Politik

Die Macht der Taliban "Keine einzige Frau auf der Straße"

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Die Taliban haben Kabul unter Kontrolle. Dort treten sie aggressiver auf als in manch anderen Provinzen.

(Foto: imago images/Xinhua)

Wer den sicheren Tod auf der Tragfläche eines Flugzeugs wählt, muss ansonsten das nackte Grauen erwarten. Während die Taliban in Kabul Jagd auf Ortskräfte der NATO machen, bemühen sie sich in anderen Provinzen, betont gemäßigt zu erscheinen.

Männer kauern auf der Tragfläche eines Flugzeugs, suchen nach Halt, den es nicht gibt, bereit, sich an die Maschine zu klammern, wenn sie auf die Startbahn rollt. Sie wollen mit abheben, raus aus Kabul, koste es, was es wolle. In diesem Fall: ihr Leben. Der sichere Tod bei einer Startgeschwindigkeit von um die 300 Kilometer je Stunde scheint für diese Menschen, deren Twitter-Aufnahme am Montag um die Welt geht, noch immer die bessere Option zu sein als die Machtübernahme der Taliban. Welches Grauen erwarten sie von den Islamisten, die sich als stolze neue Besitzer des Präsidentenpalastes filmen ließen?

Wie fast in allen Bereichen gilt auch hier für Afghanistan: Die Situation variiert von einer Region zur nächsten. "Bei uns ist die Lage noch ruhig", sagt Hayatullah M. am Telefon ntv.de. Heute und gestern ist M., der für ein humanitäres Programm in der Kommunikation arbeitet, durch seine Heimatstadt Masar-i-Scharif gelaufen, die Metropole, aus der die letzten Bundeswehrsoldaten erst vor sechs Wochen abgezogen sind.

Keine einzige Frau, kein Mädchen hat er auf der Straße gesehen. "Sonst bewegten sie sich dort frei", sagt er. Die Taliban sind zurück, noch nicht mit ihrem alten Schreckens-Regime, doch die ersten Zeichen sind spürbar. "Die Frauen bleiben in den Wohnungen aus Angst vor Ärger. Soweit ich das überblicke, sind die Häuser hier in Masar-i-Scharif derzeit noch sicher. Niemand ist bislang in Wohnungen eingedrungen, ich hörte von keiner Bestrafung."

In der afghanischen Hauptstadt ist die Situation eine ganz andere. "Eine Freundin aus Kabul hat mir berichtet, dass in manchen Vierteln die Taliban Haus für Haus durchsuchen, um Leute zu finden, die mit der NATO zusammengearbeitet haben." Die "Safe Houses", die das deutsche Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte in der Hauptstadt eingerichtet hatte, sind inzwischen aufgegeben worden. Viele Afghanen, die für die internationalen Einsatzkräfte gearbeitet hatten, konnten sich dort teils mit ihren Familien verstecken. Doch als die Islamisten begannen, von Tür zu Tür zu gehen, wurden die Häuser zu Fallen.

Zwar hat die Führung der Taliban offiziell versichert, keine Rache nehmen zu wollen, doch große Teile der Bevölkerung trauen diesen Aussagen nicht, M. geht es ähnlich. "Ich befürchte, dass diejenigen mit Kontakten zu den internationalen Truppen schon bald in der Klemme sein werden." Die Durchsuchungen untermauern seine Vorahnung - warum sonst sollten die Islamisten nach Übersetzern, Beratern, Fahrern suchen, wenn nicht, um sie zu bestrafen? Der Weg zum Flughafen in Kabul scheint den Ortskräften bereits versperrt zu sein. An vielen Kreuzungen stehen bewaffnete Taliban-Posten und zwingen die Autos zur Umkehr. Nichts anderes bleibt den Menschen übrig, als sich auf eigene Faust ein Versteck zu suchen. Manche senden noch Messenger-Nachrichten und dokumentieren, wie es sich anfühlt, im Stich gelassen worden zu sein.

Noch ist die Burka nicht Vorschrift

In Masar-i-Scharif - ein anderes Bild. Schulen und Universitäten sind derzeit geschlossen, die Taliban haben aber mitteilen lassen, dass Bildung bald wieder möglich sein werde, auch für Mädchen und Frauen, vorausgesetzt, sie tragen einen Hidschab, also eine traditionelle Kopfbedeckung. Die Burka, die Gesicht und Körper komplett verhüllt, sei nicht Vorschrift.

Doch strenge Regeln lassen sich auch ohne Vorschrift durchsetzen. In der BBC erklärt ein Taliban-Vertreter aus der Provinz Balch, in der Masar-i-Scharif liegt, die Strategie. "Die Burka ist ein islamischer Wert, den wir predigen. Aber wir zwingen niemanden. Wir fordern Frauen auf, die Burka zu tragen, aber wir machen das durch Predigen, nicht durch Gewalt." Wie vielen Aufforderungen durch islamistische Prediger wird eine afghanische Frau standhalten, bevor sie sich mit dem dichten Stoffüberhang verhüllt, um nicht mehr behelligt zu werden?

M. berichtet von Provinzen, in denen sich junge Mädchen aus Angst vor den Taliban verstecken. Es heißt, die Islamisten würden nach Minderjährigen suchen, um sie zur Heirat zu zwingen. Auch weltliche Musik und Unterhaltungsprogramm ist bereits aus vielen Fernsehkanälen verbannt worden. Wie weit die Taliban zu den alten Regeln, die vor 2001 galten, zurückkehren, vermag derzeit noch niemand vorherzusagen.

Die alte Ordnung würde Frauen ohne männliche Begleitung komplett aus der Öffentlichkeit verbannen - zumindest dort, wo sie streng ausgelegt wird. Auch in den 1990ern gab es Regionen, wo ein hartes Regiment geführt wurde, und solche, wo der Gouverneur eher pragmatisch regierte und probierte, was er durchsetzen kann.

Frauen dürfen nicht zur Arbeit erscheinen

Eine Chance auf Mäßigung sieht der Sozialwissenschaftler Kristóf Gosztonyi, der viel im Land geforscht hat, weil die Taliban darauf verzichtet haben, in den Provinzverwaltungen den kompletten Apparat auszutauschen. "Die Gouverneure wurden überall abgesetzt, aber bereits in der Ebene darunter sind die Zuständigen im Amt geblieben. Das spricht eher für Kontinuität." In der Provinz Balch allerdings gestatten die Taliban den weiblichen Bediensteten der Verwaltung derzeit nicht, zur Arbeit zu erscheinen. In wenigen Tagen solle ein Kulturkomitee der Taliban tagen und Weisungen geben, wie mit den Medien, mit Kultur auch mit Meinungsfreiheit verfahren werden soll.

Gosztonyi ist erstaunt über die Organisiertheit der Machtübernahme und auch der Übernahme der lokalen Verwaltung. Wie die Grenzübergänge besetzt worden seien, der Norden eingenommen wurde, das schien alles einem Plan zu folgen, kaum etwas sei dem Zufall überlassen worden. "Die Taliban versprechen der Bevölkerung, dass es weiterhin Entwicklung und Basisdienstleistungen geben werde. Dafür brauchen sie einen funktionierenden Staatsapparat." In Fragen von Freiheits- und Menschenrechten hingegen warten manche Provinzherrscher erstmal darauf, "dass eine Weisung von ganz oben kommt".

Eine Chance für das Land könnte auch sein, dass - anders als vor 20 Jahren - die Taliban nun auf der internationalen Bühne mitspielen wollen, von anderen Staaten anerkannt werden möchten und vor allem auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. Denn wirtschaftlich liegt das Land am Boden. "Bei den internationalen Verhandlungen 2019 in Katar haben die Vertreter der Taliban den Frauen sehr viel Beachtung geschenkt. Sie schienen zeigen zu wollen, dass sie sich in dem Punkt verändert haben", sagt Emran Feroz, Autor des Buches "Der längste Krieg".

Feroz wurde von öffentlichen Hinrichtungen in Kandahar berichtet. In Herat seien Diebe geteert und gefedert durch die Stadt gescheucht worden. In der BBC sagt ein Richter, den die Taliban neu eingesetzt haben, die Scharia sei in einigen Punkten "sehr klar: Für außerehelichen Sex gibt es 100 Peitschenhiebe, für Ehebruch wird man gesteinigt. Dieben werden die Hände abgehackt." Dennoch ziehen manche einfache und arme Menschen die Justiz der Taliban der bisherigen vor.

Denn der Justizapparat der Regierung agierte nur nach Bestechungszahlungen, hatte den Ruf, korrupt zu sein bis in die letzte Abteilung. Für Arme war Recht in Afghanistan nicht zu bezahlen. "Man darf nicht vergessen, dass über 90 Prozent der Bevölkerung arm sind. Viele von ihnen sagen: Sollen die Taliban ruhig Recht sprechen, dann gibt es wenigstens keine Diebe mehr."

Hinrichtungen waren in Afghanistan in manchen Provinzen auch üblich, bevor die Taliban sich die Macht zurückholten, sagt Feroz. Die Realitäten in Afghanistan seien sehr unterschiedlich. Für viele derjenigen, die besonders prekär leben, sei das Entscheidende gewesen, dass der Krieg mit dem Abzug der NATO-Streitkräfte vorbei war. "Die Leute wollten, dass das aufhört. Egal, wer gewinnt."

Quelle: ntv.de

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