Politik

Kloeppel über Genscher "Sein Bestreben galt der Wiedervereinigung"

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30. September 1989: Außenminister Hans-Dietrich Genscher (Mitte) in der westdeutschen Botschaft in Prag.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Als Frau des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher erlebte Barbara Genscher die Wende hautnah. RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel konnte mit ihr sprechen - und hat einen Podcast produziert: über sie und ihren Mann, über "Genschman" und den bewegten Herbst 1989.

n-tv: Peter Kloeppel, von Ihnen erscheint ab dem 7. November ein Podcast mit dem Titel "Kloeppel trifft Genscher". Was hat es damit auf sich?

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Kloeppel im Gespräch mit Barbara Genscher in der großen Bibliothek ihres Hauses.

Peter Kloeppel: Hans-Dietrich Genscher ist im März 2016 gestorben, vor ziemlich genau zehn Jahren hat eine Kollegin von uns ein Interview mit ihm geführt. Anlass waren die bewegenden Ereignisse in der Prager Botschaft im Sommer und Herbst 1989, als Tausende DDR-Bürger dort Zuflucht suchten in der Hoffnung, in die Bundesrepublik ausreisen zu dürfen. Mit diesem Interview im Gepäck bin ich vor ein paar Wochen zu Barbara Genscher gefahren.

Und Sie war bereit, mit Ihnen zu sprechen?

Ja, darüber haben wir uns sehr gefreut. Sie lebt auch nach dem Tod ihres Mannes weiterhin in dem gemeinsamen Haus in der Nähe von Bonn. Mit ihr habe ich dieses Interview angehört und sie zu ihren persönlichen Erinnerungen an das Jahr 1989 befragt. Und so haben wir aus dem Gespräch von damals, Frau Genschers Eindrücken heute und meinen eigenen Erinnerungen an diese Zeit vor nunmehr 30 Jahren einen dreiteiligen Podcast erstellt.

Ein großer Sprung zurück in der Geschichte …

Ja, und das Haus der Genschers ist auch ein beeindruckendes Stück deutscher Geschichte. Hier waren Außenminister aller Herren Länder zu Gast, es beherbergt Tausende Bücher, viele persönliche Erinnerungsstücke, Fotos, und Dutzende Karikaturen - Hans-Dietrich Genscher konnte auch gut über sich selber lachen.

n-tv: Haben Sie 1989 schon für RTL gearbeitet?

Peter Kloeppel: Ja, ich war Bonner Korrespondent für RTLplus, wie RTL damals hieß, und dadurch sehr nah dran an den maßgeblichen Politikern dieser Zeit. Und ich war auch bei einigen der historischen Schlüsselmomente dabei, die schlussendlich zur Wiedervereinigung geführt haben.

Gerade jüngere Menschen können mit dem Namen Hans-Dietrich Genscher nicht mehr allzu viel anfangen. Welche Rolle spielte er in der Politik damals?

Man muss sich das vor Augen halten: Von 1969 bis 1992 war er durchgängig Bundesminister, also 23 Jahre lang. Erst Innenminister, dann ab 1974 Außenminister. Er war Fixpunkt und einer der prägendsten Köpfe der Bonner Republik. So lange hält man sich nur mit viel Energie, politischem Fingerspitzengefühl und der Fähigkeit, in kritischen Momenten haltbare Allianzen zu schmieden. Dazu gehört auch, dass er 1982 sich mit der FDP aus der Koalition mit der SPD verabschiedete und stattdessen mit Helmut Kohls CDU/CSU-Fraktion ein Bündnis einging. Macht war ihm schon wichtig.

Wie haben Sie selber ihn erlebt?

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Sichtlich amüsiert setzt sich Genscher im Herbst 1989 eine "Genschman"-Maske auf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wir nannten ihn gerne "Genschman". Die Satirezeitschrift Titanic hatte ihm Ende der 1980er-Jahre diesen Superhelden-Ehrentitel verliehen. Von einer Superhelden-Physis - und da tritt man ihm nicht zu nahe - war er zwar etwas entfernt. Aber Genscher war immer unterwegs, immer waren irgendwelche international aufflackernden Feuer auszutreten, und davon gab es während des Kalten Krieges mit der ständigen atomaren Aufrüstung eine Menge.

Und es gab diesen Witz: Treffen sich zwei Flugzeuge über dem Atlantik, …

…und in beiden sitzt Hans Dietrich Genscher. Ja, so haben wir es oft empfunden.

Wie erklärt denn Barbara Genscher dieses politische Gen ihres verstorbenen Mannes?

Viel hat auch mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. Er wurde 1927 in Halle an der Saale geboren, musste als junger Mann in den Krieg, war danach schwer lungenkrank, studierte Jura in Halle und Leipzig, sah für sich aber in der DDR keine Zukunft. So siedelte er nach Westdeutschland über und landete bald in der Politik. Für ihn blieb Halle aber immer seine Heimat, und sein Bestreben galt immer auch der Wiedervereinigung Deutschlands. Dass es ihm trotz seiner gesundheitlichen Probleme vergönnt war, politisch etwas gestalten zu können, auch ein Repräsentant Deutschlands zu sein, hat ihn zusätzlich angetrieben.

Wie hat seine Frau denn diese anstrengende Reise-Diplomatie empfunden?

Peter Kloeppel: Sie hat ihn oft auf Auslandsreisen begleitet, und ganz besonders im Sommer 1989 war es ihr wichtig, in seiner Nähe zu sein. Denn Genscher erlitt Ende Juli einen Herzinfarkt, wurde operiert, und die Ärzte fanden es alles andere als lustig, dass er trotzdem so schnell wie möglich wieder arbeiten wollte. Aber die Ausreisewelle aus der DDR war in vollem Gange, und er wollte seine Kontakte vor allem zu Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion, aber natürlich auch den Westalliierten nutzen, um eine Lösung für diese humanitäre und politische Krise zu finden.

Welche Rolle spielte er dann bei der Prager Botschaftsöffnung und dem Fall der Mauer im Herbst 1989?

Eine immens wichtige, denn vor und bei der UN-Vollversammlung in New York Ende September 89 traf er sich im Stundentakt mit den Außenministern der gerade erwähnten Staaten und holte sich die Zusicherungen, die eine Ausreise der über 4.000 in der Prager Botschaft festsitzenden DDR-Bürger möglich machten. Vor allem sein guter persönlicher Kontakt zum damaligen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse öffnete die Tür für eine politische Lösung - denn dessen Wort hatte bei der DDR-Regierung ein großes Gewicht. Und letztendlich war die Prager Lösung ein Vorbote für die Öffnung der Mauer am 9. November 1989. In den Tagen danach verließen weiter täglich Tausende DDR-Bürger ihre Heimat, darauf musste die DDR-Führung reagieren, und hat es mit der neuen Reiseregelung auch gezwungenermaßen getan.

Ist Barbara Genscher dann mit ihm nach Prag gereist?

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Historischer Moment: Genscher, unter dem Fensterkreuz rechts, in Prag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nein, sie hörte diese historischen Worte "Wir sind zu ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…" - der Rest ging ja im Jubel unter - auch erst etwas später zu Hause am Fernsehapparat.

War ihm selber die historische Bedeutung dieses Abends bewusst?

Peter Kloeppel: Er hat natürlich gewusst, dass dort in Prag etwas Außergewöhnliches geschah - aber die ganze Tragweite ist ihm auch erst Wochen später bewusst geworden, als die friedliche Revolution in der DDR die Mauer endgültig zum Einsturz brachte.

Wo kann man den Podcast hören?

Einfach auf die Seite von Audio Now gehen, dort sind die drei Teile am 7., 8. und 9. November ab 6 Uhr abrufbar.

Quelle: n-tv.de

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