Politik

Olympia als Risiko für Premier Tokio im Notstand für die ungeliebten Spiele

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Zum vierten Mal muss Tokio in den Notstand gehen - diesmal vor allem, um die Olympischen Spiele zu ermöglichen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Olympia sollte den Sieg der Menschheit über Corona ausdrücken, so hatte es Japans Regierungschef Yoshihide Suga Anfang des Jahres angekündigt. Nun werden sich die Sportlerinnen und Sportler in steriler Atmosphäre ohne jedes Publikum miteinander messen. Rabea Brauer, Leiterin des Japan-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tokio, sprach mit ntv.de über den Notstand, unter dem die Tokioter nun schon wieder leiden, und über die Spiele, die sie nicht haben wollten.

ntv.de: Spiele ohne Zuschauer - wird Japans Triumph über Corona nun zur Niederlage?

Rabea Brauer: Der Premierminister musste die Bedeutung der Spiele so überhöhen, um die Bevölkerung zu überzeugen, denn die war von Anfang an mehrheitlich gegen die Spiele zum jetzigen Zeitpunkt. 60 Prozent hätten sich eine Verschiebung ins kommende Jahr gewünscht, das war durchgehend Ergebnis der Umfragen. Aber eine nochmalige Verschiebung kam für das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht in Frage.

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Rabea Brauer leitet das Japan-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tokio. Zuvor war die Politologin verantwortlich für die Asien und Pazifikabteilung der Stiftung. Mit der Region beschäftigt sie sich seit 20 Jahren.

(Foto: privat)

Und das war entscheidend?

Wenn es um Verantwortung geht, zeigt die Regierung auf das IOC und sagt, die Entscheidungsgewalt habe beim Komitee gelegen. De jure ist das auch korrekt, so sind die Verträge. De facto hätte Japan natürlich sagen können, wir richten die Spiele nicht zu diesem Zeitpunkt aus. Aber an Olympia hängen so viele Verkaufsrechte, Sponsoring-Verträge und Medien, das war Suga offenbar zu groß, um es abzusagen.

Die Bevölkerung zahlt einen hohen Preis dafür, über den 14 Millionen Einwohnern von Tokio wurde der Notstand verhängt.

Den hat die Regierung vorrangig ausgerufen, um die Spiele abhalten zu können und die Menschen zu Hause zu halten, das ist jedem klar in Japan. Und man brauchte die Maßnahmen auch, um Handlungsspielraum zu haben im Umgang mit den Athleten. Sie werden genauso angehalten, in ihren Quartieren zu bleiben, werden per GPS getrackt, müssen Tagesprotokolle abgeben, sich permanent an- und wieder abmelden. Im Grunde widerspricht diese Olympiade dem olympischen Geist.

"Notstand" klingt dramatisch - auf der Notfallskala hat Tokio Stufe 4 erreicht, das höchste Level.

Das klingt tatsächlich etwas dramatischer als es ist, diese Art Notstand herrschte in Tokio über weite Strecken der Pandemie. Es ist kein Lockdown - die Gastronomie zum Beispiel ist nur bei Öffnungszeiten und Gästezahlen eingeschränkt. Auch darf kein Alkohol ausgeschenkt werden. Die Menschen sollen Ansammlungen und Partys vermeiden und im Homeoffice arbeiten. Maske zu tragen, ist keine Pflicht, sondern nur eine Empfehlung. Das tun aber trotzdem alle, selbst wenn sie allein im Auto sitzen.

Das klingt tatsächlich nicht allzu streng im Vergleich mit den Lockdowns vieler europäischer Staaten.

Ja, und das ist gleichzeitig für viele das Problem: Sie empfinden die Maßnahmen als halbgar. Einzig bei den Einreisen war Japan eine Zeit lang sehr strikt und hat sich komplett abgeschottet. Selbst Japaner durften nicht aus dem Ausland zurückkommen. Firmen konnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zurückholen, Verwandtschaft war ausgesperrt. Demgegenüber wirken die Regeln im Land zu unentschlossen und schwach. Und sie bringen die Infektionszahlen auch nicht runter. Das frustriert die Menschen.

Dabei sind die Zahlen ja auch nicht wirklich weit oben. Tokio meldete zuletzt knapp 900 neue Corona-Infektionen, aber auf 14 Millionen Einwohner.

Japan hatte im Vergleich mit Europa nie dramatische Zahlen. Sie verweilten immer recht störrisch bei 1000 Fällen in Tokio, 2000 im ganzen Land. Solche Werte empfinden Japaner aber als unmöglich hoch. Auch wenn das Gesundheitssystem nie ans Limit kam. Da hätten die Intensivstationen der privaten Kliniken immer noch Kapazitäten gehabt, um Schwerkranke zu übernehmen. Aber auch die Zahl der schweren Fälle war im Vergleich niedrig. Das hat auch mit dem Lebenswandel zu tun, den die meisten Japanerinnen und Japaner führen.

Inwiefern?

Viele Vorerkrankungen - wie ein hoher Cholesterinspiegel, Übergewicht, Herzprobleme - gibt es in Japan kaum, das sind marginale Krankheitsbilder. Dann kommt dazu, dass die Menschen ein ganz starkes Bedürfnis haben, andere nicht zu stören und sie zu schützen. Die Maske war schon immer Alltagsgegenstand, den man auch bei einer Erkältung benutzt. Hände waschen ist enorm verbreitet und überall gibt es eine Möglichkeit dazu.

Das wirkt eigentlich wie beste Voraussetzungen, um gut durch die Pandemie zu kommen.

In diesen Bereichen schon, an anderer Stelle ist es für die Menschen sehr schwierig: in den Bahnen zum Beispiel. Über 40 Millionen Menschen fahren pro Tag mit dem Zug. Die Metropolregion Tokio ist so immens groß, dass die Leute im Durchschnitt anderthalb Stunden pro Arbeitsweg brauchen. Viele stehen noch länger dicht an dicht in den Zügen. Da ist das Infektionsrisiko einfach hoch, auch wenn alle eine Maske tragen. Und Homeoffice ist für viele keine Option.

Warum nicht? Von einem hochtechnisierten Land wie Japan würde man erwarten, dass Homeoffice ganz einfach umsetzbar ist.

Auf digitale Arbeitsabläufe ist Japan überhaupt nicht eingestellt, zu viele Dokumente müssen gefaxt und gestempelt werden. Auch wurde das japanische Mindset zum Problem: Wenn mein Nachbar sieht, dass ich das Haus nicht verlasse, dann arbeite ich in seinen Augen nicht, dann bin ich arbeitslos oder faul. Einer meiner Kollegen sagt: "Meine Kinder sehen mich nicht mehr zur Arbeit gehen. Was gebe ich für ein Bild von einem Vater ab?" Ziel war, den Pendleranteil auf 40 Prozent zu drücken. Das ist nicht annähernd gelungen.

Und nun sind die Menschen des fast ständigen Notstands müde?

Ja, erst recht, wenn er diesmal nur zugunsten der Spiele verhängt wird, die eine Mehrheit in Japan jetzt nicht haben wollte. Es gab Petitionen gegen Olympia, erst vorgestern haben vier Tokioter gegen die Ausrichtung der Wettkämpfe geklagt.

Wie in Deutschland gibt es auch in Japan im September Wahlen. Kann Olympia Suga das Amt kosten?

Premier Suga ist ohnehin umstritten, aber es wird vor allem der japanische Medaillenspiegel eine große Rolle spielen. Wenn das Gastgeberland in den Wettkämpfen erfolgreich ist, dann steigen die Chancen der Regierungspartei, die Nation in positiver Zustimmung abzuholen und auch die anschließenden Wahlen komfortabel zu gewinnen. Von den Fußballern erhofft sich die Politik Erfolge und natürlich sind auch die Erwartungen an Tennisstar Naomi Osaka extrem groß. Die Regierung will erstmal abwarten, wie sich Medaillenbilanz und Stimmung entwickeln. Danach wird dann der Zeitpunkt der Wahlen festgelegt, bislang steht noch kein genaues Datum.

Mit Rabea Brauer sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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