Politik

"Vor den Kopf gestoßen"So treibt Trump Kanada in die Arme der EU

01.08.2026, 10:43 Uhr verstlInterview: Lea Verstl
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Trump brüskiert Carney mit Drohungen und Zöllen - der schaut sich deshalb nach neuen Partnern um. (Foto: picture alliance / PA Images)

Große Bodenschätze, demokratische Werte und eine starke Wirtschaft - Kanada ist ein interessanter Partner für die EU. Ottawa und Brüssel wollen enger zusammenarbeiten. Schließlich müssten beide der erpresserischen Politik von US-Präsident Donald Trump standhalten, sagt SWP-Experte Johannes Thimm.

ntv.de: In US-Serien wie "South Park" oder "How I Met Your Mother" wimmelt es von Running Gags über Kanada. Es entsteht oft der Eindruck, US-Amerikaner würden ihre nördlichen Nachbarn nicht ganz ernst nehmen. Ist das so?

Johannes Thimm: Die USA sind deutlich größer als Kanada. In einem asymmetrischen Verhältnis ist es so: Bewohner kleinerer Länder - wie Kanada - wissen deutlich mehr über größere Nachbarn - wie die USA - als umgekehrt. Die Abgrenzung findet jedoch in beiden Richtungen statt. Einige Touristen aus Kanada reisen mit einer großen kanadischen Flagge am Rucksack durch die Welt, weil sie eben nicht für US-Amerikaner gehalten werden wollen. Diese Art von Abgrenzung hat eine lange Tradition und ist besonders intensiv, wenn unbeliebte Präsidenten in den USA an der Macht sind. Das war unter George W. Bush so und kommt unter Donald Trump wieder.

Die Kanadier pochen also darauf, anders als die US-Amerikaner zu sein?

Ja, denn sie sind in vielerlei Hinsicht anders. Sie sprechen zwar zum Teil die gleiche Sprache und leben auf dem gleichen Kontinent. Auch kulturell gibt es große Ähnlichkeiten. Politisch ist Kanada aber in einigen Aspekten deutlich näher an Europa, was zum Beispiel die Krankenversicherung angeht. Wie in europäischen Ländern haben alle Kanadier eine Krankenversicherung. Das ist in den USA nicht so, Sozialleistungen sind dort generell anders geregelt.

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Johannes Thimm leitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Forschungsgruppe Amerika. Die Stiftung berät den Bundestag und die Bundesregierung bei der Außen- und Sicherheitspolitik.

Der Zollstreit treibt einen Keil zwischen die USA und Kanada. US-Präsident Donald Trump verhängt immer neue Zölle. Zuletzt ging es um eine Abgabe von 50 Prozent auf viele verschiedene Waren - etwa Hockeyschläger, Wein und Zement. Wie stark belastet der Handelskonflikt das Verhältnis der beiden Länder?

Eigentlich ist die Zusammenarbeit zwischen den USA und Kanada eng, sowohl im Sicherheits- und Verteidigungsbereich als auch beim Handel. Wenn man ein paar Jahre zurückgeht, war die Grenze zwischen den USA und Kanada praktisch offen, auch für Lieferketten diverser Waren. Vor dem Zollstreit passierten Teile für die Herstellung von Produkten wie Autos mehrfach die Grenze. Wenn dann jedes Mal Zoll fällig wird, dann bringt das alles durcheinander. Kanada hat die USA - wie auch Europa - schon immer als Freund und Partner gesehen. Trump stieß die kanadische Regierung vor den Kopf, als er anfing, das Land wie einen Rivalen oder sogar wie einen Gegner zu behandeln.

Wie sehr leidet die kanadische Wirtschaft unter den Zöllen?

Die erste Marge von US-Zöllen betraf Öl, Gas und Holzprodukte aus Kanada. Das hat die kanadische Wirtschaft empfindlich getroffen, viele Jobs sind verloren gegangen. Denn die USA sind Kanadas größter Handelspartner. Fast drei Viertel der kanadischen Exporte gehen in die USA und die Hälfte der kanadischen Importe kommt von dort. Die Vereinigten Staaten sind ein größerer Markt mit einer Bevölkerung von 350 Millionen Einwohnern, während Kanada nur knapp 40 Millionen Einwohner hat. Hinzu kommt: Das Bruttoinlandsprodukt der USA ist zwölfmal so groß wie das Kanadas. Das heißt: Kanada ist abhängiger von den Vereinigten Staaten als umgekehrt. Die USA sitzen also am längeren Hebel.

Der kanadische Premierminister Mark Carney fordert, die Mittelmächte weltweit sollten sich gegen Trump zusammentun. Kann Kanada denn in diesem Zollstreit etwas ausrichten, zumindest gemeinsam mit der EU?

Trump setzt ehemalige Partner gnadenlos unter Druck. Eine Gegenstrategie von Kanada ist, sich neue Partner zu suchen. Da liegt Europa nahe, weil die europäischen Staaten und Kanada in vielerlei Hinsicht ähnlich ticken. Man kann sie als gleichgesinnt bezeichnen, aber Carney beschränkt sich nicht auf solche gleichgesinnten Partner. Er erschließt auch neue Geschäftsbeziehungen mit China. Er hat etwa den kanadischen Markt für Chinas Elektroautos geöffnet. Im Gegenzug erhofft er sich Exportmöglichkeiten für kanadische Unternehmen nach China.

Kanada verfügt über riesige Öl- und Gasvorkommen. Zudem finden sich dort 24 der 34 Rohstoffe, die von Brüssel als kritisch eingestuft werden. Kauft die EU dort bereits kräftig ein?

Unter den immensen Vorkommen Kanadas finden sich viele als strategisch eingestufte Rohstoffe. Möglicherweise sind auch in signifikantem Umfang seltene Erde dabei. Die meisten Partnerschaften zur Exploration und Förderung dieser Rohstoffe schloss Kanada bislang mit den USA einerseits und mit China andererseits. Europa hat die Entwicklung ein bisschen verschlafen und war bislang nicht so aktiv. Mittlerweile werden jedoch auch kanadisch-europäische Kooperationen erwogen. Es wird teuer, diese Rohstoffvorkommen zu erschließen. In einigen Fällen muss vorher noch geklärt werden, was es in welchen Mengen wo genau gibt. Für all das sind große Investitionen nötig und das kann Kanada kaum alleine stemmen.

Von welchen Ressourcen könnte die EU besonders profitieren?

Kanada ist ein wichtiger Exporteur von Öl und Gas. Für Europa könnte das eine Chance bieten. Einerseits ist der Nahe Osten durch den Krieg im Iran als Öl- und Gaslieferant deutlich weniger verlässlich geworden. Andererseits will man sich nicht mehr auf die USA verlassen. Die europäischen Staaten haben bislang das Wegfallen der russischen Gaslieferungen wegen des Kriegs in der Ukraine vor allem ausgeglichen, indem sie verstärkt amerikanisches Flüssiggas importiert und gekauft haben. Künftig will sich Europa unabhängiger von den USA machen. Kooperationen mit Kanada bieten sich deshalb an. Auf der anderen Seite profitiert Kanada in der EU von einem großen Exportmarkt mit 500 Millionen Einwohnern, der dringenden Bedarf an Energie hat.

Welche Vorteile könnte die Zusammenarbeit bei der Förderung seltener Erden haben?

Hier geht es um strategische Vorteile gegenüber China, das 90 Prozent des Handels mit bestimmten seltenen Erden kontrolliert. Peking nutzt das, um Druck aufzubauen. Lieferungen seltener Erden, sowohl nach Europa als auch in die USA, hat China schon mal zwischenzeitlich ausgesetzt. In Europa werden diese Rohstoffe jedoch bitter benötigt für die heimischen Industrien, vor allem für Zukunftstechnologien wie Computerchips oder Batterien. Kanada bietet bei den seltenen Erden Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit, die relativ umweltfreundlich ist. Das Fördern von kritischen Rohstoffen in China ist bislang ein umweltschädlicher Prozess. Länder wie Kanada könnten den Prozess ethischer machen, unter besseren Umweltauflagen und Menschenrechtsbedingungen.

Trump hat Kanada als 51. Bundesstaat bezeichnet - und schwelgt damit in ähnlichen Annexionsfantasien wie gegenüber Grönland. Wie ernst sollten die Kanadier das nehmen?

Ich halte es nicht für realistisch, dass es zu einer Art Anschluss kommt. Das machen die Kanadier nicht mit. So weit wird auch Trump nicht gehen, denn Kanada ist ein wichtiger Nato-Partner der USA. Dennoch gibt es eine besorgniserregende Entwicklung in Alberta, einer westlichen Provinz Kanadas, die konservativer geprägt ist als der Rest des Landes und große Öl- und Gasvorkommen hat. In Alberta gibt es politische Bestrebungen, unabhängig von Kanada zu werden. Diese Bestrebungen werden von Trumps Umfeld, insbesondere der MAGA-Bewegung, unterstützt. Das ist ein Angriff auf die kanadische Souveränität. Das ist nicht hinnehmbar und zeigt, dass Trumps Aussagen über den 51. Bundesstaat nicht nur Gerede sind, sondern dass es politische Initiativen in diese Richtung gibt.

Kanada und die EU arbeiten auch bei der gemeinsamen Verteidigung verstärkt zusammen. Welche Entwicklungen sehen Sie in dem Bereich?

Kanada ist schon lange eine Stütze der europäischen Sicherheit. Die Kanadier haben sich zum Beispiel in den 90er Jahren an der Stabilisierungsmission im Kosovo beteiligt. Jetzt unterstützen sie die Ukraine. Außerdem fungieren sie bei den Nato-Truppen in Lettland als sogenannte lead nation. Kanada hat wie die europäischen Länder in der Vergangenheit selbst relativ wenig für Verteidigung ausgegeben - und sich zu stark auf die USA verlassen.

Und da setzt ein Umdenken ein, wie in Europa?

Wie die Europäer fangen auch die Kanadier jetzt an, ihren Verteidigungsetat und ihren Rüstungssektor unabhängiger von den USA zu machen. Ein großer Schritt war Kanadas Ankündigung, jetzt U-Boote von einem deutsch-norwegischen Konsortium zu beziehen. Außerdem hat die EU Kanada in ihr neues SAFE-Programm für die Finanzierung von Rüstungsprojekten aufgenommen. Kanadische Unternehmen erhalten dadurch Zugang zu europäischen Rüstungsaufträgen und Krediten. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme. Normalerweise sind die Kredite aus diesem Programm den EU-Mitgliedstaaten für gemeinsame Rüstungsprojekte vorenthalten.

Der kanadische Premierminister Mark Carney sagte, dass die Macht der weniger Mächtigen mit Ehrlichkeit beginnt" und aus dieser Zäsur "etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres" entstehen kann. Für die klaren Worte wurde er von der EU gefeiert. Woher kommt Carneys Verbundenheit zu Europa?

Bevor Carney Premierminister wurde, war er Präsident der kanadischen Zentralbank. Davor wiederum war er Präsident der britischen Zentralbank - zu der Zeit, als Großbritannien den Brexit beschlossen hatte und der Brexit gemanagt werden musste. Diese Aufgabe hat Carney erfolgreich bewältigt. Deshalb kennt er sich gut mit der EU aus. Zudem hat Carney ein großes Selbstbewusstsein - und damit das Format, sich nicht so leicht von Trump einschüchtern zu lassen. Daran könnte sich der eine oder andere europäische Politiker ein Beispiel nehmen. Carney ist jedoch auch radikal pragmatisch. Er hat ein realistisches Verständnis davon, wie abhängig Kanada dann doch von den USA ist. Um künftig einen Hebel gegenüber Trump zu haben, spricht Carney nicht nur mit Wertepartnern wie den Europäern, sondern auch mit den Chinesen.

Laut einer Umfrage der Tageszeitung "The Globe and Mail" befürworten knapp 60 Prozent der Kanadier einen Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union. Für eine Mitgliedschaft müssten aber die Europäischen Verträge geändert werden, die bislang klare geografische Grenzen setzen: Nur europäische Länder dürfen beitreten. Wie wahrscheinlich ist ein EU-Beitritt Kanadas?

In der Politik soll man niemals nie sagen. Aber die Bestrebungen in Kanada für einen EU-Beitritt sind noch nicht fortgeschritten genug, zugleich sind die Hürden dafür relativ hoch. Ich zweifle aber, inwiefern die EU wirklich ein Teil der kanadischen Identität ist. Kanada ist nicht nur eine europäische Nation, sondern auch eine pazifische Nation. In den letzten Jahren gab es viel Einwanderung aus Asien nach Kanada gegeben. Diese multiethnische Gesellschaft ist wiederum ein möglicher Anknüpfungspunkt Kanadas an die EU.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Mit Johannes Thimm sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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