Politik

Türkei, Südkorea und Japan Sind diese Staaten bald Atommächte?

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Nach der Explosion einer französischen Atombombe 1971 schwebt dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Iran arbeitet als aktuell zehnter Staat an einer Atombombe. Ist er erfolgreich, könnten andere Staaten in der Region nachziehen. Doch nicht nur im Nahen, auch im Fernen Osten gewinnen solche Debatten an Fahrt. Wie konkret ist die Gefahr?

Um die Atomwaffen-Abrüstung ist es derzeit nicht gut bestellt. Einen Abrüstungsvertrag hat Ex-US-Präsident Donald Trump aufgekündigt, den letzten hat sein Nachfolger Joe Biden mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kurz vor Ablauf gerade noch verlängert. Gleichzeitig geben die USA, Russland, aber auch China, Indien und Pakistan viel Geld für die teure Modernisierung ihrer Arsenale aus. Russland hat möglicherweise schon neue Kernwaffen getestet. Die Vereinigten Staaten wollen 100 Milliarden Dollar in eine ganz neue Atomrakete investieren.

Die Zeichen sind klar und sie deuten nicht auf eine atomwaffenfreie Welt. Der Iran arbeitet als aktuell zehnter Staat weiter auf eigene Kernwaffen hin, und das verleitet andere Regierungen, ebenfalls laut darüber nachzudenken. Moritz Kütt vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg würde vor allem die Türkei im Auge behalten. "Ich hoffe, dass es nicht passiert", sagt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Aber die Türkei wäre im Moment mein erster Tipp."

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht keinen Hehl daraus, dass er sehr an Atomwaffen interessiert ist. Es sei inakzeptabel, dass manche Länder über Atomraketen verfügten, die Türkei aber nicht, hat er im September 2019 bei einem Wirtschaftsgipfel gesagt.

Viele Geschäfte mit vielen Kernwaffenstaaten

Die Gründe für diesen Wunsch sind vielfältig. Die Türkei sei von vielen potenziellen Konfliktherden umgeben, sagt Kernwaffen-Experte Kütt. Syrien liegt vor der Haustür, Saudi-Arabien ist nicht weit entfernt, der Iran, dem ebenfalls Ambitionen auf Atomwaffen nachgesagt werden, auch nicht. Aber auch mit Griechenland und der Nato knistert es. Eine Kernwaffe würde nicht nur das Sicherheitsbefinden in Ankara beruhigen, sondern auch das Ego stärken. Denn Atombomben garantieren einen Platz in der ersten Reihe der Geopolitik. Eine Vorstellung, die Erdogan gefallen dürfte.

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Moritz Kuett arbeitet im Forschungsbereich "Rüstungskontrolle und Neue Technologien" des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

(Foto: IFSH)

Auf eine Lieferung amerikanischer Atomwaffen darf der türkische Präsident allerdings nicht hoffen. Sein Land habe sowohl Donald Trump als auch dessen Amtsvorgänger Barack Obama um intelligente Bomben gebeten, hat Erdogan 2019 in seiner Rede erzählt. In beiden Fällen hätten die US-Präsidenten abgelehnt. Darum werde die Türkei die Bombe nun "selbst bauen", sagte er damals. Dieser Plan wird womöglich bereits in die Tat umgesetzt: Das Land will 2023 sein erstes Kernkraftwerk in Betrieb nehmen. "Zivile Kernenergie ist oft der erste Schritt zum Kernwaffenprogramm", erklärt Kütt.

Die Mitstreiter für ein solches Programm gäbe es auch ohne die USA zahlreich, die türkische Regierung knüpft derzeit allerhand Kontakte mit allerhand Kernwaffenstaaten. "Ihre Raketen kauft die Türkei in den USA, aber auch in China ein", sagt Kütt. Kurz vor Weihnachten habe es ein hochrangiges Treffen mit pakistanischen Militärs gegeben. Der Kernreaktor werde von Russland gebaut. Noch beschränken sich die Pläne in der Türkei allerdings auf die sehr deutlichen Aussagen des türkischen Präsidenten.

Entwicklung in drei Jahren - ohne Computer

"Technisch gesehen ist das Land sehr weit von einem Kernwaffenprogramm entfernt", sagt Experte Kütt. "Dafür braucht man spaltbare Materialien wie Plutonium oder hoch angereichertes Uran. Beide Materialien müssen in einer Uran-Anreicherungsanlage oder in Wiederaufarbeitungsanlagen produziert werden, sie kommen in der Natur nicht vor." Die Türkei habe bisher keine Anlagen und keine Pläne geäußert, solche Anlagen zu bauen, ergänzt der Physiker. "Letzten Endes muss man aber auch sagen: Die erste Kernwaffe wurde in drei Jahren in einer Zeit entwickelt, zu der es noch nicht mal einen Computer gab."

Ein Zeitplan, der auch anderen Länder Hoffnung machen dürfte. Denn wenn sich Ankara vom Iran bedroht fühlt, trifft das auf den Erzfeind von Teheran erst recht zu: Saudi-Arabien setzt wie so viele andere Staaten in Zukunft auf Kernenergie. Bis 2038 will Kronprinz Mohammed bin Salman mindestens 16 Kernkraftwerke bauen lassen. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung ist schwimmend.

Der Nahe Osten ist nicht die einzige Region mit Bedrohungspotenzial, auch der Ferne Osten hält Atomwaffen-Kandidaten bereit. Der britische "Economist" wirft mit Südkorea und Japan zwei in den Raum, die in solchen Diskussionen selten eine Rolle spielen.

Schutzversprechen der USA

Gerade die Nennung von Japan überrascht. Das Land der aufgehenden Sonne hat am Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute als einziges erfahren, welche Spuren ein Atombombenangriff hinterlässt. Daraufhin hat sich Japan dem Pazifismus verschrieben und beschlossen, nie selbst Kernwaffen zu besitzen, geschweige denn einsetzen zu wollen. Wie Südkorea muss aber auch Japan geopolitische Realitäten anerkennen: Mit China gibt es noch immer ungelöste Grenzkonflikte. Mit Nordkorea wartet vor der Haustür seit wenigen Jahren eine weitere Atommacht, die immer selbstbewusster wird.

Das Argument des "Economist" ist nicht von der Hand zu weisen. Die USA sind die Schutzmacht von Südkorea und Japan. Greift der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un Seoul oder Tokio mit einer Atomwaffe an, feuern die USA auf Pjöngjang zurück. In den vergangenen Jahren hat dieses Versprechen an Gewicht verloren, denn Nordkorea kann mit seinen Raketen mutmaßlich auch die US-Westküste erreichen. Feuern die USA auch dann zurück, wenn ein Gegenschlag auf San Francisco oder Los Angeles droht? Diese Frage stellen sich Politik und Gesellschaft in Südkorea und Japan immer häufiger. Anders als die Türkei ist auch der Grundstein für die Kernwaffenentwicklung mit den großen zivilen Atomprogrammen bereits gelegt. "Das ist das Problem", sagt Physiker Kütt. "Die Technologie ist exakt die gleiche."

Diskussion plötzlich öffentlich

Die japanische Zivilgesellschaft setzt sich nach wie vor gegen Atomwaffen und für den neuen Verbotsvertrag ein. Der wird von den Atommächten sowie von mehreren Nato-Staaten wie Deutschland allerdings boykottiert. Auch die japanische Regierung hat ihn nicht unterzeichnet, denn 2017 haben zwei nordkoreanische Raketen bei Testflügen japanisches Gebiet überquert. Das ändert die Perspektive. Früher wurde das Thema nur in sehr kleinen und konservativen Kreisen angesprochen, 75 Jahre nach dem Angriff auf Hiroshima und Nagasaki findet die Diskussion öffentlich statt.

Gleichzeitig bleibt das Szenario für eine Bewaffnung von Südkorea und Japan, das Kernwaffen-Experten beschreiben, ein sehr unwahrscheinliches. Es sieht so aus, als würden die südkoreanischen Sorgen vor Nordkorea so groß werden, dass Seoul offiziell aus dem Atomwaffen-Sperrvertrag austritt und eine eigene Atombombe entwickelt. Alternativ könnte es auch zur Wiedervereinigung mit dem Norden und zur Übernahme des vorhandenen Arsenals kommen. In diesem Fall würde sich mutmaßlich auch Japan vom Pazifismus verabschieden und die mächtigste Waffe der Welt entwickeln.

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Sind geimpfte Menschen noch infektiös? Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum müssen manche Berufspiloten Geld für ihren Job zahlen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de

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