Politik

Getöteter Brite in London Polizei sagte nicht die Wahrheit

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Was geschah wirklich vor Beginn der Krawalle?

(Foto: Reuters)

Scotland Yard muss zugeben: Der Familienvater, dessen Tod als Auslöser der Krawalle in England gilt, wurde offenbar nicht aus Notwehr getötet. Nun sichern Tausende zusätzliche Polizisten London. Ein junger Mann stirbt in Folge der Unruhen. Sollte es erneut zu Ausschreitungen kommen, erwägen die Einsatzkräfte die Verwendung von Gummigeschossen; es wäre das erste Mal in England.

Der 29 Jahre alte Mark Duggan, dessen Tod durch eine Polizeikugel Auslöser für die Gewalt in London war, hat nicht auf die Polizei geschossen. Dafür seien bei einer Untersuchung keine Beweise gefunden worden, teilte Scotland Yard mit. Es seien am Tatort keine Geschosse gefunden worden, die aus der Waffe des 29-Jährigen stammten, hieß es.

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Cameron will mit aller Härte des Gesetzes vorgehen.

(Foto: AP)

Die Polizei hatte die Situation am vergangenen Donnerstag zunächst so dargestellt, dass der 29-Jährige das Feuer eröffnet habe. Der Polizeischütze habe aus Notwehr gehandelt, als er ihm in einem Taxi sitzend in die Brust schoss. Diese Version war von der Familie des Toten angezweifelt worden.

Cameron: "Pure Kriminalität"

Großbritanniens Premierminister David Cameron hat die Krawalle in London als "pure Kriminalität" bezeichnet. "Wir werden alles tun, um die Ordnung wieder herzustellen", sagte er vor der Tür von Downing Street Nummer 10. Die Zahl der Polizeikräfte werde von 6000 auf 16.000 in der kommenden Nacht aufgestockt.

Die britische Polizei erwägt den Einsatz von Gummigeschossen gegen die Randalierer in London und anderen Städten. "Wir haben keine Angst davor", sagte Scotland-Yard-Offizier Stephen Kavanagh. Die Geschosse würden benutzt, wenn es notwendig sei. In Großbritannien wurden bei Krawallen noch nie Gummigeschosse eingesetzt. "Diese Taktik wird vorsichtig abgewogen", sagte Kavanagh. Gegen die sich schnell bewegenden Gruppen von Randalierern seien Gummigeschosse allerdings nur bedingt effektiv.

Zuvor war in Folge der Ausschreitungen der erste Mensch gestorben. Ein angeschossener 26-Jähriger starb im Krankenhaus, teilte Scotland Yard mit. Der Mann war am Montagabend mit mehreren Schusswunden in einem Auto im Bezirk Croydon gefunden worden.

"Cobra" und Unterhaus tagen

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Ein Einkaufszentrum in Woolwich im Südosten Londons brennt völlig aus.

(Foto: Reuters)

Cameron hatte wegen der Krawalle seinen Toscana-Urlaub abgebrochen und das Sicherheitskabinett "Cobra" einberufen. Auch Innenministerin Theresa May und Bürgermeister Boris Johnson unterbrachen ihren Urlaub und kehrten nach London zurück. Der Premier holte auch das Unterhaus aus der sommerlichen Sitzungspause zurück. Die Abgeordneten sollen am Donnerstag in London zusammenkommen.

Der englische Fußball-Verband (FA) hat das für Mittwoch geplante Freundschaftsspiel der Engländer gegen die Niederlande abgesagt. "Mit großem Bedauern" müsse die Partie im Londoner Wembley-Stadion abgesetzt werden, teilte die FA mit. Wegen der schweren Krawalle in London waren bereits in der Nacht zwei Spiele des englischen Ligapokals verschoben worden: Die Begegnungen des Premier-League-Absteigers West Ham United gegen Aldershot sowie das Duell des Drittligisten Charlton Athletic gegen den FC Reading sind abgesetzt.

Feuernächte in London und anderen Städten

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Bevor die Geschäfte abgefackelt werden, werden sie ausgeraubt (Plünderungen in Peckham im Süden Londons).

(Foto: REUTERS)

Jugendgangs und andere Gewalttäter hatten in der britischen Hauptstadt in der dritten Nacht in Folge Häuser und Autos angezündet. Die Krawalle hatten in der Nacht zum Sonntag im Londoner Problemviertel Tottenham - Heimat des Clubs Tottenham Hotspur - begonnen, haben sich inzwischen aber auf weitere Stadtteile ausgeweitet. Auch Bristol, Liverpool und Birmingham sind inzwischen betroffen. Scotland Yard beschrieb die Gewalt als die "Schlimmste in der jüngeren Geschichte".

Jugendliche Rowdies verwandelten in London ganze Einkaufsstraßen in Schlachtfelder. In der dritten Randale-Nacht in Folge traten vermummte Jugendliche Fensterscheiben ein, Gebäude standen in Flammen, die Straßen waren mit Flaschen, Steinen und Glasscherben übersät. Teilweise hatte die Londoner Feuerwehr nicht mehr genügend Einsatzfahrzeuge zur Verfügung, um die Brände zu löschen. Die Polizei setzte 1700 zusätzliche Beamte ein, um die Kontrolle über die Straßen wiederzugewinnen. "Zu wenig und zu spät", sagte ein ausgeraubter Geschäftsinhaber dem BBC zu den Polizeieinsätzen. "Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet", so ein Augenzeuge .

Berichte über Gewalt, Brände und Plünderungen kamen aus acht Stadtvierteln - von Ealing im Westen bis Hackney im Osten, von Croydon im Süden bis Camden im Norden. Im Stadtteil Croydon brannte ein ganzer Straßenzug, aus einem Möbellager schlugen meterhoch die Flammen. Polizei und Feuerwehr schienen völlig überfordert. Die Beamten hatten vor allem Probleme mit den Jugendlichen, weil sie sich als "kleine und mobile" Gruppen über Internet und Smartphones organisierten und schnell von einem Ort zum nächsten weiterzogen.

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Plünderer in Hackney im Norden Londons.

(Foto: dpa)

In Clapham stand ein Wohnhaus in Flammen, die Bewohner wurden zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert. In Ealing ging ein Lager des Elektronik-Riesen Sony in Flammen auf. Augenzeugen berichteten, dass sich zunächst Plünderer "bedient" hätten, ehe sie das Lager anzündeten. Ein nahe gelegenes Hotel musste evakuiert werden, rund 200 Gäste wurden in Sicherheit gebracht. Sony teilte mit, durch den Brand könne sich die Auslieferung von CDs und DVDs verzögern.

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen bot sich ein Bild der Verwüstung, etwa im sozial schwachen Ost-Londoner Viertel Woolwich. Plünderer machten sich mit ganzen Wagenladungen von Diebesgut davon. Schaufensterpuppen lagen auf den Straßen.

Cameron droht mit harter Bestrafung

Die Polizei nahm in der Hauptstadt mehr als 350 Menschen fest, weitere 100 in Birmingham. Es sei noch mit deutlich mehr Festnahmen zu rechnen, sagte Cameron nach der "Cobra"-Sitzung. Er drohte eine harte Bestrafung der Krawallmacher an. "Ihr werdet die Kraft des Gesetzes spüren", sagte er. Wer alt genug sei, Straftaten zu begehen, sei auch alt genug, bestraft zu werden. Auch Gruppen gewalttätiger Kinder zwischen 10 und 14 Jahren waren unterwegs. Vizepremierminister Nick Clegg sagte, die Randalierer seien "opportunistische Kriminelle".

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Ein aufgebrochener und ausgeraubter Safe im Croydon.

(Foto: AP)

Eine von vielen Experten geforderte Änderung der Polizeitaktik mit dem Einsatz von Wasserwerfern sowie eine Hilfestellung des Militärs sind offensichtlich nicht geplant. "Das ist nicht die Art, wie wir in Großbritannien Polizeiarbeit machen", sagte Innenministerin Theresa May.

Britische Versicherer rechneten mit Schäden in Höhe von mehreren Dutzend Millionen Pfund. Mit Birmingham war am Montag erstmals auch eine Stadt außerhalb Londons betroffen. Dort plünderten Vermummte Juwelierläden und Elektronik-Geschäfte. In der Nacht zum Dienstag setzten sie eine Polizeiwache in Brand. In den frühen Morgenstunden wurden auch aus Bristol Unruhen gemeldet.

Auch aus Liverpool kamen in der Nacht erste Berichte über chaotische Szenen, von der Polizei als "isolierte Ausbrüche von Unruhen" umschrieben. Augenzeugen berichteten laut PA, dass mehrere hundert Vermummte in den Straßen vorbeifahrende Autos stoppten, die Insassen zum Aussteigen zwangen und anschließend die Fahrzeuge in Brand setzten.

Hohe Arbeitslosigkeit in Krawall-Vierteln

"Wir haben keine Arbeit und kein Geld", begründete ein junger Mann im Londoner Stadtteil Hackney die Diebstähle. Während Politiker und die Polizei Kriminelle und Hooligans für die Unruhen verantwortlich machten, sprachen Soziologen und Anwohner von einem wachsenden Unmut in den häufig von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Vierteln.

Die britische Regierung versucht mit Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. "Einer der wichtigsten Treiber ist die Schere zwischen Arm und Reich. Hier geht es um die Ausgeschlossenen", sagte der Gesellschaftswissenschaftler Mike Hardy. Ein 39-Jähriger Elektriker aus Hackney sagte, die Einschnitte hätten "alles nur schlimmer gemacht. Das war erst der Anfang."

Cameron dürfte unter Druck geraten, mehr für die armen Viertel der Hauptstadt zu unternehmen. Bislang hat er Forderungen zurückgewiesen, beim Sparen auf die Bremse zu treten und etwa Hilfe für Jugendliche auszunehmen.

Quelle: n-tv.de, dpa/rts/AFP

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