Politik

Tsipras besucht Putin "Russland kann sich Kredite nicht leisten"

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Alexis Tsipras, Ministerpräsident Griechenlands, hat seinem Volk ein Ende des rigorosen Sparkurses versprochen.

(Foto: AP)

Griechenlands Ministerpräsident Tsipras verweist gern auf die historische und kulturelle Nähe seines Landes zu Russland. Der Osteuropa-Experte Theocharis Grigoriadis sagt: Auf milliardenschwere Hilfe aus Moskau könne Athen trotzdem nicht hoffen.

n-tv.de: Griechenland braucht zig Milliarden Euro - dringend. Die Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern stocken. Holt Ministerpräsident Alexis Tsipras sich das Geld jetzt in Moskau?

Theocharis Grigoriadis: Nein. Russland hat schon Hilfskredite für Zypern verweigert. Das Land wird dieses Risiko jetzt nicht für Griechenland eingehen.

Theocharis Grigoriadis

Theocharis Grigoriadis ist Professor am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Der Volkswirt studierte unter anderem an der Universität Athen und in Sankt-Petersburg.

Tsipras verweist gern auf die großen historischen und kulturellen Verbindungen zwischen Moskau und Athen …

Trotzdem nicht. Die Beziehungen zwischen Griechenland und Russland sind historisch stark. Das gilt allerdings vor allem für die Zeit vor dem frühen 20. Jahrhundert. Seit der Russischen Revolution sind die Beziehungen nicht mehr optimal. Nach der Entstehung der Russischen Föderation hat sich das nicht grundlegend geändert. Teilweise auch wegen Drucks der USA.

Selbst wenn es der Kreml wollte: Könnte er die Milliarden, die Griechenland braucht, derzeit überhaupt bereitstellen?

Die Sanktionen der EU treffen Russland. Die Zentralbank des Landes benutzt ihre Geldreserven derzeit, um die Binnennachfrage zu unterstützen und um die Inflation in Zaum zu halten. Andererseits ist der Aufbau der eurasischen Wirtschaftsunion wichtig für das Land. Ich glaube nicht, dass Russland es sich derzeit leisten könnte, Griechenland größere Hilfskredite zu stellen.

Trotzdem fährt Tsipras hin. Was will er erreichen?

Die Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern laufen schlecht, also setzt Tsipras auf die Populismuskarte. Er tut so, als wäre Russland eine Alternative, als könnte er Griechenland zum Teil eines anderen Blocks machen. Der Hauptgrund seiner Reise ist vor allem, sein innenpolitisches Profil zu schärfen.

Macht er so auch Eindruck auf die Geldgeber Griechenlands? Werden sie ihre Verhandlungsposition ändern?

Nein. Die Gläubiger wissen, dass Tsipras nicht mit viel Gewinn von dieser Reise zurückkehren wird.

Was kann er in Moskau erreichen?

Tsipras wird mit einem Deal für die derzeit verbotenen griechischen Agrarexporte nach Russland nach Hause kommen. Damit kann er seine Popularität in den landwirtschaftlich geprägten Regionen Griechenlands stärken. Und er wird wohl eine Absichtserklärung unterschreiben, sich an der Pipeline Turkish-Stream zu beteiligen, die russisches Gas über die Türkei und dann über Griechenland in die EU bringen könnte. Vielleicht sprechen Tsipras und Russlands Präsident Wladimir Putin auch über kleinere Kredite im Fall eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone. Aber das ist reine Spekulation.

Was verspricht sich Russland von den Verhandlungen?

Russland braucht natürlich die offene Unterstützung eines EU-Mitglieds, um sein internationale Ansehen in der Welt wieder zu stärken. Abgesehen davon hat Moskau vor allem zwei Interessen. Erstens will der Kreml die bisher wenig erfolgreichen Geschäfte Gazproms in Griechenland verbessern. Zweitens will es die Stellung der russischen Bahn in Griechenland ausbauen. Es gab bereits Versuche, bei der Privatisierung der griechischen Bahn Anteile zu kaufen. Nur bei entsprechenden Investitionsverträgen wäre es überhaupt denkbar, dass Russland Griechenland größere Hilfskredite stellen würde.

Einige Europaabgeordnete befürchten, dass Tsipras zu einem "Trojanischen Pferd" Putins werden könnte?

Tsipras ist kein Politiker mit internationaler Erfahrung. Er kennt nur das politische Spiel in Griechenland. Da er in Europa mit seiner Politik derzeit nicht besonders gut ankommt, sucht er nach Verbündeten - in China, in den USA und auch in Russland. Eine versteckte Ideologie steckt dahinter aber nicht. Dass Griechenland zum Satelliten Moskaus wird, halte ich daher für unwahrscheinlich. Tsipras würde Griechenland gern zu seinen Bedingungen in der Eurozone halten. Geht das nicht, hofft er auf die Hilfe von Staaten wie Russland. Im Kern geht es Tsipras nur um eines: Er will an der Macht bleiben.

Mit Theocharis Grigoriadis sprach Issio Ehrich.

Quelle: ntv.de

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