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Was tun gegen den IS? Jordaniens "gnadenloser Krieg" bringt nichts

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F16-Kampfjets, wie sie auch die jordanische Luftwaffe einsetzt, sind ein effektives Kriegsgerät - klar definierte Ziele am Boden vorausgesetzt.

(Foto: REUTERS)

Jordanien kündigt mehr Luftschläge gegen den Islamischen Staat an. Militär- und Nahostexperten diskutieren gänzlich andere Methoden, um die Islamisten-Miliz zu besiegen.

Jordaniens König Abdullah II. will die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) in Schrecken versetzen. Nach der Hinrichtung eines Kampfpiloten prophezeit er ihnen einen "gnadenlosen Krieg". Er verspricht, sie "in ihren eigenen Häusern" heimzusuchen. Angeblich will sich der König sogar selbst in ein Kampfjet setzen und Bomben auf sie regnen lassen.

Schrecken verbreiten dürfte diese Ankündigung aber kaum. Ein paar zusätzliche Bomben aus Jordanien machen im Kampf gegen den IS keinen nennenswerten Unterschied. Der Allianz fehlt es nicht an Jets am Himmel, sondern an klar identifizierbaren Zielen für ihre Luftangriffe auf dem Boden. Doch dort gibt es nicht genug Kräfte, die diese Informationen liefern könnten.

"Die Reaktion auf die Hinrichtung wird kein Game-Changer sein", sagt Elias Hanna, ein früherer libanesischer General, der nun in Beirut Geopolitik lehrt, der "New York Times". Geht es also doch nur mit einem massiven Einsatz am Boden? Experten sind sich einig: Der IS ist zu besiegen. Bei der Frage nach dem Wie gehen die Meinungen allerdings weit auseinander.

100.000 Mann am Boden

Gemessen daran, dass die geschätzt 30.000 Kämpfer des IS seit einem halben Jahr praktisch einen Krieg gegen den Rest der Welt führen, ist ihre Lage noch immer ausgesprochen komfortabel. Die internationale Allianz und ihre Verbündeten am Boden konnten zuletzt zwar Fortschritte verzeichnen. Sie eroberten laut US-Angaben rund 700 Quadratkilometer Land, die symbolträchtige Stadt Kobane inklusive. Sie zerstörten 200 Öl- und Gasanlagen und töteten die Hälfte der IS-Führer. Doch die Miliz besitzt in Syrien und dem Irak noch immer 55.000 Quadratkilometer Fläche. Die personelle Spitze rund um den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi blieb unangetastet. Und der Nachschub an Kämpfern aus dem Ausland reißt nicht ab - im Gegenteil. Die Gegner des IS haben den schwersten Teil ihres Kampfes noch vor sich.

Nach Angaben von Michael Morell, der früheren Nummer Zwei der CIA, sind 100.000 Fußsoldaten nötig, um diesen Teil des Kampfes zu gewinnen. "Wenn die Koalition nicht bereit ist, mehr Bodentruppen in den Irak und wohl auch nach Syrien zu schicken, können wir wenig ausrichten", sagt Morell dem US-Sender CBS News. Der Wille zu einem derartigen Einsatz "existiert aber einfach nicht" - sei es nun in den USA oder in West-Europa. Gleiches gilt laut Ex-General Hanna auch für arabische Staaten. "Wir werden keine arabischen Kampfstiefel auf dem Boden sehen." Selbst mit einem Einmarsch des aufgebrachten Jordanien rechnet niemand ernsthaft.

Ein entscheidender Grund für die große Zurückhaltung dürfte die Gegenwart von Syriens Machthaber Baschar al-Assad sein. Der Westen will sich mit dem Mann, der die eigene Bevölkerung mit Fassbomben massakriert und Chemiewaffen gegen sie eingesetzt hat, nicht verbünden. Ungewiss ist, wie er reagieren würde, wenn westliche oder arabische Truppen am Boden einschreiten würden. Völkerrechtlich sind bereits die Luftangriffe der Anti-IS-Allianz auf Stellungen in Syrien umstritten.

Als einzige Alternative zu einer Bodenoffensive, die weit über die bisherigen Einsätze der Kurdenkämpfer, der irakischen Armee und der syrischen Oppositionellen hinausgeht, sieht Morell nur eine gezielte Exekution der obersten Führungselite des IS. "Wir haben es hier mit einer hierarchisch geführten Organisation mit einer kleinen Spitze zu tun", sagt er. Sie auszuschalten hält er allerdings für ausgesprochen schwer. "Das erfordert eine sehr, sehr gute Geheimdienstarbeit."

Ein Hoffnungsschimmer im Irak

Derart pessimistisch geben sich allerdings nicht alle Experten. Kenneth M. Pollack von der Denkfabrik Brookings Institution sieht die Allianz auch ohne ein so brachiales Vorgehen auf dem Siegeszug. Zumindest, wenn es darum geht, den Irak vom IS zu befreien. Dort erstarkt die irakische Armee zusehends. Zugleich gehen die kurdischen Peschmerga mit Hilfe der Luftschläge der Allianz immer effektiver gegen den IS vor. "In 6 bis 18 Monaten könnte der Islamische Staat aus dem Irak vertrieben sein", schreibt er. Allerdings nur unter einer Voraussetzung: Es müsse gelingen, Sunniten und Schiiten im Irak wieder zusammenzubringen und mit ihnen neue Mechanismen der Machtaufteilung zu etablieren.

Dass es dem IS im vergangenen Jahr überhaupt gelungen ist, große Teile des Irak einzunehmen, lag vor allem daran, dass sich viele Sunniten im Irak dem Vorstoß des IS nicht entgegenstellten. Ihnen war ein Leben im Kalifat lieber als eines unter der Herrschaft der dominierenden schiitischen Machtclique in Bagdad. Auch, wenn das Land mittlerweile einen neuen Präsidenten hat und es Bestrebungen gibt, Sunniten, aber auch Kurden besser einzubinden, ist die Skepsis unter Sunniten laut Pollack noch zu groß. Verstärkt wird diese Skepsis dadurch, dass es vor allem schiitische Teile der irakischen Armee sind, die derzeit Landgewinne erringen können. "Sunniten werden die Kräfte der irakischen Regierung nicht als Befreier, sondern als schiitische Besatzungsarmee wahrnehmen." Deshalb würden sie den Islamischen Staat gar gegen sie verteidigen. Schiiten und Sunniten im Irak wieder zusammenzubringen hält Pollack für schwer, aber nicht für unmöglich.

Der IS verrottet von innen

Für Matthew Levitt von der Denkfabrik Washington Institute wiederum sind keine zusätzlichen Maßnahmen nötig. Auch er glaubt zwar nicht daran, dass ein jordanischer Rachefeldzug die Lage grundlegend ändern könnte. Die medial inszenierte Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten hält er dennoch für "den Anfang vom Ende einer Gruppe, die letztlich von innen nach außen verrotten wird."

Levitt erwartet, dass der noch rege Strom neuer Kämpfer austrocknen wird, weil potenzielle IS-Kämpfer die derart zur Schau gestellte Hinrichtung eines Moslems nicht hinnehmen würden. Weiter ausbremsen würde den Nachschub an Kämpfern laut dem Terrorismusexperten, dass die Attraktivität des IS auch durch militärische Niederlagen leidet. Den Verlust der symbolträchtigen Stadt Kobane führt er als Beispiel an.

Daraus spricht womöglich aber auch großer Optimismus. Denn es ist kein Geheimnis, dass der jordanische Pilot nicht der erste Moslem war, den der IS auf bestialische Weise hingerichtet hat. Die Miliz enthauptete in eroberten Landstrichen schon etliche Muslime, die sich dem Diktat des selbsternannten Kalifen al-Baghdadi nicht unterwerfen wollten. Danach gab es einige Berichte von IS-Kämpfern, die sich von der Miliz abwendeten. Die Zahl der neuen Rekruten überstieg diese aber bei weitem.

Quelle: n-tv.de

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