Politik

Frankreich nach der Wahl "Macron ist zu jung, Le Pen zu rechts ..."

RTX104BT.jpg

"Tout sauf Le Pen": In Paris sind sich die europafreundlichen Kräfte einig.

(Foto: REUTERS)

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Macron startet seine Kampagne gegen Le Pen. Sie wird die nächsten zwei Wochen den französischen Alltag beherrschen. Der Wahltag gibt Eindrücke, wer am Ende gewinnen könnte. Eine Momentaufnahme aus Paris.

Wer lebendige Demokratie erleben will, der sollte in zwei Wochen eine Reise nach Paris planen. Franzosen reden ja sowieso gerne und endlos über Politik, diskutieren, fabulieren, wenden rhetorisch versiert Phrasen hin und her, dass es nur so eine Freude ist. Doch was ich an diesem Abend erlebe, in einem kleinen Restaurant unweit des Invalidendoms, übersteigt die Freude an Wahl und Politik um ein Vielfaches.

Da wird auf der Großbildleinwand die Rede von Francois Fillon beklatscht, der reumütig die Verantwortung für die Niederlage der Konservativen übernimmt und zur Wahl von Emmanuel Macron aufruft. Bei Le Pen wenden sie sich demonstrativ ab und an Macrons Lippen hängen sie wie bei einem Heilsbringer. Und all das nach der Degustation von ein wenig fader Zwiebelsuppe und einer – dann doch um zwanzig Euro überteuerten – Flasche Rotwein aus dem Roussillon.

Debatten unter dem Eiffelturm

Jung und alt haben an diesem Tag und an den Tagen davor nur ein Thema, in der Boulangerie, der Brasserie, in den Büros: Sie alle reden über die Wahl und sie gehen zur Wahl – in überraschendem Enthusiasmus.

Am Sonntagmorgen waren wir sehr früh auf den Beinen. Im siebten Arrondissement von Paris, einen Steinwurf entfernt vom Eiffelturm, in der Rue Cler. Bei den Wahlen der vergangenen Jahrzehnte war hier das Herzland der Konservativen: Die Mieten sind unbezahlbar, die Löhne hoch, das Glas Bier kostet 10 Euro und aufwärts. Francois Fillon hat hier sein Wahlkampfbüro. Der Bezirk wäre für ihn eine sichere Bank. Chirac hat hier haushoch gewonnen, Sarkozy auch. Doch diesmal ist alles anders.

*Datenschutz

Schon kurz nach acht gibt es Schlangen im Wahllokal in einer herrschaftlichen Schule. Der erste Café des Morgens ist getrunken, die Sonntagszeitung nur in Teilen gelesen, aber nun wird gewählt.

Frankreich und die Eliten

Vorm Wahllokal treffen wir einen Mann im Anzug, der sagt, seit zehn, fünfzehn Jahren würden die Eliten die Politik unter sich aufteilen. Das dürfe so nicht weitergehen. Das Land brauche endlich einen echten Wandel. Er meint Le Pen. Die Scham, die Kandidatin des rechtsextremen Front National zu wählen, und das auch noch zuzugeben, gibt es in diesem Jahr nicht mehr. Selbst hier in Paris.

Die nächste Frau ist jünger, wirkt fortschrittlich, freundlich. Die Wahl sei ihr dieses Jahr sehr schwergefallen. Es gebe keine richtige Wahl, sie habe lange überlegt. Die Leute könnten ja sie selbst wählen. Es ist ein schwacher Scherz. Am Ende sagt sie: "Ich finde Macron als Präsident zu jung. Aber Le Pen ist viel zu radikal, zu rechts." Wen sie gewählt hat, will sie nicht sagen.

Viele, die wir an diesem Morgen treffen, hoffen, dass es Fillon vielleicht doch noch in die zweite Runde schaffen könnte. Ungeachtet seiner persönlichen Skandale, der mutmaßlichen Vorteilsnahme und der Korruption. Das sei alles nicht so schlimm, heißt es. Er sei dafür ein seriöser gestandener Politiker, erfahrener als Macron.

"Alles außer Le Pen"

Ein paar Kilometer weiter, Richtung Südwesten, nördlich der Seine rive droite, besuchen wir den Gottesdienst der katholischen Gemeinde der Deutsch-Franzosen in Paris. Es ist eine sehr aktive Gemeinde, viele Familien, aber auch viele Senioren, die ihr Leben lang in Paris gelebt haben. Als Korrespondent in Paris war ich oft hier. Im Gottesdienst und danach im Gemeindecafé ist die deutsche Sicht auf die Wahlen präsent. "Tout sauf Le Pen" – Alles außer Le Pen, heißt es hier immer wieder und aus allen Kehlen. Die Europafeindin dürfe nicht gewinnen. Nicht noch ein Partner dürfe Deutschland wegbrechen. Wo Großbritannien und die USA schon verloren seien, zumindest für die nächsten Jahre.

Hier im Gottesdienst und draußen auf der Straße treffe ich aber auch viele ältere Leute, die Emmanuel Macron durchaus mögen. Die seine Leistung anerkennen. Die ihn aber dennoch für zu jung halten, für zu unerfahren. Der historischen Aufgabe, die vor Frankreich liegt, vielleicht noch nicht gewachsen. Und dieser Zweifel zieht sich durchs ganze Land.

4c62302b33fa09981ab1f3a26d7d6710.jpg

Feierstimmung nach dem ersten Wahlgang: Macron ist Meinungsforschern zufolge insbesondere bei jungen Frauen beliebt.

(Foto: AP)

Macron wurde in der ersten Runde in allererster Linie von jungen Frauen in den Städten gewählt. Frankreich aber ist eine alte und ländlich geprägte Republik. Macron wird die Menschen in Saint-Etienne und Calais überzeugen müssen, in Aix-en-Provence und Arcachon. Das könnte noch schwer werden.

Schwieriger Endspurt

Zwei Wochen sind eine lange Zeit. Seine Gegner werden sie ihm noch länger machen: der Ultralinke Jean-Luc Mélenchon wollte sich nicht für ihn aussprechen am Wahlabend. Und die straff Konservativen werden sich zähneknirschender auf seine Seite schlagen, als Fillon das freimütig tat.

Und dann sind da noch die Trolle im Internet, die Yellow Press, die sich auf ihn stürzen wird. Den Mann, der seine 24 Jahre ältere Lehrerin heiratete. Gegen den es Gerüchte gibt, er sei heimlich homosexuell. Auch die russischen Kreise, die Le Pen unterstützen, werden nach Affären graben. Es werden lange zwei Wochen.

Frankreichs andere Seite

Denn die andere Seite schläft nicht und sie zweifelt nicht an ihrer Kandidatin. Die andere Seite, die besonders in den ländlichen Regionen lebt. Fernab der verhassten elitären Hauptstadt. Wo eben nicht dutzende Kamerateams jede Meinung des Wahlvolks aufnehmen und wiedergeben. Sondern wo gestern mit der Faust in der Tasche gewählt wurde. Mit festem Entschluss. Wo die Wut auf Fremde sich durch die Debatte zieht. Fremde, die für viele Franzosen schuld sind an allem: An Terror, an Armut, an der eigenen Arbeitslosigkeit. Im Norden gibt es viele dieser Orte, aber auch im Süden in der Provence oder an der Côte d’Azur.

Diese Menschen zweifeln nicht an ihrer Kandidatin. Sie werden Le Pen wählen. Diesmal und in fünf Jahren. Bis es einmal klappt.

An diesem Montag aber bleibt: Die Demokratie hat einen großen Abend erlebt. In Paris. Und in vielen anderen Orten. Einen Abend der Hoffnung. Für Frankreich und für Europa. Wir sollten das kurz genießen. Und dann hoffen, dass diesmal ein Politiker gewählt wird, der sich der Begeisterung seines Volkes Politik und Mitbestimmung auch wirklich als würdig erweist.

Alexander Oetker war langjähriger n-tv Frankreich-Korrespondent und ist nun politischer Korrespondent im RTL-Hauptstadtstudio. Er ist außerdem Autor der Krimireihe um den französischen Kommissar Luc Verlain. Der erste Band "Retour: Luc Verlains erster Fall" ist gerade erschienen und landete prompt auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema