Politik
"Wir werden bald 100.000 sein": Teilnehmer der islamkritischen Bewegung "Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Legida) ziehen durch die Leipziger Innenstadt.
"Wir werden bald 100.000 sein": Teilnehmer der islamkritischen Bewegung "Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Legida) ziehen durch die Leipziger Innenstadt.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 22. Januar 2015

Demonstration in Leipzig: Legida zelebriert einen speziellen Führerkult

Von Issio Ehrich, Leipzig

Lutz Bachmann, der prominenteste Kopf der Gida-Bewegungen in Deutschland, zieht sich zurück. Keine Jubel-Arien, kein Trauermarsch - in Leipzig lässt der Rücktritt viele Gegner der Islamisierung des Abendlandes kalt. Das sagt viel über die Bewegung.

Es ist 18.12 Uhr, als die ersten Eilmeldungen die Demonstranten auf dem Augustplatz erreichen. Lutz Bachmann, der Kopf der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, tritt zurück, heißt es darin. Unter den geschätzt 15.000 Menschen, die hier für den Leipziger Pegida-Ableger Legida zusammengekommen sind, macht diese Nachricht schnell die Runde. Wird aus dem geplanten "Spaziergang" durch die Innenstadt nun ein Trauermarsch oder eine Jubelparade?

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Eine 43 Jahre alte Bankangestellte, die wie fast alle Demonstrationsteilnehmer ihren Namen nicht preisgeben will, ärgert sich über Bachmanns Entscheidung. Dass er sich in Hitler-Pose auf Fotos präsentiert hat, sei doch Satire gewesen. Und weil es für Satire keine Grenzen geben dürfe, müsse man mutig dafür einstehen. "Das ist wie bei Charlie Hebdo", erklärt sie und erinnert an die ermordeten Karikaturisten des französischen Satiremagazins. Auch sonst sieht die Bankangestellte keinen Grund für einen Rücktritt. Dass Bachmann Ausländer als "Gelumpe", "Dreckspack" und "Viehzeug" bezeichnet habe, sei ja gar nicht bewiesen.

"Endlich", sagt dagegen ein Mittfünfziger, der nur ein paar Meter weiter steht. "Wer so blöd ist wie Bachmann, muss weg." Gegen Ausländer wettern gehe schließlich gar nicht. "Is' doch scheißegal, ob jemand Neger, Chinese oder sonst was ist, wenn er sich integriert."

Es gibt in Leipzig sehr unterschiedliche Meinungen über Bachmanns Rücktritt, genauso wie es sehr unterschiedliche Haltungen und Forderungen unter den Demonstranten gibt. Da sind rechtsextreme Hooligans mit Rechtschreibfehlern auf ihren Plakaten einerseits und Ärzte, die nur gekommen sind, weil ihnen nach dem Aus der FDP im Bundestag eine liberale Kraft in Deutschland fehlt, andererseits.

Dazwischen gibt es natürlich auch die Ja-Aber-Fraktion - die, die gern politisch korrekt wären, aber schon beim zweiten Satz daran scheitern. Auffällig, wenn es um die Bewertung des Bachmann-Rücktritts geht, ist allerdings vor allem eines: Die meisten scheint dieser Schritt überhaupt nicht zu interessieren. Und auch sonst spielt es für sie keine größere Rolle, welche Personen für die Gidas in diesem Land stehen oder eben nicht mehr stehen.

Was sind schon ein paar Leichen im Keller

"Lutz Bachmann ist mir doch egal", sagt ein 57 Jahre alter Handwerker. Es gehe darum, denen "da oben" klar zu machen, dass ihre Politik Mist sei. "Nur weil ein paar Leute nicht ganz korrekt sind, ist ja nicht alles falsch, wofür wir auf die Straße gehen." Er sei nur froh, dass jemand diese Bewegung losgetreten habe, egal "welche Leichen er im Keller hat".

Etliche Legida-Anhänger sehen das ähnlich. Dass sie für Aufsehen sorgen und "die da oben" aufschrecken, hat für sie höchste Priorität. Und dafür sind viele von ihnen bereit, sehr viel zu schlucken.

Jürgen Elsässer zum Beispiel. Der Compact-Chefredakteur und leidenschaftliche Verschwörungstheoretiker zählte einst zur politischen Linken. Für die extreme Rechte unter den Legida-Anhängern dürfte er eigentlich kaum haltbar sein, auch wenn er sich dieser Tage nur allzu gern mit Rechtspopulisten umgibt.

Verdutzte Glatzköpfe

In Leipzig ertönen bei seiner Rede aber auch bei Rechtsextremen keine nennenswerten Widerworte. Als er sagt, "mein Herz schlägt heute noch links" gucken sich ein paar Glatzköpfe mit Jacken von einschlägigen rechtsextremen Marken nur verdutzt an. Als er hinzufügt: "Wir wissen ja um die vielen fleißigen Zuwanderer in Deutschland", verliert einer nur für einen Moment die Fassung.

"Naja, fleißig sind die nur beim Kindermachen", entfährt ihm. Der kleine Trupp prustet, doch schnell reißen sie sich zusammen und lauschen, was Elsässer sonst noch so zu sagen hat. Er wettert gegen den US-amerikanischen Imperialismus, angebliche Pakte Washingtons mit Al Kaida und die Notwendigkeit eines Friedens mit Russland. Am Ende klatschen die Glatzköpfe.

"Ein paar bescheuerte Persönlichkeiten"

Auch Jörg Hoyer ist einer, den einige in Leipzig nur schwer ertragen, bei ihm sind es aber eher die gemäßigten Besucher. Hoyer ist der Sprecher von Legida, also so etwas wie der Lutz Bachmann von Leipzig. In schwarzem Trenchcoat und mit schwarzem Hut steht er auf der Bühne. "Hallo Leipzig, hallo Sachsen, hallo Deutschland", brüllt er ins Mikrofon.

Und wer seine Betonung einmal gehört hat, wundert sich nicht, dass es Hitler-Parodien über ihn im Netz gibt.  Dass er früher versucht hat, mit dem Verkauf von NS-Devotionalien seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wissen viele auf dem Augustplatz. Und sie wissen seit einem Artikel in der "Welt" auch, dass er dabei nicht davor zurückschreckte, Schuhe aus dem Konzentrationslager Mauthausen anzubieten.

Zwei Freunde, beide Mitte 20, können sich das Lachen nicht verkneifen, als Hoyer voller Pathos schmettert: "Es geht um mein Land – um unser Land." Das sei ein bisschen dicke, meint der eine. "Da sind schon ein paar bescheuerte Persönlichkeiten dabei", antwortet der andere. Dann zucken sie mit den Achseln. Nächstes Mal wollen sie trotzdem wiederkommen. Legida zelebriert einen speziellen Führerkult. Die Anhänger hofieren ihre prominenten Köpfe nicht, sie lassen ihnen aber alles durchgehen.

Quelle: n-tv.de