Politik

"Wie weit ist es nach Mazedonien?" Kein Flüchtling will in Griechenland bleiben

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Diese Flüchtlinge haben es nach Griechenland geschafft. Sie werden so schnell wie möglich Richtung Norden weiterziehen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Allein in diesem Jahr sind mehr als 130.000 Flüchtlinge nach Griechenland gekommen. Der Staat ist völlig überfordert - Hilfe geht vor allem von Freiwilligen aus. Schon jetzt ist die Situation dramatisch. Alle haben Angst vor dem Winter.

In diesem Jahr ist die Flüchtlingssituation in Griechenland, die schon vorher extrem war, völlig außer Kontrolle geraten. Nach Zahlen der Internationalen Organisation für Migration von Anfang August haben 2015 mehr als 2000 Menschen, die nach Europa gelangen wollten, im Mittelmeer ihr Leben verloren - viele davon bei dem Versuch, griechisches Ufer zu erreichen.

Auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Armut und Terror kommen die Überlebenden zu hunderttausenden in ein Land am Rande des finanziellen Zusammenbruchs. Seit Januar waren es nach jüngsten Zahlen der griechischen Regierung 134.988 Flüchtlinge, ein Anstieg von 740 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Allein im Juli wurden rund 7000 neue Flüchtlinge registriert. Die meisten kommen aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan. Fast keiner von ihnen will in Griechenland bleiben.

Die meisten Flüchtlinge kommen vom türkischen Festland auf die griechischen Inseln, auf Leros, Lesbos oder Kos. Von dort werden sie nach Athen geschickt. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen ist auch die Ablehnung auf den Inseln gewachsen.

Den Behörden fehlt das Geld, die Infrastruktur und manchmal auch der Wille, um angemessen mit der Herausforderung umzugehen. Angesichts der Tatenlosigkeit der griechischen Regierung und der EU haben Freiwillige die Aufgabe übernommen, Europas Flüchtlinge zu unterstützen - Griechen und Ausländer, die in Griechenland leben. Selbst Urlauber bringen Dinge mit, die die Flüchtlinge benötigen, oder schicken sie später von zuhause. Auf dem Weg von den Inseln bis zum Norden des Landes, wo die Flüchtlinge die Grenze nach Mazedonien überqueren, helfen in erster Linie NGOs und normale Bürger, die selbst nicht viel haben, aber geben, was sie können.

"Da kann man nicht ruhig bleiben"

Eine solche NGO ist das Melissa Network. Die Organisation hat ihren Sitz in der Nähe des Pedion Areos, des großen Parks in Athen, der faktisch zu einem Flüchtlingslager geworden ist. Ursprünglich ging es dem Melissa Network darum, Migrantinnen zu helfen. Auf einmal sah es sich mit einer humanitären Krise direkt vor der eigenen Haustür konfrontiert.

Nadina Christopoulou, eine der Gründerinnen, sagt: "Wenn man als Mutter eine solche Situation vor sich hat, dann kann man nicht ruhig bleiben. Das nagt an einem." Als sie sahen, dass die Flüchtlinge in dem Park immer mehr wurden, und als sie feststellten, dass niemand sonst sich verantwortlich fühlte, traten die Frauen in Aktion.

"Wir beschlossen, etwas zu tun und den am stärksten verwundbaren Mitgliedern der Gruppe zu helfen: den Kindern", sagt Nadina. Sie fingen an, täglich Frühstück für die Kinder des Lagers zu machen. "Die Idee war, dass alles, was wir den Kindern gaben, selbstgemacht sein sollte, um ihnen ein Gefühl von Zuhause zu vermitteln. Das Frühstück hatte eine symbolische Bedeutung, eine Mahlzeit zu Beginn des Tages für diese Kinder, die zu Beginn ihres Lebens eine so gefährliche Reise machen mussten."

Doch die Größe der Flüchtlingskrise hat viele Freiwillige, auch das Melissa Network, entmutigt. "Als wir dorthin gingen, hatten wir sofort ein Gefühl der Trauer. Wir waren alle frustriert, weil wir wussten, es war nicht genug", erzählt Nadina. "Wir haben einsehen müssen, dass wir die Probleme nicht lösen können und nicht auf alle Nöte eingehen können. Aber dann haben wir die Ärmel hochgekrempelt und das nächste Frühstück vorbereitet."

"Der Rechtsradikalismus wird erstarken"

"Diese Situation übersteigt unsere Kräfte", so Nadina. "Es sollte nicht der griechischen Regierung allein überlassen werden, damit umzugehen. Das ist ein globales Thema, man sollte es global behandeln. Wenn wir als Organisation von Migrantinnen helfen können, dann bin ich sicher, dass viel mehr Menschen mit größerem Leistungsvermögen sehr viel mehr helfen können."

Mittlerweile sind die Flüchtlinge aus dem Park in ein offizielles Lager der Regierung gebracht worden. Das Melissa Network will seine Arbeit mit Migrantinnen daher fortsetzen und sich auf die sozialen Folgen der griechischen Krise vorbereiten. "Wir werden wieder mit einem Erstarken des Rechtsradikalismus umgehen müssen, das wird unweigerlich passieren", sagt Nadina. "Deshalb dachten wir, es ist höchste Zeit, die negativen Stereotypen umzudrehen und positive Vorbilder zu zeigen. Migrantinnen sind Integratorinnen und Multiplikatorinnen. Das Wenige, das man ihnen gibt, vervielfältigen sie in kürzester Zeit."

"Wir werden laufen"

Unterdessen kommen immer weitere Flüchtlinge nach Griechenland. Auf dem Omonia-Platz, mitten in dem Athener Viertel, das am stärksten heruntergekommen ist, sitzt eine Gruppe erschöpfter Syrer mit ihren Habseligkeiten. Sie versuchen, ihre Kinder vom Verkehr fernzuhalten. Einer von ihnen ist Rashid Abdul aus Aleppo. Über die türkische Küstenstadt Izmir kam er mit seiner Frau, seiner einjährigen Tochter und seinem neun Jahre alten Sohn nach Kos.

Die Syrer sehen müde und zerzaust aus. Sie erzählen, dass man sie vier Tage unter freiem Himmel schlafen ließ, nachdem sie Kos erreicht hatten. Jetzt wollen sie weiter nach Deutschland oder Dänemark. "Im Moment haben wir kein Geld, irgendwohin zu gehen. Deshalb werden wir laufen. Wir werden laufen, bis wir in ein anderes Land kommen."

Auf die Frage, warum so viele Menschen Syrien in diesem Jahr verlassen, antworten alle Erwachsenen das gleiche: "der Islamische Staat."

"Drei Jahre lang haben wir versucht, Geduld zu haben und darauf zu hoffen, dass es besser wird. Aber wir haben gesehen, dass nichts passiert, und wir haben beschlossen, das Land zu verlassen", sagt ein Mitglied der Gruppe. Ein junges Paar spielt mit seinem ebenfalls einjährigen Kind, das in Rosa gekleidet ist. "Er ist ein Junge", sagt die Mutter. Der Vater zeigt auf einen aufgenähten Teddy auf der Kleidung des Kindes. "Ich habe eine Fabrik geleitet, die diese Sachen hergestellt hat." Seine Frau arbeitete als Buchhalterin.

Nachdem sie von Kos weggebracht worden waren, gab man ihnen keine weiteren Hinweise, was sie in Athen machen sollten. Sie wissen, dass der Weg, der vor ihnen liegt, schwer sein wird, aber sie wollen trotzdem gehen. Keiner will in Griechenland bleiben. "Wie weit ist es von hier nach Mazedonien?", fragen sie. "In welche Richtung sollen wir laufen?"

Im Moment ist das Augenmerk der Welt auf Griechenland gerichtet, und Freiwillige und Wohltäter helfen den Flüchtlingen, die ins Land kommen. Zugleich denkt jeder, vor allem auf den Inseln, an den Winter. Dann werden die Touristen nicht mehr da sein, die Journalisten werden weiterziehen, und das Mittelmeer wird kälter, unruhiger und sehr viel gefährlicher sein.

(Aus dem Englischen von Hubertus Volmer)

Quelle: ntv.de