Politik

Kriegsangst in Nahost Israel will 75.000 Reservisten mobilisieren

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Israelische Soldaten haben bereits an der Grenze zum Gazastreifen Stellung bezogen.

(Foto: dpa)

Der Nahe Osten steuert auf einen neuen Krieg zu. Nach palästinensischen Raketenangriffen auf Jerusalem und Tel Aviv wird eine israelische Bodenoffensive im Gazastreifen immer wahrscheinlicher. Das Kabinett strebt den Einsatz von bis zu 75.000 Reservisten an. Bislang werden 16.000 Mann zu den Waffen gerufen. Trotz aller Gefahren will UN-Generalsekretär Ban in die Palästinensergebiete reisen.

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Israelische Soldaten bewachen das Gebiet der Palästinenser.

(Foto: REUTERS)

Im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis treibt Israel seine Vorbereitungen auf eine Bodenoffensive im Gazastreifen voran. Wie Kabinettssekretär Zvi Hauser sagte, wird die Mobilisierung von bis zu 75.000 Reservisten für einen Einsatz gegen die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas angestrebt. Zunächst habe die Mobilisierung von 16.000 Reservisten zur Stärkung des Einsatzes "Säule der Verteidigung" gegen die Hamas begonnen. Später kündigte ein Sprecher von Verteidigungsminister Ehud Barak weitere Mobilisierungen an. Dem 75.000-Mann-Vorschlag müssen noch alle Kabinettsmitglieder zustimmen. Am Donnerstag hatte das Kabinett die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten gebilligt.

Die Hamas hatte Jerusalem und Tel Aviv mit Raketen beschossen. Im Großraum der Heiligen Stadt sei eine Rakete aus dem Gazastreifen eingeschlagen, berichtete der israelische Rundfunk. Durch das Geschoss wurde Rettungskräften zufolge aber niemand verletzt. Der bewaffnete Flügel der Hamas bekannte sich zum Abschuss einer Kassam-Rakete auf die Stadt.

In Tel Aviv wuchs die Angst vor Raketenangriffen wie im Golfkrieg vor gut 20 Jahren: In der größten israelischen Stadt wurde Luftalarm ausgelöst, wobei die Rakete der Polizei zufolge ins Meer stürzte. Bislang hatten sich die Bewohner der Großstädte vor Raketenangriffen aus dem Gazastreifen sicher gefühlt. Ein Minister berichtete, auch Regierungschef Benjamin Netanjahu sei in einen Sicherheitsraum gebracht worden. Tel Aviv war im ersten Golfkrieg 1991 das Ziel von Raketenangriffen aus dem Irak. Damals schlugen Scud-Raketen in Israel ein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich besorgt und wies der Hamas die Schuld an der Eskalation zu. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kündigte eine Reise in die Palästinensergebiete an. Sein Sprecher kündigte an, Ban werde "in Kürze" in den Gazastreifen reisen. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bestätigte den Plan. Nach seinen Angaben soll der Besuch "in zwei oder drei Tagen" stattfinden. Laut UN-Diplomaten will Ban auch nach Jerusalem reisen.

Beide Seiten bezichtigen sich der Lüge

Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die für den Besuch des ägyptischen Regierungschefs vereinbarte Waffenruhe gebrochen zu haben. Nach Darstellung der in dem Küstenstreifen herrschenden Hamas griff Israel während der Visite von Hischam Kandil aus der Luft an und tötete zwei Menschen. Die israelischen Streitkräfte erklärten dagegen, während des Besuchs seien keine Angriffe auf Gaza geflogen worden. "Die Hamas lügt", erklärte die Armee. Seit Mittwoch sind 22 Palästinenser und drei Israelis in dem Konflikt ums Leben gekommen.

Die neue Runde der Gewalt hatte am Samstag begonnen, als ein israelischer Jeep von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen wurde. Die Lage verschärfte sich dramatisch, als Israel am Mittwoch den Militärchef der Hamas, Achmed al-Dschabari, tötete.

Ägypten unterstützt die Hamas

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Israel hat bereits 500 Angriffe auf den Gazastreifen geflogen. Von dort aus schlugen 300 Raketen auf israelischem Gebiet ein.

(Foto: REUTERS)

Ägypten, das regelmäßig zwischen beiden Parteien vermittelt, schlug sich auf die Seite der Palästinenser. Präsident Mohammed Mursi warf der Regierung in Jerusalem eine unverhohlene Aggression vor. Mit Blick auf den Arabischen Frühling sagte er: "Das Ägypten von heute ist nicht mehr das Ägypten von gestern." Der Präsident war im Zuge des Volksaufstandes an die Macht gekommen. Tausende Ägypter gingen in mehreren Städten auf die Straße, um gegen die israelischen Luftangriffe zu protestieren. Nach den Freitagsgebeten versammelten sich etwa in Kairo mehr als 1000 Menschen und schwenkten ägyptische und palästinensische Fahnen.

Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüder, die Mursi stützen. Der Staatschef hatte nach seinem Amtsantritt zugesichert, den Friedensvertrag mit Israel einzuhalten. Dieser gilt als Säule des brüchigen Friedens im Nahen Osten. Aus palästinensischen Kreisen erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters, während des Besuch Kandils in dem Küstenstreifen sei an einer Entspannung des Konflikts gearbeitet worden: "Es wurde ein Prozess begonnen, um die Möglichkeit eines Waffenstillstands auszuloten." Noch sei es aber zu früh, um Details zu nennen.

Merkel macht Hamas verantwortlich

Die Konfliktparteien wurden vom Ausland zur Zurückhaltung aufgerufen. Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin warnten vor einer weiteren Eskalation. Verantwortlich für den Ausbruch der Gewalt sei die Hamas, sagte Merkel zum Abschluss der deutsch-russischen Regierungskonsultationen in Moskau. "Wir appellieren an die ägyptische Regierung, auch den Einfluss auf die Hamas geltend zu machen, damit es zu keiner weiteren Eskalation kommt." Putin betonte, beide teilten die Besorgnis über das Verhältnis zwischen Ägypten und Israel. Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton gab der Hamas die Schuld an der Eskalation.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu nannte die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Mit Massakern und Attentaten lasse sich im Nahen Osten kein Frieden erreichen, zitierten ihn türkische Medien.

In mehreren Ländern der Region kam es nach den Freitagsgebeten zu Protesten gegen Israel. Im Iran strömten Zehntausende auf die Straßen und riefen "Tod für Israel" und "Tod für Amerika". Im libanesischen Flüchtlingslager Ain el-Hilweh skandierten Demonstranten: "Hamas, bombardier Tel Aviv!" Auch in Kairo demonstrierten Tausende gegen die israelischen Luftschläge.

Die Eskalation gab dem Ölpreis Auftrieb. Ein Fass der europäischen Sorte Brent wurde 0,8 Prozent höher bei knapp 109 Dollar gehandelt.

Quelle: n-tv.de, AFP/dpa/rts

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