Politik

Polizisten im Visier In den USA gedeiht ein neuer Feind

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Schwer bewaffnete Polizisten sichern in Dallas den Tatort, an dem fünf ihrer Kollegen ermordet wurden.

(Foto: dpa)

In Dallas sterben fünf Polizisten durch gezielte Schüsse eines Scharfschützen. Die Attacke ist mit nahezu militärischer Präzision geplant und ausgeführt. Es ist längst keine diffuse Wut mehr, die sich nun Bahn bricht - sondern eine sehr konkrete neue Gefahr.

Es ist eine neue, eine ungeahnte Eskalation der Gewalt: Gegen 20.45 Uhr am Donnerstagabend fallen während einer friedlichen Protestaktion gegen Polizeiwillkür in der Innenstadt von Dallas die ersten Schüsse. Panik bricht aus. Die Menschen flüchten durch die Straßen, versuchen sich in Hauseingängen in Sicherheit zu bringen. Doch schnell wird klar: Es sind ausschließlich Polizisten, auf die es der Schütze abgesehen haben. Fünf Beamte sterben. Sechs weitere werden verletzt. Die Kugeln treffen viele von ihnen in den Rücken. Augenzeugen sprechen von regelrechten Hinrichtungen.

Der Hass auf die Polizei hat sich in Texas auf brutalste Weise Bahn gebrochen. Und auch wenn sich die Behörden schwer tun mit der Festlegung auf ein Motiv des Täters: Die Tatsache, dass sich diese Bluttat ausgerechnet bei einem Gedenkmarsch für zwei junge Afroamerikaner ereignet, die innerhalb von nur 48 Stunden von weißen Polizisten erschossen wurden, lässt nahezu keinen Raum für Zweifel. Der Schütze sann auf Rache. Und diese Erkenntnis muss die US-Zivilgesellschaft ins Mark treffen - denn sie zeigt, dass der Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen eine neue, eine radikale, eine menschenverachtende Dimension angenommen hat.

Anders als bei früheren Gewaltausbrüchen - wie etwa den Krawallen in der US-Kleinstadt Ferguson nach dem Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown - richtet sich die zerstörerische Energie in Dallas nicht wahl- und ziellos gegen alles und jeden. Es brennen keine Tankstellen. Und es fliegen keine Flaschen. Der Schütze ging organisiert vor. "Das war alles geplant!", twitterte die Dallas Police Association - offensichtlich überrascht davon, dass sich ein neuer Feind aus der Deckung gewagt hat. Und tatsächlich: Der Täter von Dallas ging vor wie ein Guerillakämpfer. Mit militärischer Präzision.

Konflikt schwelte über Jahre weiter

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"Civil War" titelt die "New York Post" am Morgen nach der Schießerei in Dallas.

Es wird nicht lange dauern, bis die ersten Fragen gestellt werden. Manche dürften erneut schärfere Waffengesetze fordern. Andere, dass die US-Polizei besser ausgerüstet werden muss. Das alles geht am eigentlichen Problem vorbei. Alle Bemühungen der Politik, nach den Krawallen in Ferguson vor zwei Jahren die Spannungen zwischen Schwarzen und Polizisten abzubauen, sind offenbar wirkungslos geblieben. Die Regierung unter US-Präsident Barack Obama hatte diverse Maßnahmen beschlossen - darunter die Ausstattung von mehr Polizisten mit Kameras und eine bessere Ausbildung der Beamten.

Doch das Misstrauen blieb - auf beiden Seiten. Einer Untersuchung des britischen "Guardian" zufolge haben US-Polizisten im vergangenen Jahr fünfmal so viele junge schwarze Männer (zwischen 15 und 34 Jahren) erschossen wie junge weiße Männer. Ein Viertel der getöteten Schwarzen war nicht bewaffnet. Gleichzeitig kritisierte die Zeitung, dass nach wie vor keine verlässliche Statistik über Polizeigewalt in den USA geführt werde. Transparenz sieht anders aus. Immer mehr Schwarze haben zudem das Gefühl, die US-Justiz würde Fälle von Polizeiwillkür nicht streng genug ahnden.

"New York Post" schürt die Hysterie

Auch zu den Protesten in Ferguson war es erst gekommen, nachdem eine Untersuchungskommission beschlossen hatte, kein Gerichtsverfahren gegen den Polizisten Darren Wilson zu eröffnen. Den unzähligen Menschen, die damals um den toten Schüler Michael Brown trauerten, war so etwas nicht zu vermitteln. Es ist eine bekannte Dynamik, die sich da in den USA vollzieht. Gewalt wird mit Gegengewalt beantwortet - und die Mittel werden immer brutaler. Dennoch protestiert die große Mehrheit friedlich - auch in Dallas. Umso fataler ist das Signal, dass Medien wie die "New York Post" am Morgen nach den Schüssen aussendeten.

"Civil War", titelte das Blatt. Bürgerkrieg. So eine Schlagzeile wirkt wie ein Katalysator für Hysterie. Aber sie zeigt auch die diffuse Angst davor, was der Schütze von Dallas womöglich losgetreten hat: Eine neue Form des Terrors. Natürlich ist diese Angst im Moment noch unbegründet. Wichtiger als jemals zuvor ist aber dennoch, dass sich die Menschen von Populismus und gefährlicher Stimmungsmache nicht mitreißen lassen. Denn das wäre die endgültige Bankrott-Erklärung für die Werte der "Stars and Stripes".

Quelle: n-tv.de

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