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Taliban nur das kleinere Übel? IS breitet sich in Afghanistan aus

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Ein Taliban-Kämpfer in Kundus.

REUTERS

Es sind Hiobsbotschaften für den Westen: Die Taliban überrennen in Afghanistan einen Ort nach dem anderen: Nun sieht der EU-Sonderbeauftragte dort auch die Terrormiliz IS auf dem Vormarsch und konstatiert: "Der Optimismus war verfrüht".

Nach der Einnahme der Stadt Kundus durch die Taliban befürchtet der EU-Sonderbeauftragte für Afghanistan ein Erstarken der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in dem Land. "In den vergangenen Wochen hat sich der IS in Afghanistan neu formiert", schreibt Franz-Michael Mellbin in der "Welt".

Die Extremisten hätten unter anderem Stammesführer brutal ermordet und ganze Familien gefangengenommen. "Die afghanischen Sicherheitskräfte reagieren, aber sie sind überdehnt wegen der Operationen gegen starke Taliban-Offensiven an anderen Orten", schreibt der Däne. Annahmen, die IS-Terrorgruppe werde in Afghanistan ein Randphänomen bleiben, hätten sich als unrichtig erwiesen. "Der Optimismus war verfrüht."

Die radikalislamischen Taliban hatten Kundus am Montag erobert. Am Dienstag starteten die afghanischen Streitkräfte eine Gegenoffensive.

USA versprechen Hilfe

Die USA sicherten indes der afghanischen Regierung ihre Unterstützung zu. Washington werde genügend Mittel bereitstellen, um die in den vergangenen 13 Jahren gemachten Landgewinne zu schützen, sagte Pentagonsprecher Peter Cook. Die Lage in Kundus bleibe nach der Eroberung der Stadt durch die radikalislamischen Taliban "fließend", sagte Cook.

Die USA hatten die Gegenoffensive der afghanischen Streitkräfte mit einem Luftangriff sowie mit Überwachungsflügen unterstützt, sich beim Vormarsch der Taliban sonst aber zurückgehalten. Grund für diese Entscheidung sei die mögliche Gefahr für die Zivilbevölkerung gewesen, sagte Cook. Die afghanischen Streitkräfte machten eine "schwierige Zeit" durch. Die USA würden weiter mit Präsident Aschraf Ghani kooperieren, der die Rückeroberung der Provinzhauptstadt versprochen hatte.

Debatte um Bundeswehreinsatz

Der Vormarsch der Taliban löste in Deutschland eine Diskussion über eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Nordafghanistan aus. Die Bundeswehr hatte sich vor zwei Jahren aus Kundus zurückgezogen, ist aber noch im 150 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif stationiert - allerdings nur zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee. "Die Afghanen sind noch nicht so weit, dass wir sie allein lassen können", sagte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Wolfgang Hellmich (SPD), der "Welt". Er plädierte für eine Fortsetzung der Ausbildungsmission über 2016 hinaus.

Auch der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, forderte "in Abstimmung mit den Amerikanern eine sorgfältige Debatte über den Zeitpunkt des Abzugs". Für eine Verlängerung des Engagements plädierte auch der CSU-Verteidigungsexperte Florian Hahn. "Die aktuelle Entwicklung in Kundus macht fassungslos und wütend", sagte er der "Welt". Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sagte dem Nachrichtenportal Focus Online: "Klar ist: Ein Abzug oder eine Reduzierung unseres Einsatzes ist zu früh."

Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour sagte zu Focus Online, der Abzug der Bundeswehr aus Kundus habe "die Afghanen sehr enttäuscht. Nun ist offensichtlich, dass das Land wieder mehr Hilfe braucht".

Die Linke im Bundestag fordert einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus dem Bürgerkriegsland. "Der ganze Kurs, die Probleme in Afghanistan militärisch lösen zu wollen, ist gescheitert", sagte Linksfraktionschef Gregor Gysi. "Ich finde Bundeswehr und Nato sollten sofort raus aus Afghanistan. Sie können da auch gar nichts mehr bewirken", sagte Gysi. "Ausbilden können wir auch hier, dazu müssen wir nicht dort sein." Natürlich müsse man Afghanistan helfen. "Aber wir können die inneren Auseinandersetzungen nicht von außen regulieren. Da müssen sie selbst Wege finden."

Quelle: n-tv.de, ghö/dpa/AFP

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