 20 bis 30 vermummten Personen. Die Angreifer kamen schnell und verschwanden danach sofort wieder in der Dunkelheit", sagte Schultze in dem Interview.

Schlüsselmomente des Angriffs

Das Video, das der "Zeit"-Redaktion nach eigenen Angaben zugespielt wurde und das diese als authentisch einschätzt, zeigt nun einige Schlüsselmomente des Angriffs gegen 0.15 Uhr. Zu sehen ist, wie ein Polizist angegriffen wird. Er verliert sein Bewusstsein und wird von Kollegen in Sicherheit gebracht. Ein organisierter Angriff ist in dem Videomaterial dagegen nicht zu erkennen.

Zu sehen ist auf dem Video auch ein brennender Einkaufswagen. "Eine Gruppe von Gewalttätern versuchte einen brennenden Einkaufwagen mitten in eine Einheit der Bereitschaftspolizei zu schieben und beschoss diese massiv mit Pyrotechnik", hieß es dazu in der Mitteilung der Leipziger Polizei. Auf dem Videomaterial ist eine solche Szene nicht festgehalten. Unklar ist, ob sie zu einem anderen Zeitpunkt davor oder danach stattfand.

Helme vom Kopf gerissen?

Nicht zu sehen ist ebenfalls, ob Polizisten die Helme vom Kopf gerissen wurden. "Die Täter rissen den Beamten die Einsatzhelme vom Kopf, brachten diese zu Fall und wirkten massiv auf sie ein", hieß es. Dass Beamten die Helme heruntergerissen wurden, wertete die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord. Durch die massiven Einwirkungen sei der Tod des 38-Jährigen billigend in Kauf genommen worden, hieß es.

Bereits zuvor hatte es Zweifel und Kritik an der Darstellung der Ereignisse durch die Polizei gegeben. Noch am Neujahrsmorgen berichtete die Polizei, dass der verletzte Polizist notoperiert werden musste. Laut Recherchen der "taz" zeigten sich Mitarbeiter im behandelnden Krankenhaus jedoch verwundert von der Polizeimeldung über eine Notoperation. Es habe einen Eingriff an der Ohrmuschel des Beamten unter lokaler Betäubung gegeben. Lebensgefahr oder drohender Gehörverlust hätten der "taz" zufolge nicht bestanden. Ein Sprecher der Leipziger Polizei räumte später ein, dass der verletzte Polizist nicht notoperiert werden musste. Dass in der Pressemitteilung am Neujahrsmorgen das Wort Not-OP aufgenommen worden sei, habe dem damaligen Kenntnisstand entsprochen, sagte er.

An Silvester war die Situation in Connewitz eskaliert, als sich mehr als 1000 Menschen in dem Stadtteil versammelten. Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass Linksextreme die Polizei angriffen. Das hat eine Debatte über linksextreme Gewalt ausgelöst. Ein Zeugenaufruf der Polizei blieb bisher jedoch ergebnislos. Allerdings hinterfragte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken auch die Taktik der Polizei.

Bereits am Mittwoch wird sich ein Verdächtiger von Connewitz vor dem Amtsgericht Leipzig verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft hatte ein beschleunigtes Verfahren wegen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte gegen den 27-Jährigen beantragt. In solchen Verfahren können Strafen von maximal einem Jahr ausgesprochen werden.

Quelle: ntv.de, mli/mau/dpa