Politik
"Glaubens- und Stellvertreterkriege" in Österreich? In Wien kommt Pegida nicht voran.
"Glaubens- und Stellvertreterkriege" in Österreich? In Wien kommt Pegida nicht voran.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 03. Februar 2015

Hogesa-Aufguss in Wien: Pegida Österreich legt Fehlstart hin

Von Christian Bartlau, Wien

Sie wollen sein wie die katholischen Heere, die Wien 1683 vor den Osmanen retteten. Doch der österreichische Ableger von Pegida bringt kaum mehr als einen Haufen Hooligans auf die Straße - und kommt keinen Meter voran.

Wer nicht genau hinhört, könnte meinen, die kahlrasierten Männer in den ersten Reihen machen sich einfach nur eine gute Zeit. Es ist bitterkalt an diesem Montagabend in Wien, also springen sie in die Luft – aber was singen sie dazu? Das hier: "Hey, hey, wer nicht hüpft, der ist ein Jude." So hören sie sich an, die lautesten unter den rund 300 Menschen, die in der österreichischen Hauptstadt zum ersten Mal unter dem Banner der Pegida-Bewegung marschieren. Oder besser gesagt: marschieren wollen. Der Weg ist von behelmten Polizisten versperrt. Keine fünfzehn Meter weiter blockieren 150 Gegendemonstranten die Route Richtung Stephansplatz. Pegida Österreich bleibt schon beim Start stecken.

Ein paar Meter abseits beobachtet Georg Immanuel Nagel die Pattsituation. Der 28-Jährige hat den Pegida-Import aus Deutschland organisiert - zusammen mit einigen anderen, die lieber im Hintergrund bleiben. Als Sprecher der Gruppe tritt Nagel auf, stets in Krawatte und Anzug. Früher war er Technoproduzent, heute studiert er Philosophie und redet von "Ethnomasochismus", statt wie die deutschen Ableger vom "Multikultiwahn". Mit Pegida Dresden und mit Lutz Bachmann stand er in den letzten Wochen in Kontakt, verrät er. Doch seine Mitteilungsfreude nimmt stark ab, als es um die "Wer nicht hüpft ..."-Rufe gehen soll. "Also ich habe das nicht gehört. Das reicht dann auch für heute."

Die Hools retten die Stimmung

Schon bei der Eröffnung der Demonstration eine Stunde zuvor wirkt Nagel nervös. Über ein viel zu leises Megafon verliest er einen Forderungskatalog, verhaspelt sich immer wieder, stockt, blickt suchend umher. Nach jeder seiner Forderungen – Stille. Erst die Hooligans retten ihn. "Wir sind das Volk" skandieren sie plötzlich, die Masse stimmt ein, die Stimmung ist da.

Es ist nicht die einzige Losung, die aus Deutschland kopiert wird. Auch die "Lügenpresse" gehört zum Repertoire und natürlich das Transparent "Vereint und friedlich gegen Glaubenskriege auf unserem Boden". Welche Glaubenskriege in Österreich ausgetragen werden? Die selben wie 1529 und 1683, erklärt Bernd Z., der seinen vollen Namen lieber nicht im Internet lesen möchte. Damals standen die Osmanen vor Wien, heute seien sie schon weiter: "Bei uns in Wien brauchen die sich nicht integrieren, denen gehört schon die ganze Geschäftswelt."

Seine Theorie: Die EU schiebt der Türkei Milliarden in den Rachen, die türkische Botschaft in Wien zahlt damit Familien, deren Töchter ein Kopftuch tragen, eine Prämie. "Die Türken sind ein Eroberungsvolk", schließt er seine Ausführungen. Er ist nicht der Einzige, der seine Meinung zum Islam bereitwillig mit der Presse teilt. Der überwiegende Teil der Pegida-Anhänger wahrt an diesem Abend zumindest die Etikette.

Entwicklungshemmer FPÖ

Nur zu den Jungs mit den Fußball-Schals hält man lieber Abstand. Einem Kameramann drohen die Hools, sie würden ihm später "den Schädel spalten". Die Männer gehören zur berüchtigten Schlägertruppe "Eisern Wien", einem Zusammenschluss der Nazi-Hooligans von Rapid und Austria Wien. Noch Stunden, nachdem die Demonstration für beendet erklärt wird, marodieren sie durch die Stadt und machen Jagd auf Antifaschisten. Einer Aktivistin der "Offensive gegen Rechts" brechen sie die Nase.

Pegida-Organisator Nagel spricht aber lieber über die "gewaltbereiten Linksextremisten", die immer aggressiver aufgetreten seien. "Aus Sorge um die Gesundheit eines älteren Demonstranten" erklärte er die Versammlung deswegen für beendet - ohne dass Pegida Österreich auch nur einen Meter zurückgelegt hatte.

Als sich die Nachricht von der Aufgabe unter den Gegendemonstranten verbreitet, bricht Jubel aus: "Wien und Pegida, einmal und nie wieder", skandieren sie. Tatsächlich glauben viele Experten, dass Pegida in Österreich nicht Fuß fassen wird. Der wichtigste Grund trägt drei Buchstaben: FPÖ. Die rechtspopulistische Partei, die unter Jörg Haider sogar in die Regierung aufstieg, besetzt inhaltlich so gut wie alle Felder von Pegida. Mit Hetze gegen Asylbewerber, Brüssel und "Genderwahn" holte die Partei 2013 in den Nationalratswahlen 20,5 Prozent. Die Stimme des Volkes, sie sitzt in Österreich im Parlament. Pegida steht nur herum.

Quelle: n-tv.de