Politik

"Nichts ist gut in Afghanistan" Nur noch bis 2014 und dann raus

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Nach einem Anschlag auf ein Fahrzeug der afghanischen Polizei in Jalalabad.

AP

Seit zehn Jahren ringt die Weltgemeinschaft um Frieden in Afghanistan. Zehntausende westliche Soldaten versuchen dort den Weg zu ebnen für ein Leben ohne Angst und Gewalt. Nun lassen eine Bücherverbrennung und ein Amoklauf das erkennen, was lange befürchtet worden war: Alle Kosten, alle Mühen, alle Opfer waren umsonst. Nur offiziell sagt das niemand.

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Nach einem Terroranschlag in Spin Boldak unweit der pakistanischen Grenze.

(Foto: dpa)

Die USA erleben in Afghanistan ihr neues Vietnam – und ihre Verbündeten ihr erstes. Sie führen einen Krieg, der nicht zu gewinnen ist, der von Anfang an nicht zu gewinnen war. Der übereilte Einmarsch der US-Truppen auf der Suche nach den Hintermännern des rächt sich dramatisch: Zehn Jahre nachdem die Truppen der West-Allianz den Krieg gegen die Taliban begannen, explodiert in den Straßen des Landes der Hass. Tod und Gewalt werden bis in die Kasernen der US-Armee und ihrer Verbündeten getragen und trifft auch jene, die das Land ihre Heimat nennen, dort ihrer Arbeit nachgehen, lernen oder einfach nur draußen spielen.

Täglich sterben Dutzende Menschen durch den islamistischen Terror in Afghanistan und ein Sieg über die mordenden Extremisten ist nicht in Sicht. Zehn Jahre Einsatz haben gezeigt, dass der Westen nicht in der Lange ist, die Gotteskrieger zu besiegen. Ausgelöst durch eine unbedachte und dumme und dem anschließenden Amoklauf eines US-Soldaten stellen sie ihre Ehrverletzung zur Schau und zerstören binnen weniger Tage das, was man beharrlich versucht hat aufzubauen: Einen selbstbestimmten Staat mit demokratischen Strukturen, einen Staat, im dem Wahlen ohne Angst abgehalten werden können, einen Staat, in dem auch Frauen wählen und arbeiten dürfen und Mädchen zu Schule gehen.

Das Vietnam-Syndrom für alle

Nach zehn Jahren Kriegseinsatz muss der Westen erkennen, dass er in Afghanistan gescheitert ist – aber noch sagt das niemand öffentlich. Dennoch mehren sich die Stimmen die fordern, "bloß raus hier". Wie 1969 in Vietnam, als die Amerikaner einsehen mussten, dass der Krieg nicht zu gewinnen sein wird und den Abzug einleiteten. Der Krieg endete bekanntlich erst nach weiteren sechs Jahren mit der durch Nordvietnam.

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Merkel spricht zu Soldaten in Masar-i-Scharif.

(Foto: dpa)

Diesmal soll es keine weiteren sechs Jahre dauern. 2014 soll Schluss sein in Afghanistan. Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Blitzbesuch bei den deutschen Soldaten im Feldlager Masar-i-Scharif die Grenze 2014 zunächst infrage stellte, musste sie sich nur Stunden später selbst korrigieren. Die offizielle Verlautbarung heißt nun: Angesichts der Sicherheitslage könne man "noch nicht sagen", ob der Truppenabzug bis Ende 2014 möglich sei. Zwar habe der Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den Taliban Fortschritte gemacht, doch erlaube dies derzeit noch keinen Abzug. Mit Blick auf das Jahr 2014 fügte sie hinzu: "Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet."

Kulturelle Identität unterschätzt

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An einem Kontrollpunkt in Herat.

(Foto: dpa)

Die Versöhnung mit den Taliban und die Befriedung des Landes – das sind nur Wunschvorstellungen, nicht zuletzt der deutschen Kanzlerin. In Wirklichkeit ist das Land nicht mit besseren Lebensverhältnissen – ähnlich der harten ökonomischen Realität des Westens – zu ködern. Die Afghanen haben in den vergangenen zehn Jahren eine Freiheit nach fremdem Muster erlebt. Die Besatzer versuchten ein weltliches Regime zu stützen, was von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung als Einmischung angesehen wurde. Die Afghanen verteidigten etwas, was man zwar Rückständigkeit aber auch kulturelle Identität nennen könnte. Und eine Freiheit, die der althergebrachten Kultur keinen Raum zu schenken scheint, wird oftmals nicht als solche empfunden.

Schon längst kann man erahnen, wie freie Wahlen in dem Land am Hindukusch ausgehen könnten. Die Taliban könnten wieder an die Macht kommen – diesmal möglicherweise auch ganz ohne Gewalt. Sie müssten sich nur ihrer eigenen Kultur bedienen, der alten Frömmigkeit, der traditionellen Geschlechterverhältnisse und der jahrhundertealten Stammespolitik.

Angesichts dieses Debakels scheinen dem Westen die Ideen auszugehen. Wie gelähmt steht er vor der geballten Gewalt im islamischen Raum: Ägypten wählt nach seiner Befreiung von der Diktatur bei den ersten demokratischen Wahlen islamistische Parteien, allen voran die Muslimbruderschaft. Syrien erstickt im Bürgerkrieg, Diktator Baschar al-Assad lässt vor den Augen der Welt seine Landsleute abschlachten und erklärt, den "Kampf bis zum Endsieg" führen zu wollen. Derweil baut der Iran an der Bombe und der Irak versinkt nach dem Abzug der US-Truppen wieder in die alten Glaubenskriege der Saddam-Ära.

Am Ende fehlt das Geld

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Afghanische Soldaten in Herat.

(Foto: AP)

Auch ist unklar, ob die Afghanen jemals wieder selber für ihre Sicherheit sorgen können. Schon heute gilt der Plan der Nato, die Anzahl der afghanischen Soldaten und Polizisten nach 2014 wieder von 352.000 auf 230.000 zu reduzieren, als äußerst riskant. Der hauptsächliche Grund für den Abbau nach dem Aufbau ist, dass niemand die gigantische Truppe auf Dauer finanzieren will und kann – und die Afghanen werden das Geld dafür erst recht nicht haben.

Die Taliban frohlocken schon heute, wenn sie an die überschüssigen mehr als 100.000 Mann denken, allesamt ausgebildete Kämpfer. Werden sie sich Milizen anschließen – oder gleich den Taliban? Wie werden sich die mächtigen Nachbarn Pakistan und Iran nach 2014 verhalten? Und das ist nur ein Bruchteil der drängenden Fragen, die ungeklärt sind.

Wer lädt die Schuld auf sich?

Und die Taliban lassen sich nicht wegreden oder unter Strafe stellen wie der Gebrauch einer Burka. Sie sind Realität wie ihre Geistesverwandten unter den Muslimbrüdern in Ägypten, den saudischen Wahhabiten oder den Schiiten im Iran. Sie werden bleiben und wieder und wieder junge Männer rekrutieren. Der Westen wird diese Extremisten niemals befrieden oder die Taliban in demokratische Strukturen einbinden können – auch das wagt sich niemand offiziell zu sagen. Genauso wenig wird nach einem Truppenabzug niemand sagen: "Wir sind gescheitert". Niemand wird zugeben, dass sich gegen eine Kultur kein Krieg führen lässt – jedenfalls nicht in 10 oder 15 Jahren. Niemand wird die Schuld auf sich nehmen, wenn die Taliban zurückschlagen und sich an jenen versündigen, die sich nach Freiheit sehnten und die Besatzungsmacht unterstützten. Niemand wird sich entschuldigen bei jenen, denen wieder der Zugang zu Bildung verwehrt wird, bei jenen, die wieder unter die Burka müssen und jenen, denen ein Himmelreich versprochen wird, wenn sie als lebende Bomben gegen den verhassten Westen zu Felde ziehen müssen. Und niemand wird zugeben, dass es einen Export von Freiheit und Menschenrecht mit militärischen Mitteln nicht gibt. 

Nur die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hatte bislang den Mut das zu sagen und ist dafür heftig gescholten worden, als sie in ihrem Neujahrsgottesdienst am 1. Januar 2010 in Dresden ausrief: "Nichts ist gut in Afghanistan".

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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