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Nach Niederlage in Kobane Wie stark ist der IS noch?

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Ein IS-Kämpfer in der syrischen Dschihadisten-Hochburg Rakka. So deutliche Ziele gibt die Miliz immer seltener ab.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Triumph der Kurden in Kobane gilt als Symbol für die Kehrtwende im Kampf gegen den Islamischen Staat. Dabei wird es für die Allianz gegen die Terrormiliz jetzt erst richtig schwer.

Die kurdischen Verteidigungskräfte feierten ihren Sieg über den Islamischen Staat (IS) in Kobane Anfang der Woche mit gewaltigen Worten. Der Kampf um die Stadt sei nicht nur ein Kampf der Kurdenarmee YPG gegen die Terroristen gewesen, sondern ein Kampf des Humanismus gegen die Barbarei, ein Kampf der Freiheit gegen die Tyrannei. "Die Vernichtung des IS in Kobane ist der Anfang vom Ende der Gruppe." So steht es in einer Mitteilung der Verteidigungskräfte.

Ist dieser Optimismus gerechfertigt? Oder sollen diese Worte nur Mut machen, weil die Kurden jetzt vor noch größeren Aufgaben stehen?

In den Tagen nach der Befreiung Kobanes drangen die YPG-Kämpfer mit ihren Verbündeten Augenzeugenberichten zufolge weiter in Ortschaften rund um Kobane vor. Doch es ist ungewiss, ob dieser Zustand noch lange anhalten kann.

IS hat noch mehr als 30.000 Kämpfer

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Das Institute for the Study of War dokumentiert die Geländegewinne und - Verluste des IS in Syrien und dem Irak.

(Foto: http://www.understandingwar.org/)

Die Allianz gegen den IS, die Kurden mit inbegriffen, haben auch über Kobane hinaus viele Erfolge erringen können. Sie töteten nach US-Angaben mehr als 6000 Kämpfer des IS. Sie zerstörten 200 Öl- und Gasanlagen und jeden zweiten wichtigen Kommandoposten. 700 Quadratkilometer Land eroberten sie schon zurück. Kurzum: Es ist ihnen gelungen, den Vormarsch der Islamisten im Irak und Syrien zu stoppen, ihn gar umzukehren, und Kobane ist das große Symbol dafür. Die Mühen und Entbehrungen, die die Allianz für diese Kehrtwende erbringen musste, waren gewaltig. Ein Blick auf die neuen Kräfteverhältnisse zeigt allerdings: Das Schlimmste steht noch bevor.

Der IS verfügt jüngsten Schätzungen des Londoner Kings College zufolge über mehr als 20.000 Kämpfer allein aus dem Ausland. Die Zahl der IS-Kämpfer aus Westeuropa hat sich demnach im vergangenen Jahr verdoppelt. Hinzukommen dürften mehr als 10.000 Männer und Frauen aus der Region. Der IS verfügt zudem noch immer über mehr als 55.000 Quadratkilometer Fläche.

Besonders dramatisch ist: Die derzeit effektivste Waffe der Allianz gegen den IS wird immer schwächer. In Kobane - der IS besetzte zeitweise mehr als die Hälfte der Stadt - begann der Richtungswechsel, als die USA und ihre arabischen Partner im September ihre Luftschläge begannen. Sie waren ausgesprochen effektiv, weil sich die Piloten auf genaue Zielangaben der Kurden am Boden verlassen konnten. Das ist in den Regionen, die jetzt noch fest in der Hand des IS sind, oft nicht mehr möglich.

Piloten gehen die Ziele aus

In ihren Hochburgen können sich die IS-Männer breit verteilen, in Wohnhäusern oder Fabrikanlagen verstecken. Verbündete Bodenstreitkräfte, die Informationen liefern könnten, gibt es dort oft überhaupt nicht. Bei aller technischer Expertise der Luftstreitkräfte geben die IS-Männer deshalb nur selten eindeutige Ziele ab.

Mit dem erstarkenden Widerstand der Allianz änderte der IS zudem seine Strategie. Derzeit zumindest legt die Miliz es nicht auf neue Eroberungen an, sie muss also auch keine größeren Truppenverbände zusammentreiben. Auch dadurch verlieren die Piloten klare Ziele.

"Wir wissen, dass sie heute ganz anders operieren und kommunizieren als noch vor sieben Monaten. Sie sind nicht mehr im Freien", sagte Pentagon-Sprecher Jean Kirby vor wenigen Tagen. Und er berichtete, dass die Streitkräfte deshalb schon jetzt immer weniger Luftangriffe fliegen.

Ohne Luftunterstützung allerdings können die Kurden-Kämpfer wenig ausrichten gegen den IS. Es gibt schlicht zu wenige, und obendrein sind sie teils schlecht bewaffnet. Die Gegner des IS sind deshalb über die Kurdenkämpfer hinaus auf zusätzliche Leute am Boden angewiesen. Die gibt es bisher aber kaum.

Trainigszentren für Bodentruppen noch im Aufbau

Das US-Verteidigungsministerium konnte erst in der vergangenen Woche verkünden, dass alle Trainingszentren für Fußsoldaten im Irak operationsbereit sind. Die erste Trainingseinrichtung für Syrien, wo unter anderem syrische Oppositionelle für den Kampf vorbereitet werden sollen, steckt noch im Aufbau. Pentagonsprecher Kirby sagte: "Wir haben noch einen weiten Weg vor uns."

Im persönlichen Gespräch mit Vertretern der Kurden ist die Euphorie nach dem Sieg in Kobane dann auch nicht mehr so gewaltig, wie es die Pressemitteilungen erahnen lassen. Auf die Frage, was der Triumph in Kobane bedeute, antwortete YPG-Sprecher Idriss Nassan im Interview mit n-tv.de: "Man sollte das nicht überbewerten." Er warnte gar davor, was passieren könnte, wenn die Luftangriffe nachließen. "Der IS beherrscht etliche Städte in der Region, zum Beispiel Jarabulus und natürlich Rakka. Solange das so bleibt, wird auch Kobane immer wieder belagert werden. Denn diese Terroristen haben die Stadt nicht aufgegeben. Sie glauben, dass sie Kobane eines Tages doch noch erobern können." Ein endgültiger Sieg ist wohl noch in weiter Ferne.

Quelle: n-tv.de

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