Politik

Eine Stimme vom Umschlagplatz Bozen "Flüchtlinge nicht als Problem wahrnehmen"

RTR4Y1N1.jpg

Der Bahnhof Bozen in Italien ist ein Zwischenstopp für viele Menschen auf der Flucht.

(Foto: REUTERS)

Roberto Defant von der Hilfsorganisation Volontarius erlebt immer wieder mit, wie sich Flüchtlinge auf eine illegale Reise von Italien in den Norden Europas begeben. Die Asylpolitik der EU ist seiner Meinung nach gescheitert. Doch diese Erkenntnis allein reicht ihm nicht.

Dublin III

Der sogenannten Dublin-III-Verordnung zufolge ist stets das EU-Land für Flüchtlinge verantwortlich, dessen Boden sie zuerst betreten haben. Reist ein Asylsuchender trotzdem weiter, darf das Land, in dem er ankommt, ihn zurückschicken. Da die meisten Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kommen, müssen Italien und Griechenland besonders viele Schutzsuchende versorgen. Rom und Athen pochen deshalb auf mehr europäische Solidarität. Weil die Dublin-Regeln angesichts der sehr hohen Flüchtlingszahlen nicht mehr funktionieren, setzt auch Deutschland mittlerweile auf eine andere Verteilungsmethode von Flüchtlingen in der EU. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedstaaten wehren sich aber gegen Quotenregelungen und andere Lösungsvorschläge.

n-tv.de: Wie viele Flüchtlinge kommen am Tag in Bozen an?

Roberto Defant: 100. Mal mehr mal weniger. Und die meisten am Vormittag.

Warum kommen sie ausgerechnet hierher?

Es gibt im Grunde drei Orte in Italien, an denen Flüchtlinge versuchen, über die Grenze zu kommen. Ventimiglia an der Grenze zu Frankreich, Trieste an der Grenze zu Slowenien und Bozen. Hierher kommen die Menschen, die mit dem Zug oder zu Fuß durch die Alpen fliehen wollen. Es ist die kürzeste Verbindung in nordeuropäische Staaten wie Norwegen, Deutschland oder Schweden. Alle wollen nach Nordeuropa.

Warum will niemand in Italien bleiben? Ist die Lage so schlimm?

Das ist kein Problem Italiens. Oft haben diese Menschen Freunde und Familie in anderen Ländern.

*Datenschutz

Die Voraussetzungen für Flüchtlinge im Land sind also gut, wenn es um ihre Unterbringung und Verpflegung geht?

An Essen, Medikamenten und Wohnraum fehlt es hier nicht. Doch neben Freunden und Familie im Ausland gibt es tatsächlich noch einen anderen Grund, warum diese Menschen in den Norden fliehen. Viele haben in Italien Probleme, Arbeit zu finden, und das macht es auch schwer, sich hier ein neues Leben aufzubauen.

Dutzende Menschen auf der Flucht drängen jeden Tag illegal über die Grenze. Die meisten, die den Norden erreichen, werden nicht wieder abgeschoben. Ist das Dublin-Verfahren gescheitert?

Es ist egal, welche Regeln in Europa herrschen. Wir brauchen als Menschen einen neuen Glauben.

Was meinen Sie?

Das System funktioniert nicht, weil wir in Europa die Erfahrung, dass Flüchtlinge kommen, immer als Problem wahrgenommen haben. Das muss sich ändern.

Wie?

Es heißt ja immer: Wir sind alle gleich. Aber das stimmt nicht. Wir sind alle anders, und wir müssen das verstehen. Die Lage in Afrika und dem Nahen Osten wird sich nicht schnell verbessern. Es werden auf absehbare Zeit weiterhin viele Menschen kommen, die eine neue Mentalität mitbringen. Wir müssen offener sein. Wir treffen nicht Flüchtlinge, sondern Menschen, die flüchten. Es ist egal, ob wir mit Flüchtlingen, Obdachlosen, Journalisten, Freunden, Familie sprechen. Jeder Mensch ist wichtig. Wenn wir dieses Konzept übernehmen, entsteht wirklich eine neue Welt.

Mit Roberto Defant sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de