Politik

"Hart aber fair" Haben wir zu viele Krankenhäuser?

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Plasbergs Gäste, von links nach rechts: Gerald Gaß, Reinhard Busse, Katja Kilb Jacobsen, Rainer Hoffmann, Sabine Bätzing-Lichtenthaler, Martin Litsch.

Manchmal ist weniger einfach mehr. Aber doch nicht bei der Gesundheit, oder etwa doch? Experten pochen auf eine drastische Krankenhausreform, Frank Plasberg bezieht bei "Hart aber fair" ungewohnt deutlich Stellung - und die Dänen machen vor, wie es geht.

Knapp 1400 öffentliche und freigemeinnützige Kliniken sind über die ganze Bundesrepublik verteilt. Laut einer Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) sind das allerdings viel zu viele: Mindestens 800 Krankenhäuser müssten demnach dichtmachen, um eine bessere Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Was zunächst paradox klingt, findet bei den allermeisten Experten Anklang - ein Grund für den Montagstalker Frank Plasberg, sich mit dem Thema zu beschäftigen, sein Thema bei "Hart aber fair" an diesem Montagabend: "Zu klein, zu teuer, zu schlecht: Haben wir zu viele Krankenhäuser?"

Zu Gast sind diesmal der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß, die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthaler (SPD), der AOK-Chef Martin Litsch, der Gesundheitsökonom Reinhard Busse sowie der pensionierte Arzt Rainer Hoffmann. Gegen Ende der Sendung kommt außerdem noch Katja Kilb Jacobsen im Einzelgespräch zu Wort, die als deutsche Ärztin an einem dänischen Krankenhaus praktiziert.

Dänisches Beispiel

Tatsächlich macht es diesmal ausnahmsweise Sinn, das Pferd von hinten aufzuzäumen und mit Jacobsen zu beginnen: Die Ärztin, die leicht verschnupft im Studio aufläuft, stimmt ein Loblied auf das dänische Gesundheitssystem an: Bessere Bezahlung für weniger Arbeit, die könne dafür aber hochwertiger und effektiver geleistet werden. "Ich würde auch als Patientin lieber in Dänemark als in Deutschland behandelt werden", fasst Jacobsen zusammen. Und das, obwohl es seit einer umfassenden Gesundheitsreform landesweit nur noch 32 statt 98 Kliniken gibt.

Seitdem müssen die Dänen nicht nur bis zu 150 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus fahren, es kommen auch gerade mal 2,6 Betten auf 1000 Einwohner - in Deutschland sind es sage und schreibe 8,06. Und trotzdem sterben in Dänemark gerade mal drei Prozent der Herzinfarktpatienten, während es in Deutschland gleich drei Mal so viele sind. Der Schlüssel ist eine stärkere Spezialisierung der verbliebenen dänischen Krankenhäuser - und das dänische Beispiel damit im Grunde genommen schon die Antwort auf die Titelfrage. Der Talk ist von Beginn an eher als Überzeugungssendung denn als offene Diskussion angelegt.

Moderator Plasberg zeigt ganz deutlich, dass er voll und ganz auf der Seite der Reformwilligen steht und liefert vor allem Reinhard Busse immer wieder Traumvorlagen, die der Professor für Gesundheitsmanagement dann auch gekonnt verwandelt, zum Beispiel beim Thema Herzinfarkt: "Heute haben drei von fünf Krankenhäusern keine Koronarangiografie. Wenn ich also in irgendein Krankenhaus gehe, liege ich in drei von fünf Fällen im falschen Krankenhaus." Das sei dann oft eine Frage von Leben und Tod, und "von daher ist es besser, ich fahre etwas länger in ein Krankenhaus, in dem mir schnell und gut geholfen werden kann."

Mit Fakten lässt sich schwer argumentieren

Ähnlich argumentiert der AOK-Chef: "Wir müssen die Krankenhauslandschaft dringend anders sortieren: Wir brauchen eine Grundversorgung in der Fläche […] und spezialisierte Häuser", sagt Martin Litsch. "Das heißt aber nicht, dass wir die Grundversorgung vernachlässigen dürfen." Tatsächlich lässt sich mit den harten Fakten, mit denen vor allem Gesundheitsökonom Busse nur so um sich wirft, schlecht bis gar nicht gegen die nötigen Reformen argumentieren - was auch die eigentlichen Gegner zähneknirschend anerkennen müssen.

*Datenschutz

"Ich suche mir natürlich bei einer planbaren Leistung das bestmögliche Krankenhaus aus", sagt etwa Gerald Gaß kleinlaut, während Sabine Bätzing-Lichtenthaler nach einer langen Vorrede über die "wunderschöne Pfalz" mit einer Frage endet, die kurz davor schon von Busse und Litsch beantwortet worden war: "Wir müssen immer geleitet werden von der Devise: Wie sichern wir die Grund-, Regel- und Spezialversorgung?" Rainer Hoffmann, der als Arzt im Ruhestand eine Petition gegen die Massenschließung von Krankenhäusern ins Leben gerufen hat, verheddert sich dagegen ständig in seinen eigenen Ausführungen und kann kaum einen Punkt zu Ende bringen - weshalb vor allem ein Eingeständnis im Gedächtnis haften bleibt: "Natürlich ist eine Bauchspeicheldrüsenoperation etwas, das eine spezialisierte Klinik erfordert."

Momentan allerdings führten über 300 Kliniken einen solchen Eingriff nicht öfter als drei Mal pro Jahr durch, erklärt Busse. Dass die mangelnde Erfahrung keine besonders gute Voraussetzung für saubere Arbeit ist, kann man sich denken - aber auch hier liefert der Gesundheitsökonom eine Zahl nach: In den 17 deutschen Kliniken, in denen man sich auf Bauchspeicheldrüsen-OPs spezialisiert habe und pro Jahr ebenso viele durchführe wie in den 300 anderen zusammen, sei die Zahl der Sterbefälle nur halb so hoch. Und spätestens hier wird klar, dass weniger in diesem Fall tatsächlich mehr ist.

Quelle: n-tv.de

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