Politik

Europa ist in der Pflicht Gedenken an die Toten von Lampedusa

2014-10-03T180546Z_1417712380_GM1EAA405A901_RTRMADP_3_ITALY-IMMIGRATION.JPG6802821073149634312.jpg

Eine Überlebende aus Eritrea mit ihrem Kind.

(Foto: REUTERS)

Europa erinnert an die Katastrophe von Lampedusa: Vor einem Jahr waren Hunderte Flüchtlinge vor der Küste Italiens gestorben. Nun kehren Hinterbliebene und Überlebende an den Ort zurück. Derweil gibt es neue schreckliche Meldungen.

Costantino Baratta, ein arbeitsloser Maurer aus Lampedusa, wusste am Morgen des 3. Oktober vor einem Jahr nicht, was ihn erwarten sollte. Zusammen mit seinem Freund Onder Vecchi waren sie aufs Meer gefahren, um ein paar schöne Seebarsche zu fangen. Es herrschte Scirocco, der feuchtwarme Wind aus dem Süden, aus Afrika. Doch als die beiden eine Seemeile vor dem felsigen Eiland auf dem Meer waren, kam ihnen nicht der Geruch des Meeres in die Nase, nach Seetang und Fisch, sondern ein entsetzlicher Dieselgestank. Im Licht des frühen Morgen sahen sie, dass da viele Sachen auf dem Meer schwammen, und einige von ihnen sich auch bewegten. Es herrschte eine fast gespenstische Stille, kaum ein Laut war zu vernehmen. Sie sahen andere Fischerboote auf der Reede vor Lampedusa, ganz vorne das von Vito.

3l7q4303.jpg8356052704848678535.jpg

Gemeinsam betrauern sie den Tod ihrer Angehörigen und Freunde.

(Foto: dpa)

Ihr Boot war klein, aber sie fingen an, einzuladen. "Wir sind doch Fischer, wir wollten nur fischen. Ich wollte doch gar keine Menschen einladen. Aber ich bin auch kein Tier, sondern ein Mensch. Und da im Wasser um uns herum, da lagen sie, Menschen. Einige bewegten sich noch, die haben wir dann an Bord gezogen." Genau wie die anderen Fischer von Lampedusa, die schon seit 20 Jahren immer wieder Menschen fischen, die Flüchtlinge, die aus dem Süden kommen wie der Scirocco - und wenn sie Glück haben, es bis Lampedusa schaffen.

Sie hatten schon zehn noch lebende Körper an Bord gezogen, als Onder Vecchi eine Bewegung im Wasser sah: "Ich dachte erst, sie sei tot, aber dann bewegte sich die Hand eines jungen Mädchens. Mit einer dünnen Stimme rief sie etwas". Das Mädchen hieß Uam, sie kommt aus Eritrea und heute, ein Jahr nach der Tragödie, steht sie zwischen Costantino und Onder. "Ja, ich habe 'help me' gerufen. Und heute habe ich mein Versprechen eingelöst, ich bin zurück gekommen, um mich bei meinen beiden Lebensrettern zu bedanken, und meine Brüder, Schwestern und deren Kinder zu beweinen, die hier ertrunken sind." Uam und ihre beiden Retter umarmen sich. Heute lebt Uam wie die meisten der Überlebenden von Lampedusa nicht mehr in Italien, sondern in Schweden, andere wurden von Deutschland aufgenommen, auch in Rom leben einige von ihnen.

Rettungsaktion mit wenig Wirkung

3l4z0020.jpg8113239486146223994.jpg

Immer wieder werden hoffnungslos überfüllte Boote von der Küstenwache in Sicherheit gebracht.

(Foto: dpa)

Nun hat Italien nach dieser Tragödie die große Rettungsaktion "Mare Nostrum" in Gang gesetzt. Militärschiffe und Küstenwacht patrouillieren schon wenige Kilometer vor der afrikanischen Küste, um Menschenleben zu retten. Knapp 140.000 Menschen wurden seitdem aus dem Wasser gefischt, aus ihren winzigen Booten, echten Seelenverkäufern gerettet. Wir haben Meldungen von 3000 neuen Toten. "Mare Nostrum" hat also den Tod im Mittelmeer nicht verhindert, hat sicherlich auch viele Verzweifelte dazu bewogen, die Überfahrt in den Nussschälchen zu wagen, auf die Rettung durch die Marine zu hoffen. Auch erzählen alle Flüchtlinge von den Schleppern, die die Boote unter Kontrolle haben, die die Flüchtlinge ausbeuten, die zwischen 500 Euro – das ist der Preis für Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara – und 1500 Euro, das ist der Preis für Syrer, pro Kopf versteht sich - für das Recht an Bord zu gehen verlangen.

Die Flüchtlinge sind Menschen, die ja nicht freiwillig ihre Heimat verlassen. Die Syrer fliehen vor dem Tod durch wütende Extremisten, vor den Bomben Assads, die Schwarzafrikaner aus Libyen, weil sie im Bürgerkrieg die ersten Opfer sind, nachdem Europas Bomben das Land ins Chaos gestürzt haben, die Palästinenser aus Gaza fliehen aus einem von Raketen zerstörten Land, in dem Terroristen herrschen. Europa, der Westen, ist an all dem Elend, aus dem die Menschen fliehen, gewiss nicht ganz unschuldig.

Italien hat mit "Mare Nostrum" einen humanitären Alleingang gewagt, aber die anderen Länder Europas nicht von Anfang an einbezogen. Das ist der Geburtsfehler der richtigen und guten Hilfsaktion. Jemand, der in Italien politisches Asyl erhalten hat, darf sich an einer Aufenthaltserlaubnis erfreuen, und damit ist Schluss. Das nackte Überleben ist ihm dann der Güte der Caritas überlassen. Kein Wunder also, dass die syrischen Flüchtlinge, die in Italien landen, allesamt in den Norden weiter wollen. Das weiß jede Behörde in Italien, das weiß die Stadt Mailand, in deren Notaufnahmelager die Syrer allenfalls fünf Tage bleiben, weil sie dann einen Schlepper gefunden haben, der sie in den Norden bringt. Ein weiteres Mal müssen sie dann 800 Euro pro Person zahlen, für die letzte Passage über den Brenner und dann ab in den Norden.

Italien fordert Solidarität ein

Aber was tun? Sollen die Fischer von Lampedusa nicht mehr Menschen aus dem Meer retten? Sollen die italienischen Fregatten abdrehen, oder wie es die Liga Nord über Jahre gefordert hat, "mit Kanonen auf die Flüchtlingsboote schießen", sie schon "auf hoher See zurückweisen"? Das war unter Berlusconi Regierungspolitik – in offener Missachtung der Genfer Konvention, die fordert, jeden einzelnen Fall von illegaler Immigration genau zu untersuchen, um dann erst zu entscheiden.

Doch die ansteigenden Migrantenzahlen sind ein ernstes Problem. Überall in Europa wächst wieder der Widerstand gegen die Migranten. "Wir sind 507 Millionen Menschen in der Europäischen Union, bringen uns da einige Hunderttausend Flüchtlinge an den Abgrund? Man sollte doch bedenken, dass ein Land wie Jordanien mit fünf Millionen Einwohnern eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat", meinte die Parlamentspräsidentin Italiens, Laura Boldrini, frühere UNHCR Sprecherin für Italien. Italien fordert von Europa Solidarität, Aufteilung der Flüchtlinge, Kostenteilung. Das Problem ist nur, dass die Flüchtlinge längst aufgeteilt sind, und zwar aus eigenem Antrieb. Die allerärmsten und ungebildetsten, die aus den Gegenden südlich der Sahara stammen, sind meist in Italien geblieben. Alle anderen Flüchtlinge, vor allem solche, mit einer guten Chance auf die Anerkennung auf politisches Asyl, haben Italien längst verlassen. Martin Schulz forderte in Lampedusa "mutige Schritte aller Länder Europas, die Flüchtlinge gemeinsam zu empfangen".

Wer hier an diesem Tag auf Lampedusa war, wer den Überlebenden ins Auge geschaut hat, weiß, dass es keine andere Lösung gibt. "Wir sind keine Helden, weil wir Menschen aus Seenot gerettet haben", sagte uns Costantino, "sondern nur einfache Menschen".

Wer nun möchte, dass die Menschen, die vor Terror und Bomben fliehen, die eine lebensgefährliche Überfahrt unter der Knute der Schleuser in Kauf nehmen, doch bitteschön besser ertrinken sollten, damit wir unseren Wohlstand in Europa mit niemandem teilen müssen, der sollte das doch bitte einem Mädchen wie Uam direkt ins Gesicht sagen.

Quelle: ntv.de