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Gewalt gegen Flüchtlinge Kontaktiert euch!

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Woher kommt die Aggression?

(Foto: imago/epd)

Im Westdeutschland der 1980er-Jahre spielen deutsche mit ausländischen Kindern im Sandkasten. Im Osten wurden die Arbeiter aus den sozialistischen Bruderstaaten isoliert. Jetzt randalieren dort Rechtsradikale vor Flüchtlingsheimen.

Geht der Blick derzeit nach Sachsen, ruft das Kopfschütteln hervor, mindestens. Waren wir nicht schon weiter nach Mölln, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen? Hatten wir nicht gelernt, mit Ängsten anders umzugehen, demokratisch, ohne Hassparolen und physische Gewalt? Die Ausschreitungen in Heidenau zeigen: offenbar nein.

Bis zu 800.000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland Zuflucht suchen. Woran entzündet sich die Aggression auf Menschen, die an einem anderen Ort aufgewachsen sind und um ihr Leben fürchten?

Ich bin Jahrgang 1979, meine erste Erfahrung mit Ausländern machte ich im Alter von fünf Jahren in Köln. Im Park hatte ich ein paar Kinder kennengelernt. Ich fand sie nett und nahm sie mit nach Hause, meine Mutter ließ uns im Schlafzimmer mit Lego spielen. Ein Spielzeug ging zu Bruch. Die Kinder rannten voller Angst aus unserer Wohnung. Ich hatte versucht, sie zu beruhigen, als ich ihre Aufregung bemerkte; sie verstanden meine Sprache nicht. Sie waren Ausländer. Ich sah sie nie wieder.

Wer mit etwas selten konfrontiert wird, empfindet es als fremd. Häufiger Kontakt mit Fremden hingegen baut Vorurteile ab, dies ist in einer Vielzahl europäischer Studien belegt worden. Und insgesamt sind rechtsextreme Einstellungen in Deutschland seit dem Jahr 2012 stark zurückgegangen. Trotzdem äußerten sich in Ostdeutschland 2014 noch immer über die Hälfte der Bevölkerung abwertend über asylsuchende Menschen. Im Westen waren es etwas weniger.

In Sachsen fand ein Fünftel der 200 seit Anfang 2015 gezählten Angriffe auf Asylbewerberheime statt. Aber nur ein Zwanzigstel der deutschen Bevölkerung wohnt in dem Bundesland. Der Bürgermeister der Kleinstadt spricht von "Nazi-Tourismus", angeschoben von der lokalen NPD.

Aussiedler im Westen, Arbeiter im Osten

Für Uwe Backes ist Sachsen ohnehin ein Sonderfall. Der Professor an der Technischen Universität Dresden forscht über die dortigen Rechten. "Es gibt in Sachsen ein deutlich höheres Mobilisierungspotenzial gewaltbereiter Personen", sagt er. "Die Sächsische Schweiz zählt zu den Hochburgen." Dort liegt auch Heidenau. An anderen Orten gebe es wirklich Gewalttourismus, wo Personen mit Bussen anreisen. "In Heidenau ist das nicht nötig, da kommen gewaltaffine junge Männer aus der unmittelbaren Umgebung."

Im Köln der 1980er-Jahre waren meine nächsten Begegnungen in der Grundschule: Aussiedler aus Rumänien, Kriegsflüchtlinge aus Pakistan, später Asylsuchende aus Bosnien und Kroatien. Sie alle luden mich zu sich nach Hause ein. Überall gab es fremde Gerüche, andere Kleidung, seltsames Mobiliar. Gemeinsam hatten alle Eltern: Sie sprachen kaum deutsch, es fiel ihnen schwerer als den Kindern. In meiner Erinnerung waren alle herzlich.

In der DDR gab es auch Ausländer - aber sie wurden nicht integriert, wie - bei allen Problemen - seit den 1960er-Jahren im Westen. Dort mussten sich die Menschen mit ihren neuen Mitbürgern auseinandersetzen, zunächst zwangsweise. Im Osten blieben die Arbeiter aus den sozialistischen Bruderstaaten von den Einheimischen getrennt. Es ging um Wissenstransfer, nicht um Einbindung in die Gesellschaft. Kontakte waren nicht erwünscht.

Fehlende Erfahrung, mehr Vorurteile

Jahrzehnte später ist der Unterschied zwischen West und Ost nur zum Teil aufgehoben. In den neuen Bundesländern leben im Verhältnis zur Bevölkerung noch immer wesentlich weniger Ausländer, knapp unter 30 von 1000 Einwohnern. In Hamburg sind es 150, im westdeutschen Durchschnitt 114 Menschen. Im Osten wurden im vergangenen Jahr 10,6 Prozent der Bevölkerung als ausländerfeindlich eingestuft, 6,8 Prozent waren es im Westen.

Meine erste Freundin war Muslimin. Ihr Vater war ein Despot, die ganze Familie litt unter ihm. Ich lernte ihn nie kennen, er erfuhr noch nicht einmal von meiner Existenz. Die Frage, ob wir deshalb auseinandergehen sollten, stellte sich nicht. Ich konnte ihre Situation nachvollziehen. Im vergangenen Jahr hat die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie festgestellt, dass in Sachsen 78 Prozent der Menschen den Islam fürchten, mehr als in jedem anderen Bundesland. Zugleich gibt es dort die geringste Zahl der Kontakte zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Die Auswirkung sind mehr Vorurteile, womöglich auch Hass.

Nun kommen Asylbewerber in Orte wie Heidenau und die Bewohner wissen womöglich einfach nicht, wie Fremde in ihr bisheriges Lebensbild passen könnten. Ihnen könnte die Erfahrung fehlen, die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten.

Als die Mauer fiel, war ich bereits auf der weiterführenden Schule. In der Pubertät schienen die türkischstämmigen Jugendlichen in Köln besonders aggressiv zu sein. Ich habe positive und negative Erfahrungen mit ihnen gemacht, ebenso wie mit allen anderen Menschen. Jemand in meinem Alter in Sachsen ist womöglich komplett ohne Kontakt zu Ausländern aufgewachsen, vielleicht auch noch die Generation nach mir. Es dürfte die letzte gewesen sein.

Quelle: n-tv.de

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