Politik

Räuberpistole im Wirecard-UA "Ibiza-Video-Regisseur" fühlte sich ernsthaft bedroht

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Der "Regisseur" und seine Bewacher - Julian H. vor seiner Aussage vor dem U-Ausschuss.

(Foto: dpa)

Auf Julian H. wartet in Österreich der Prozess wegen Erpressung des früheren Vizekanzlers Strache, der sich als Opfer der Ibiza-Affäre betrachtet. Vorher sagte der Beschuldigte als Zeuge in Berlin aus. Es klang wie aus einem Thriller.

Julian H. dürfte kaum damit gerechnet haben, eines Tages von Medien ständig als "Regisseur" bezeichnet zu werden. Denn er ist Privatdetektiv. Zuletzt arbeitete der 40-Jährige, wie er vor dem Bundestagsausschuss zur Aufklärung des Wirecard-Skandals berichtete, als "Sicherheitsberater mit eigener GmbH". Dass er als Zeuge vor dem Gremium erschien, hat allerdings mit seinem nebenberuflichen Engagement als "Regisseur" zu tun. Der Österreicher zeichnet verantwortlich für das berühmt-berüchtigte "Ibiza-Video", das im Frühsommer 2019 zum Sturz der Wiener Regierung von Bundeskanzler Sebastian Kurz geführt hat. Julian H. sitzt in Berlin in Auslieferungshaft. In seiner Heimat droht ihm nach eigener Angabe der Prozess wegen "angeblicher Erpressung von Heinz-Christian Strache und Drogenhandel".

Strache war nach Bekanntwerden des Videos, das 2017 in einer Villa auf der spanischen Insel aufgenommen wurde, als Vizekanzler zurückgetreten. Später schloss ihn die FPÖ aus. Der Film hielt sein Gespräch mit einer Frau fest, die eine russische Oligarchin mimte. Strache hatte mit ihr unter anderem über illegale Parteispenden sowie Großaufträge für Österreich gesprochen. Er geriet in den Verdacht, offen für Korruption zu sein. Der frühere FPÖ-Chef weist die Vorwürfe zurück.

Geld in instabile Gebiete transferiert?

Der "Regisseur" hatte sich selbst an den Sonderermittler gewandt, der für den U-Ausschuss die Kontakte von ehemaligen Wirecard-Managern zu Geheimdiensten durchleuchtet. Nach eigener Aussage konnte Julian H. "im Zuge der Nachrecherche zum 'Ibiza-Video' im Laufe des Jahres 2019 Unterlagen einsehen", die sich auf Verbindungen zwischen dem flüchtigen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek zu österreichischen Politikern und Geheimdienstkreisen bezögen. Auch hätten sie Einblicke in "Aktivitäten des Marsalek in Libyen" gewährt.

Der deutsche Unternehmer Kilian Kleinschmidt, der in Nordafrika lebt und für das UN-Flüchtlingskommissariats tätig war, hatte dem U-Ausschuss von einem Projekt Marsaleks in Libyen berichtet und dass der inzwischen insolvente Zahlungsabwickler Wirecard als "Finanzierungsdarknet für Milizen und Dienste" gedient habe, wie es der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann formulierte. Dadurch sei Geld in instabile Gebiete transferiert worden, "ein praktischer Zahlungsträger für V-Leute und Informanten".

H. wollte sich "möglichst unzugänglich machen"

Mit der Überschneidung des Bilanzskandals und der Ibiza-Affäre ist das Wirecard-Fiasko um eine Räuberpistole reicher. Julian H. sprach davon, dass der Konzern Sicherheitsleute beauftragt habe, soziale Medien nach kritischen Berichten über Wirecard zu durchforsten, vor allem aber dafür, Leute unter Druck zu setzen und sogar zu bedrohen. Auch die Wirtschaftsprüferfirma EY, die Jahr für Jahr die frisierten Jahresabschlüsse des Unternehmens absegnete, sei Opfer dieses Vorgehens geworden - und er ebenfalls.

In einem Anflug von Sarkasmus erklärte der Österreicher: "Ich fand die Aufmerksamkeit, die ich genießen konnte, deutlich bedrohlich." Es sei massiver Aufwand betrieben worden, "meiner habhaft zu werden, eben weil ich gewisse Schnittmengen von Anfang an in der Causa Wirecard auf österreichischer Seite sah". Er habe versucht, sich "möglichst unzugänglich zu machen". Das gelte auch für die Nutzung ständig wechselnder technischer Geräte. "Weniger, um den Behörden zu entgehen, sondern weil auch ich eine ernsthafte Bedrohungslage für mich sah." Um ihn zu verfolgen, seien GPS-Tracker genutzt und sein "komplettes Umfeld abgeklärt" worden, "was man mir als Flucht ausgelegt hat".

"Dem kann ich widersprechen als Österreicher"

Das konnte so interpretiert werden: Der Zeuge habe den Ausschuss dafür genutzt, seine Sicht der Dinge zu erläutern und sein Verschwinden zu erklären, das er offenbar nicht als Flucht verstanden wissen will. Andererseits wirkte Julian H. nicht wie ein Schaumschläger oder Märchenerzähler. Immer wieder betonte er, dass er bestimmte Sachen selbst nur aus Medien kenne. Oder er schränkte ein, diese oder jene Spekulation sei zwar plausibel, er habe aber keine Belege. Ständig sagte er Sätze wie diesen: "Das wurde mir auch so zugetragen, aber ich habe darüber kein Wissen."

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Manchmal klangen die Erläuterungen wie aus einem schlechten Thriller. Julian H. berichtete, er sei in der Zeit rund um die Aufnahme des Ibiza-Videos einem FPÖ-Politiker nach Moskau gefolgt - habe ihm "hinterherrecherchiert". Der soll in Russland Marsalek auf einer Yacht getroffen haben. Das habe der FPÖ-Mann ihm auf dem Heimflug nach Wien erzählt. "Er saß auf einmal neben mir und sagte hallo." Zimmermann wertete die Aussagen als "faszinierenden bis beängstigenden Einblick in die Ibiza-Affäre" und persönliche Verflechtungen der Wirecard-Vorstände Markus Braun und Marsalek "in höchste politische Kreise Österreichs".

Danyal Bayaz von den Grünen stellte die Frage nach dem Motiv an Julian H., warum dieser sich an den Ausschuss gewandt habe. Seine Antwort ließ tief blicken: Der Zeuge deutete ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem österreichischen Rechtssystem an. Er wolle "ein bisschen" zur Aufklärung des Skandals beitragen. Auch sei er in Sorge, "dass die Rolle der Republik Österreich in der Sache falsch eingeschätzt werden könnte". Wie er im Zuge seines Auslieferungsverfahrens gemerkt habe, gehe man in Deutschland davon aus, dass sein Heimatland "ähnlich wie die Bundesrepublik funktioniert. Dem kann ich widersprechen als Österreicher."

Quelle: ntv.de

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