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Wieduwilts Woche Schrecklicher Verdacht: Ist Elon Musk ein Idiot?

Elon Musk auf dem Weg zu Heidi Klums Halloween-Party. Rechts im Bild: Musks Mutter.

Elon Musk auf dem Weg zu Heidi Klums Halloween-Party. Rechts im Bild: Musks Mutter.

(Foto: AP)

Twitter versinkt im Chaos: Fälschungen und Hass sprudeln aus der liebenswerten, wichtigen Plattform. Der Milliardär hat sich verzockt - und ein digitaler Raum zerfällt.

Manch ein kleiner Junge in den Achtzigern hatte ein Poster an der Wand kleben, das bei den Eltern für das eine oder andere verhuschte Gespräch gesorgt haben dürfte: David Hasselhoff als Michael Knight: Ein brusthaariger Mann in Lederjacke und weit geöffnetem Hemd, stets ein Tickchen zu geschürzte Lippen, den stechenden Blick ins Kinderzimmer gerichtet. Aber so ist das bisweilen mit maskulinen Vorbildern an der Pubertätsschwelle. He-Man kann mit seinem Hintern vermutlich Kokosnüsse knacken, ist Ihnen das einmal aufgefallen?

Wie auch immer, auch die reale Gegenwart hat einen muskulinen Helden: Er heißt Elon, hat gerade Twitter gekauft und ruiniert, kann sich aber auf eines verlassen wie der Knight Rider: Teenager und junge Männer, die ihm noch den absurdesten Fehlgriff als Heldentat abnehmen und jeden auf der Stelle auf dem Schulhof verprügeln würden, der auch nur zarte Kritik am Vorbild zu üben wagt.

Musk hat sich seine männliche Unantastbarkeit hart erarbeitet: Er baut Autos und Raketen, hat Cameo-Auftritte bei "Iron Man" und "Rick & Morty". An Halloween nutzt er die Gelegenheit, sich so zu verkleiden, wie jeder Neunjährige gern täglich zur Schule ginge: in einem feurig-roten Schutzpanzer im Wert von 7500 US-Dollar. Wen interessieren da noch Brusthaare und Muskelberge?

"Ich vermisse das Töten von Irakern"

Der Milliardär ist der Prototyp des lauten weißen Mannes: Hält sich für witzig (ist es aber nicht), hält sich für genial (ist es mit Sicherheit) und tritt kräftig nach unten, wenn er es kann (kürzlich soll er die noch ungefeuerte Belegschaft binnen einer Stunde zum Appell gerufen haben und kam dann selbst 15 Minuten zu spät - man kennt solche Herren).

Das Problem ist nun diese Sache mit Twitter. Musk hat verkündet, das Unternehmen könnte bald pleitegehen. Das scheint durchaus nicht abwegig: Seitdem der Milliardär für eine billige Pointe mit einem Waschbecken in der Zentrale einmarschierte, erblühte die Zahl der Hassnachrichten, explodierte der Spam und flohen die Werbekunden.

Twitter, einst hochgeschätzte Quelle für ultraschnelle Nachrichten (etwa die Notlandung im Hudson-River), mutierte binnen einer einzigen Woche zum Fiebertraum: Verifizierungshaken, mit dem sich Identitätsdiebstähle halbwegs verhindern ließen, sind inzwischen derart vermurkst, dass ein verifizierter George W. Bush "ich vermisse das Töten von Irakis" posten konnte. Und ein verifizierter Tony Blair "ich auch, um ehrlich zu sein" antwortete. "KITT, hol’ mich hier raus!" möchte man in die Uhr rufen.

Musk hat keine Ahnung von Kommunikation

Das Desaster überrascht nicht: Mittlerweile hat Musk einen Großteil der Belegschaft rausgeworfen, viele davon waren für Bekämpfung von Desinformation und Hassrede zuständig - der UN-Menschenrechtskommissar schrieb Musk einen warnenden Brief. "The Verge" wollte dem Unternehmen kürzlich eine Presseanfrage stellen und stellte dann lakonisch fest: "Twitter hat keine Kommunikationsabteilung mehr."

Es ist ein Drama: Twitter ist einer der kreativsten Orte im Internet. Ein Debattenvorfeld, Humus für Revolutionen, Schrecken autoritärer Regime, ein Nachrichtendienst und zugleich ein Testgelände für literarische Miniaturen und groteske Albernheit, alles in einem handlichen 280-Zeichen-pro-Beitrag-Paket. Wundervoll.

Musk, der Alleskönner, der Supermacher, der Knight Rider der 2020er, musste die Plattform am Ende aus Rechtsgründen kaufen, obwohl er keine Ahnung von Kommunikation hat. Von Letzterem zeugen auch seine bizarren Ausfälle, etwa an der Seite des kommunikativ ähnlich begabten Armin Laschet, als Musk lauthals über Bedenken von Umweltaktivisten lachte.

Twitter ist alternativlos

Kommunikation ist keine Raketenwissenschaft - und leider funktioniert ein globales menschliches Netz anders als Elons Raumfahrtunternehmen SpaceX oder der Autobauer Tesla. Musk an der Spitze von Twitter, das ist, als hätte Ironman eine Kita für 400 Millionen Gören übernommen, sämtliche Pädagogen vor die Tür gesetzt und allen Kindern Red Bull und Scheren in die Hand gedrückt.

Die Einwohner dieses wunderbaren Ortes haben wenig Alternativen: Da ist das BWL-Spinner-Höllenloch Linkedin, eine Akademie für Heuchelei, Stammtischpolitik und Visionärsgetue. Wer hier wortreich lobt, protzt und Banalitäten im Gewand psychischer Einsichten verkauft, hat früher oder später Tausende Follower, von denen der eine oder andere mit etwas Glück kein "Coach" oder Cryptowahnsinniger ist.

Oder eben "Mastodon", eine selbstzubastelnde dezentrale Twitter-Alternative. Wer auch gern im Freundeskreis dafür wirbt, wie "wirklich ganz einfach" sich Linux auf dem eigenen Toaster installieren ließe und welche Vorteile das hätte, wird hier vermutlich glücklich. Mastodon-Erfinder Eugen Rochko sagte kürzlich der Zeitschrift "Time", dass er intolerante Rede (und "Hassrede", was immer das genau sein mag) nicht toleriere.

Mastodon: Gummizelle für Schnellbeleidigte

Wer die zugehörige App öffnet, sieht sofort, wo die Reise hingeht: Mammute in Pastelltönen tollen durch eine Gummizelle für Schnellbeleidigte, ein Twitter für Teletubbies. Auf jedem der Server regieren eigene Regeln, es gibt welche für die Grünen, einen "für die lebenswerte Stadt Wien", einen "Gemeinschaftsraum für Medienmenschen" aber, klar, auch für Rechte und Extreme.

Jedem sein Vereinchen, die Öffentlichkeit zerbricht. Der eine Teil bejubelt Musks Werben für die Meinungsfreiheit als Beitrag gegen "die Woken", der andere Teil bestreitet, dass es so etwas wie Polemik überhaupt braucht - "Hass ist keine Meinung" und ähnlich dumme Slogans werden wieder aufgetaut. Karl Poppers Intoleranz-Paradoxon wird lustvoll missverstanden als allgemeines Zärtlichkeitsgebot.

Dabei toleriert unsere Verfassung in Grenzen auch die Demokratiefeindlichkeit. Polemik und abwertende Aussagen sind im Eifer des Streits geschützt, wie gerade ein Gericht im Zusammenhang mit der umstrittenen Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht festhielt. Doch das Twitter-Chaos beflügelt die Linken: Der Staat soll möglichst durchgreifen, die Jusos wollen Twitter enteignen, ARD und ZDF sollen ein soziales Netzwerk bauen und so weiter: Fasst Euch an den Händen, verdammt noch einmal.

Der Ideenraum verödet

Das Ideal des harten Streits innerhalb einer Gemeinschaft geht verloren. Die digitale Öffentlichkeit fühlt sich an, als wären die Midterms nicht in Amerika, sondern hier. Von Filterblasen im Netz ist seit Jahren die Rede, ohne, dass es dafür stichfeste Belege gäbe. Jetzt zerfällt vielleicht tatsächlich ein digitaler Raum in Blasen. Haben Linke und Konservative sich früher unter Twitters Dach die Köpfe eingeschlagen, werden sie sich künftig womöglich gar nicht mehr begegnen. Der Ideenraum Twitter verödet.

Also mehr Mauern statt weniger? Ich wünschte mir einen anderen Eigentümer für Twitter, einen, der wirklich Mauern einreißt. "I've been looking for freedom!" Denn eines steht fest: Dieses Chaos wäre unter David Hasselhoffs stechendem Blick nicht passiert.

Quelle: ntv.de

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