Politik

Eine Rede fürs Vermächtnis Obamas Mann für die harte Arbeit

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Auf diesem Bild von 2011 ist Cody Keenan der Mann in der Mitte - am Computer sitzt sein Vorgänger als Chef-Redenschreiber, Jon Favreau. Links David Axelrod, der damalige Präsidentenberater.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In wenigen Stunden hält US-Präsident Obama die traditionelle Rede zur Lage der Nation. Geschrieben hat sie der 34-jährige Cody Keenan. Bekannt ist bereits, dass Obama den Mittelstand stärken will und dass die Rede ihm gefällt. Und dass sein Redenschreiber sich rasiert hat.

Vor einem Jahr fing US-Präsident Barack Obama seine Rede zur Lage der Nation wie eine Geschichte an. "Heute in Amerika", sagte er, "verbrachte eine Lehrerin zusätzliche Zeit mit einem Schüler und leistete so ihren Beitrag, um Amerikas Schulabschlussquote auf ihr höchstes Niveau seit mehr als drei Jahren anzuheben."

Dann folgten noch eine Unternehmerin, ein Arbeiter in einer Autofabrik, ein Farmer, ein Landarzt, ein Mann auf dem Heimweg von der Nachtschicht sowie Väter und Mütter, die ihre Kinder zu Bett bringen und an gefallene Kameraden denken. Sie alle leisteten in Obamas Rede einen Beitrag, träumten von einer besseren Zukunft für ihre Kinder oder waren dankbar, dass der Irak-Krieg zu Ende ging.

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Vor sechs Jahren ließ sich Cody Keenan, verkleidet als Pirat, mit dem Präsidenten fotografieren. Das Bild wurde für Obamas Rede beim traditionellen Korrespondenten-Dinner gebraucht. Es sollte witzig illustrieren, dass der Präsident auch mit den Feinden der USA spreche.

(Foto: The White House)

Geschrieben hatte diese Rede der heute 34 Jahre alte Cody Keenan. Er hat eine Vorliebe für jene "hart arbeitenden Amerikaner", die ausnahmslos jede wichtige Rede amerikanischer Politiker bevölkern - neun Mal findet sich der Ausdruck "hart arbeitend" in der Rede zur Lage der Nation von 2014, noch einmal mehr als im Jahr davor.

Im Washingtoner Politikbetrieb kommen Bezüge auf fleißige Amerikaner gut an. "Cody schreibt von Herzen", sagte Jon Favreau, Keenans Vorgänger als Chef-Redenschreiber des Präsidenten, vor zwei Jahren. "Er ist nicht nur ein extrem talentierter Redenschreiber, sondern auch jemand mit der angeborenen Fähigkeit, leidenschaftlich und anregend mit Menschen in Verbindung zu treten."

Auch die Opposition muss applaudieren

In diesem Jahr musste Keenan selbst hart arbeiten - es scheint besonders schwer gewesen zu sein, die Fiktion einer Verbindung zwischen Präsident und Volk herzustellen. Fünfzehn Tage lang schloss er sich in einem Hotelzimmer in Honolulu ein, während Obama seinen Weihnachtsurlaub auf Hawaii verbrachte, berichtet die "New York Times". Danach brauchte er sieben weitere Tage in einem fensterlosen Büro im Keller des Weißen Hauses sowie eine Whisky-Nacht bei einem Freund, der ebenfalls für Obama arbeitet. Dann war die Rede fertig. Heute Abend wird Obama sie halten, um zwei Uhr Nachts deutscher Zeit.

Die "State of the Union Address" ist eine politische Institution in den USA. Alljährlich kommen dazu beide Kammern des US-Kongresses zusammen, um dem Präsidenten zu lauschen. Immer wieder wird die Ansprache von Standing Ovations unterbrochen - die Tradition verlangt es, dass selbst die Opposition zumindest gelegentlich applaudiert und aufsteht.

Dass Obama seine Reden nicht selbst schreibt, ist kein Geheimnis - Cody Keenan wurde in diesem Jahr von zahlreichen Medien in den USA porträtiert. Dabei konnte man beispielsweise erfahren, dass Obama ihn "Hemingway" nennt; nicht wegen seines Schreibstils, sondern weil der frühere High-School-Quarterback sich immer wieder einen dichten Bart stehen lässt.

Eine Rede fürs Vermächtnis

Nicht nur die Phrasen über die "hard working Americans", auch der Inhalt der Rede ist nicht gerade neu. Obama will, so viel haben die US-Medien bereits vom Weißen Haus erfahren, den Mittelstand stärken. Für die Reichen soll es höheren Steuern geben, für die Armen staatliche Programme. Realisiert werden dürfte nichts davon: Die Tradition zwingt die Republikaner zwar zum Applaus, doch zustimmen werden sie Obamas Initiativen nicht. Da sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat haben, bleibt Obama nur geringer Spielraum.

Daher wird es dem Präsidenten vor allem darum gehen, an seinem Vermächtnis zu arbeiten. Seine aktuelle Zustimmungsrate liegt dem Umfrageinstitut Gallup zufolge bei 46 Prozent, was nur leicht unter dem Durchschnitt von US-Präsidenten in ihrem 24. Quartal liegt - Gallup hat errechnet, dass US-Präsidenten zu diesem Zeitpunkt, also sechs Jahre nach Amtsantritt, durchschnittlich eine Zustimmung von 47 Prozent haben. Damit geht es für Obama seit den Kongresswahlen im November fast kontinuierlich nach oben. Ist die Rede gut, wird sie politisch vielleicht nichts bewirken. Sie könnte jedoch seine Umfragewerte weiter verbessern.

Zumindest der Präsident scheint Keenans Entwurf gut zu finden. Wenn Obama ein Redetext vorgelegt werde, hebe er entweder die Passagen hervor, die ihm gefallen, so die "New York Times". Oder er nehme einen Notizblock und schreibe die gesamte Rede um. In diesem Jahr habe er das bereits zum zweiten Mal in Folge nicht getan. "Zwei Jahre am Stück ist sehr beeindruckend", sagte Präsidentenberater Dan Pfeiffer.

So kurz vor Obamas großer Rede wollte Keenan selbst übrigens nicht mit der "New York Times" sprechen. Der Präsident war weniger zurückhaltend. "Er ist ein brillanter Schreiber", ließ Obama die Zeitung wissen. "Er ist unerbittlich. Seine Freundin und ich sind froh, dass er sich zu guter Letzt von seinem Hemingway-Bart getrennt hat."

Quelle: ntv.de